Stiller Abschied statt große Party : So war die Brexitnacht in Berliner Pubs

Keine Ode an die Freude, kein Fahnenschwenken, nicht mal Oasis. Zum Brexit blieb die erwartete Brexit-Abschiedsparty in Berliner Pubs aus.

Die EU-Flagge kam leider nicht zum Einsatz – außer als trauriger Getränke-Untersetzer.
Die EU-Flagge kam leider nicht zum Einsatz – außer als trauriger Getränke-Untersetzer.Foto: Jana Weiss

Trennungen sind selten leicht. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob das Ende der Beziehung plötzlich kommt oder sich schon seit längerer Zeit anbahnt – schmerzhaft ist beides auf seine eigene Art. Und am Ende will immer einer von beiden den anderen mehr loswerden. So auch bei Großbritannien und der EU.

Nach jahrelangem Hin und Her, endlosen Malen „wir müssen reden“, zwischenzeitlicher Hoffnung, dass man es doch noch auf die Reihe kriegen würde, war endlich klar: UK wird am Freitagabend seine Koffer packen und gehen – nach so vielen Jahren Ehe. Man könnte annehmen, dass so eine Scheidung irgendwem irgendwas bedeutet. Dass Tränen vergossen und Teller an die Wände geworfen werden.

Oder zumindest, dass ein betrunkener Brite „Don’t look back in Anger“ singt, während er mit seinem Bier eine in Flammen geratene EU-Flagge löscht. Gerade in Berlin, wo British English bald zum landestypischen Dialekt gezählt werden sollte.

In Neukölln, dem gefühlten Epizentrum britischer Expats, ist davon am Austrittsabend jedoch wenig zu spüren. In der britischen Bar Das Gift hängt zwar eine EU-Flagge im Fenster, darunter der Slogan „We still love EU“. Drin wird man jedoch so unterkühlt empfangen, dass man sich fragt, ob sich schon ein neuer Partner im Hinterzimmer versteckt.

Kurzer Zwischenfunk an einen befreundeten Barkeeper in Mitte: „Sind bei euch Engländer?“ – „Nur einer. Der, der immer hier ist. Gerade ‚God save the Queen’ von den Sex Pistols angemacht, hat keinen interessiert.“ Also weiter nach Friedrichshain, quasi das Camden Berlins, nur dass es hier mehr Sterni als Stars gibt.

Glänzendes Hostel statt verrauchter Pub

Direkt am Frankfurter Tor befindet sich The Castle, ein Pub, das genauso auch in London stehen könnte: Von außen sieht es schick, ja fast herrschaftlich aus. Drinnen ist es etwas ungemütlich, zu hell, zu glatt, Atmosphäre und Einrichtung erinnern eher an ein Hostel und rauchen darf man auch nicht.

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Auch das passt ja zur Trennung: Man versucht, eine besonders glänzende Fassade aufzulegen, um zu verstecken, wie schlecht es innendrin aussieht. Allerdings ist die Stimmung im The Castle deutlich freundlicher als in Neukölln und auch das Bier schmeckt gut.

Die große Brexit-Abschiedsparty in Berliner Pubs blieb aus.
Die große Brexit-Abschiedsparty in Berliner Pubs blieb aus.Foto: Jana Weiss

Eigentlich sollte hier ein „Stammtisch für Europa“ mit europäischem Essen stattfinden, damit niemand am Brexit-Day allein sein müsse. Um 11 sind davon allerdings nur noch eine leere Dose Chips übrig und eine kleine, traurige EU-Flagge, die als Getränke-Untersetzer dient.

Um Mitternacht passierte nichts

Außerdem ein vollgesiffter Zettel mit der Aufschrift „Brexit-Stammtisch“. An einigen Biergarnituren sitzen noch Gruppen junger, englischsprechender Menschen – doch gegen halb 12, also kurz vor Brexit-Time, stehen die meisten von ihnen auf und gehen. Um Mitternacht passiert nichts.

Keine Ode an die Freude, kein Fahnenschwenken, nicht mal Oasis. Die letzten Übriggebliebenen prosten sich so traurig zu, wie man sich eben traurig zuprosten kann. Kurzer Versuch einer Kontaktaufnahme, ein einzelnes zartes Glas-an-Glas-Stoßen, dann will man offenbar lieber wieder unter sich sein. Die Reporterin und ihr Freund sitzen bedröppelt und allein am Brexit-Stammtisch. So fühlt sich also Verlassenwerden an – und der, der Schluss gemacht hat, dreht sich nicht mal mehr um. There’s no future.

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