Rixdorfer Grundschule : Elterninitiative kämpft gegen Vorurteile

Schulen im Brennpunkt eine Chance geben, das trauen sich inzwischen mehr Eltern und tun sich zusammen. Ein Beispiel aus Neukölln.

Engagierte Eltern: Christian Schmidt und Wieschen Siewers.
Engagierte Eltern: Christian Schmidt und Wieschen Siewers.Foto: Frank Bachner

Die Kämpfe um die Ritterburg finden zwei Meter neben der Spielzeug-Waage und dem grauen Telefon mit Wählscheibe statt. Und wenn einer erschöpft von den Kämpfen ist, kann er drei Schritte weiter einkaufen und an der Plastik-Registrierkasse zahlen. Alles da, eingerahmt von hellblauen Wänden und Bildern an der Wand.

Vom Unterricht zum Spielparadies sind es nur vier Meter. Klassenraum und Freizeitraum liegen eng nebeneinander, eines der besonderen Merkmale der Rixdorfer Grundschule. Bis einschließlich der dritten Klasse haben alle Schüler zwei Räume zur Verfügung, fürs Lernen und zum Spielen.

Dazu kommt, weiteres Merkmal, eine zweisprachige Unterrichtsform für eine bestimmte Zahl von Schülern. Zusatzstunden in Deutsch und Türkisch. Die Schule besitzt auch zwei Sporthallen. Andreas Kolbe zählt alles auf, während er durch die Schule läuft. Und natürlich „gibt es ein wahnsinnig engagiertes Kollegium“. Das ist erstmal ein Pflichtsatz, der Schulleiter muss das erzählen.

Aber Christian Schmidt und Wieschen Siewers erzählen das auch, damit ist es nicht mehr bloß ein Pflichtsatz. Ihre Söhne sind jeweils sechs Jahre alt, sie gehen seit diesem Schuljahr in den wichtigen Bau. „Die Schule macht einen sehr engagierten Eindruck. Unsere Kinder sind sehr zufrieden“, sagt Siewers. „Das Kollegium ist toll“, sagt Schmidt. Sie haben in der Schule hospitiert, bevor sie ihre Kinder angemeldet haben, der Unterricht hat sie beeindruckt.

Partiell raues Pflaster

Es gibt da nur dieses eine Problem. Die Rixdorfer Grundschule liegt in Nord-Neukölln, Nähe Karl-Marx-Straße, partiell raues Pflaster. Ein Areal, das bei vielen Ängste auslöst, vor allem bei bildungsnahen Eltern.

Eltern wie Christian Schmidt und Wieschen Siewers. Sie hatten Bilder im Kopf, gängige Bilder, von hoch aggressiven Schülern, desinteressierten Eltern, miserablem Unterricht. Aber sie haben umgedacht, seit sie die Realität in der Rixdorfer Grundschule erlebt haben.

Deshalb haben sie die „Initiative Rixdorfer“ gegründet, zusammen mit weiteren Eltern. Sie kämpfen jetzt gegen die Bilder an, die sie selbst im Kopf hatten. Sie kämpfen gegen das Urteil an, dass in Neukölln die meisten Schulen ein Problembereich sind, in dem Schüler die Polizei ebenso oft sehen wie den Hausmeister.

Sie kämpfen um Toleranz. Eltern sollten sich die Schulen in ihrem Einzugsbereich zumindest mal anschauen, bevor sie ihr Urteil fällen, finden sie. „Der Schule eine Chance geben“, so nennt das Christian Schmidt. Schließlich finden jetzt die Anmeldungen fürs neue Schuljahr statt.

Engagierte und herzliche Kollegen

Siewers und Schmidt stehen nicht allein. Wie berichtet versucht beispielsweise auch an der Neumark-Schule in Schöneberg, einer Brennpunktschule, eine Mutter, andere Eltern zur einer Anmeldung zu motivieren. Die Mischung soll heterogener werden, Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern sollen neben Kindern aus bildungsnahen Elternhäusern sitzen.

Auch an der Spreewaldschule in Schöneberg, die wegen ihres Wachschutzes in den Schlagzeilen war, versucht Heinke Wottke, das Image der Einrichtung zu verbessern. Sie hat ihren Sohn für nächste Schuljahr angemeldet, eine Entscheidung, für die sie fast schon begeistert ihre Gründe anführt: „Die Kollegen sind herzlich und hoch engagiert, sie haben am Tag der offenen Tür alle Fragen beantwortet.“

Zum Beispiel zur jüngsten, umstrittenen Vergangenheit. Die Lehrer seien bei Antworten nicht ausgewichen. „Sie haben gesagt, dass Schüler aus bildungsnahen Elternhäusern eine Art Vorbild für jene Kinder sind, die diesen Hintergrund nicht haben.“

In der Rixdorfer Schule sitzt Kolbe jetzt in seinem Büro und sagt: „Wir sind eine Schule in einem Brennpunkt, aber wir sind keine Brennpunktschule.“ Er ist verantwortlich für 374 Schüler, 41 Lehrer, 23 Erzieher und fünf Sozialarbeiter, der Anteil der Kinder nicht deutscher Herkunft liegt bei 89,3 Prozent. Aber das ist Statistik, kein Qualitätsmerkmal. „Die entscheidende Frage lautet: Wie bildungsfern ist das Elternhaus?“ Er hatte mal einen syrischen Schüler – Vater Arzt, Mutter Englisch-Dozentin.

Es kommen so viele Leute wie seit Jahren nicht

Am vergangenen Freitag veranstaltete die Rixdorfer Grundschule ihren Tag der offenen Tür, und Kolbe registrierte „so viele Leute wie in den ganzen Jahren zuvor nicht“. Es ist nur ein Gefühl, aber Kolbe glaubt, dass auch die „Initiative Rixdorfer“ ihren Anteil an dieser Resonanz hatte.

Wieschen Siewers und Christian Schmidt verteilen Flyer, organisieren am 19. September einen Infoabend im Quartiersmanagement Donaustraße Nord und haben eine Homepage eingerichtet. Bei Kolbe stoßen sie auf Unterstützung. Der nimmt auch die Ratschläge der Initiative an, mit denen man die Schul-Homepage verbessern könnte. „Die Vorschläge kamen nicht fordernd, sie waren konstruktiv, wir haben sie sofort angenommen.“

Natürlich, es kann ja nicht anders sein, löst auch die „Initiative Rixdorfer“ Kritik aus. Ein Vorwurf lautet: Sie würde Schüler aus bildungsfernen Haushalten von der Schule vertreiben und wolle Strukturen zerstören. Ein angesichts der Absichten der Initiative fast schon kurioser Einwand.

„Kritik kommt vor allem von linken Eltern“, sagt Wieschen Siewers. Es sind nicht viele, aber sie sind lautstark genug. Allerdings: Die „Initiative Rixdorfer“ spricht nur für diese Schule, alles andere wäre anmaßend. „Wir wollten nie eine Liste von guten oder schlechten Schulen aufstellen“, sagt Schmidt.

Alarm-Einsätze? Fehlanzeige

Für die Liste der schwierigen Schulen in Neukölln könnte die Polizei Stoff liefern. Sie ist bei bestimmten Lehranstalten oft genug vor Ort, an manchen Schulen sogar regelmäßig. Auch an der Rixdorfer Grundschule? Kolbe ist dort seit vier Jahren, seit diesem Schuljahr als Leiter. „Ich kann mich in dieser Zeit an keinen Fall erinnern, bei dem die Polizei wegen eines Gewaltvorfalls gerufen wurde.“

Das bedeutet nicht, dass sie nicht im Haus auftaucht. Als Kolbe einen Flur entlang läuft, taucht ein Polizist in Uniform auf. Doch ein Alarm-Einsatz? Alles okay, der Polizist kam nur zum regelmäßigen Anti-Gewalt-Training, das die Schule anbietet.