Verwahrlosung in Berlin : Wie Dealer und Stricher den Tiergarten aufteilen

Drogenhandel und Prostitution gehören im Tiergarten zum Alltag. Wenn die Dunkelheit kommt, wird es selbst den Strichern zu gefährlich. Unser Blendle-Tipp.

Problemzone. Der Tiergarten ist zum Synonym geworden für einen Staat, der seinen Aufgaben nicht nachkommt.
Problemzone. Der Tiergarten ist zum Synonym geworden für einen Staat, der seinen Aufgaben nicht nachkommt.Foto: Cay Dobberke

Noch einen Schluck aus der Bierdose, eine Kippe drehen, dann steht Youssef S. paffend von der Bank im Tiergarten auf und läuft auf die mächtige Eiche zu, unter der die zwei Männer warten, die zuvor minutenlang durch die Büsche um die Parkbank kreisten wie Förster um einen Pfau.

Mit einem der beiden Herren wird Youssef S. gleich dem nachgehen, was man Broterwerb nennen könnte, wenn S. von seinem Lohn nicht lieber Heroin kaufen würde. Für das Pulver wird er sich an diesem Herbstabend prostituieren.

Je nach Praktik, Dauer, Ort – im Gebüsch, im Auto, in einer Wohnung – bekommt Youssef S. 20, 30, maximal 50 Euro dafür. „Aber ich mache nicht alles“, sagt er in einem Mix aus Deutsch, Farsi und Kurdisch. „Wirklich nicht!“

Im Berliner Tiergarten soll das bedeuten, er belasse es bei Praktiken, die in den Herkunftsländern junger Männer wie ihm als gerade noch akzeptabel gelten könnten. Die Sexarbeiter – landläufig Stricher genannt – im Tiergarten kommen aus Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan. Neu ist nicht nur die Zusammensetzung der Stricherszene im Park, sondern auch die Herrschaft von Banden, die es Einzelgängern wie Youssef S. schwer macht.

Youssef S., 26 Jahre, sagt, er sei Taxifahrer in Teheran gewesen. Im Sommer 2015 kam er demnach über die Türkei, den Balkan, Österreich nach Berlin. „Alle wollen doch in diese Stadt“, sagt er.

Der Tiergarten sei eine neue Problemzone geworden, sagen Polizisten

Einige bezweifeln, dass die Stadt das noch lange mitmacht. Auch im Tiergarten, schon länger Schauplatz von illegaler Prostitution, Drogenhandel und Gewalt, scheint eine Schwelle überschritten zu sein. Die 2,1 Quadratkilometer Grün sind auf dem Weg, zum deutschlandweiten Synonym zu werden für unbewältigte Folgen der Flüchtlingskrise, für einen Staat, der seinen Aufgaben nicht nachkommt, für Wegschauen und Schönrederei, Angst und Elend. Eingewanderte Obdachlose lassen sich nieder, Sexarbeiter säumen die Waldwege. Vor einigen Wochen wurde eine Frau im Tiergarten ermordet – verdächtig ist ein vorbestrafter, ausreisepflichtiger Tschetschene.

Sozialarbeiter, Polizisten und Politiker reden davon, dass der den Park umgebende Altbezirk Tiergarten Berlins neue Problemzone geworden sei. Mitarbeiter des Grünflächenamts berichten von Flaschen werfenden Obdachlosen, von Flüchtlingen, die sich prostituieren, von Junkies, die sich im Kleinen Tiergarten, der Insel im Verkehrsstrom vor dem Bezirksamt, um Heroin prügeln.

Inzwischen sprechen sie sogar in den Bundesbehörden über „die Lage“, wie es ein Staatssekretär ausdrückt, denn nicht nur das Bezirksamt, sondern auch die Büros des Bundespräsidenten und des Innenministers sind in wenigen Fußminuten von jener Bank aus zu erreichen, auf der Youssef S. an diesem Nachmittag seinen Arbeitstag beginnt. Im Rathaus hat Stephan von Dassel, Mittes Bürgermeister, darauf hingewiesen, dass viele der Männer, die offenbar im Tiergarten leben, Einwanderer seien – und ihre Ausweisung gefordert. Von Dassel, ein Grüner, wurde dann von den Bezirksverordneten seiner Partei scharf attackiert.

Solche Debatten bekommt Youssef S. nicht mit. Auch S. hat Angst. An diesem Tag ist er nicht der einzige Stricher im Tiergarten. Auf den paar Hundert Metern zwischen Hansaviertel und der Straße des 17. Juni konkurrieren Dutzende junge Männer, unter ihnen Minderjährige, um das Geld der älteren Kundschaft. Die Freier wissen, worauf sie sich hier einlassen. Schon manche Abende endeten damit, berichten sie, dass sie von Gruppen geschlagen und beraubt wurden.

Der Zuhälter ist mit dem Fahrrad unterwegs, passt auf - Strichpolizist

Diese Cliquen sind offenbar dabei, den Park unter sich aufzuteilen. Zunächst sind da junge Afghanen. Sie haben ein Lager aufgeschlagen, in dem einige von ihnen die Nächte verbringen. Ihr Zelt, dazu Isomatten und Plastiktüten, steht an der Wiese neben der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche.

Youssef S. sitzt 100 Meter weiter auf der Bank. „Das sind böse Männer“, sagt S. und vermeidet den Blick zum Zelt. „Solche Leute kenne ich aus den Hangars.“ Seit zwei Jahren, sagt S., wohne er in der Notunterkunft des früheren Flughafens Tempelhof. Er hat eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre und sechs Monate, denn Youssef S. ist Christ. Im Nahen Osten leben Christen gefährlich, in Berlin auch. Bekannt ist, dass sie in Flüchtlingsheimen als Ungläubige bedroht, bespuckt, geschlagen wurden.

Nun beobachtet S. von der Parkbank aus die andere Seite, die Waldwege zum Schloss Bellevue. Dort haben vier, fünf Iraker das Sagen. Der Kleinste von ihnen wird an diesem Abend mit einem Freier zwischen den Bäumen verschwinden. Unter den Irakern, scheint es, gibt es einen Chef, ein bisschen älter und größer als die anderen. Er ist mit Fahrrad unterwegs, hält – eigener Auskunft zufolge – Kontakt zu Dealern, mischt sich ein, wenn es Ärger mit Freiern und Konkurrenten gibt. Ein Strichpolizist.

Man kenne solche Berichte zwar, sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf, allerdings falle der Tiergarten strafrechtlich gesehen bislang kaum auf. Womöglich, weil sich die Männer, die dort verkehren, selten an die Polizei wenden.

Überall rund um die Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche sind die Spuren der Stundenlöhnerei auf dem dunklen Parkboden verteilt. Benutzte Kondome liegen herum, Taschentücher, Zigarettenstummel, Spritzen, Alufolienfetzen.

Auch Youssef S. hat Folie dabei. Jeden Tag streut er Heroin darauf, erhitzt es mit einem Feuerzeug, inhaliert den Rauch. Hierzulande ist vielen unbekannt, dass Millionen Iraner, Afghanen, aber auch Iraker, Pakistaner süchtig sind. Dass im Nahen Osten trotz drakonischer Strafen massenhaft Drogen genommen werden. Seiner Mutter in Teheran erzählt Youssef S., er arbeite in einem Café.

An einem anderen Tag steht das Zelt der Afghanen offen. Sorry, möchte von euch jemand Kaffee, Kuchen? Aus dem Dunkel der Behausung antwortet eine tiefe Stimme auf Dari, Afghanistans häufigster Sprache. Drei Jungen, schmaler als die Iraker, kriechen aus dem Zelt, plötzlich ...

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