Vor dem Hotel „Estrel“ : Neukölln soll ein Autokino bekommen

In Neukölln soll bis Juni ein Autokino entstehen, auch Konzerte und Gottesdienste könnten dort stattfinden. Weitere könnten folgen.

Kontakloses Kulturvergnügen. In der Coronakrise haben Autokinos viele Vorteile.
Kontakloses Kulturvergnügen. In der Coronakrise haben Autokinos viele Vorteile.Foto: dpa

Kultur erlebbar machen in Zeiten von Corona – dieser Herausforderung will sich die Berliner Künstlercrew „Dixons“ stellen. Dabei greifen sie auf ein Mittel zurück, dass schon fast als ausgestorben galt und nun ein unerwartetes Revival erlebt: das Autokino.

Auf dem Parkplatz des Neuköllner Hotels „Estrel“ an der Sonnenallee plant das Kollektiv jetzt also das nächste große Ding – Kultur von Bingoabend bis Netflixserie, erlebbar aus dem eigenen oder auch vor Ort bereitstehenden Auto, „von mir aus auch vom Fahrrad oder Skateboard aus, Hauptsache Abstand einhalten und Maske auf“, sagt Kimo von den Dixons.

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Bekannt wurden die Dixons, neben Kimo noch Jörn und Bolle, für Street-Art- und Graffitiprojekte. Sie ließen für „The Haus“ hunderte Künstler ein leerstehendes Bankgebäude bemalen und brachten für das „Berlin Mural Fest“ internationale Streetart-Künstler an einige der höchsten Fassaden der Stadt.

Hygieneregeln müssen eingehalten werden

Den Anstoß für ihr neues Projekt gab der Berliner Rapper Sido. Gemeinsam mit Kollege Alligatoah gab Sido Ende April ein Konzert in einem Düsseldorfer Autokino. „Da haben wir uns ganz ehrlich gefragt: Warum macht der das in Düsseldorf und nicht in Berlin?“, sagt Kimo.

Seit vergangenem Donnerstag sind auch in Berlin Autokinos wieder genehmigt. Sofern bestimmte Hygieneregeln – mindestens 1,50 Meter Abstand zwischen den Fahrzeugen, geschlossene Verdecke und Fenster, kontaktloser Ticketverkauf – eingehalten werden, dürfen sie nun wieder betrieben werden, heißt es in der aktuellen Verordnung zur Eindämmung der Coronapandemie vom 7. Mai.

Vor dem „Estrel“ in Neukölln gebe es aktuell wegen der fehlenden Gäste 600 freie Parkplätze, sagt Kimo. Dort soll nun „The Parkplatz“ entstehen, „lieber heute als morgen.“ Auf einer riesigen Leinwand soll dann täglich Programm angeboten werden, egal ob eine Liveübertragung eines Geister-Fußballspiels von Hertha oder Kinofilme. Auch Livekonzerte wie jenes von Sido in Düsseldorf können sich die „Dixons“ vorstellen. „Wir wollen Kunst und Kultur in Berlin unterstützen und eine Plattform bieten, damit Leute wieder was erleben können“, sagt Kimo. Auch ein kleines Gastronomieangebot soll es geben.

Genehmigungen stehen noch aus

Bevor die Leinwand flimmert, müssen allerdings noch einige Formalien erledigt werden. Bislang stehen die Genehmigungen aus, auch Brandschutz- und coronataugliche Hygienekonzepte muss die Gruppe nun innerhalb kürzester Zeit entwickeln. Die Dixons planen einen Start spätestens Anfang Juni, ein genaues Datum wollen sie in den kommenden Tagen verkünden.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sagte dem Tagesspiegel, er finde die Pläne der Dixons "sehr gut", die bisherigen Planungen klängen vernünftig. Sobald die entsprechenden Konzepte vorliegen würden, spreche aus Sicht des Bezirksamtes bislang nichts gegen eine Genehmigung.

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Nicht nur in Neukölln, auch in anderen Ecken der Hauptstadt starten aktuell Planungen für Autokinos. Bundesweit gab es laut Angaben der Bundesnetzagentur in den vergangenen Wochen mehr Anträge für die Erteilung der speziellen Frequenzen für Autokinos als je zuvor. Neben Kinofilmen finden auch Klassikkonzerte und Gottesdienste vor den Windschutzscheiben statt.

In der Köpenicker Straße in Kreuzberg hat Sascha Disselkamp, Betreiber des Sage-Restaurants, ein Trabi-Kino errichtet. Und auch in Spandau liebäugelt man mit der Idee: Patrick Sellerie, Chef der Wirtschaftsförderung im Spandauer Bezirksamt, drängelte damit beim Senat. Dort könnten sich etwa das Kino im Kulturhaus und das Freilichtkino an der Planung beteiligen.

In der Coronakrise hätten Autokinos viele Vorteile, findet Sellerie. „Fenster geschlossen, Sound übers Autoradio, kein Kontakt zu Angestellten – und Filme haben die beiden Spandauer Kinos genug“, erzählt er. „Die Umsetzung wäre leicht. Diese Idee will ich in Spandau nicht nur fördern, sondern unbedingt umsetzen.“

Damit würde eine alte Idee auch an einen ihrer Ursprungsorte zurückkehren. Bis 1980 gab es ein Autokino, das angeblich deutschlandweit das zweite gewesen sein soll, mit 1000 Stellplätzen in der Motardstraße in Siemensstadt. Dann wurde allerdings das dortige Kraftwerk erweitert, das Kino musste weichen. Ein weiteres befand sich bis Ende der 1970er dort, wo nun eine Ikea-Filiale steht.

Mit der aktuellen Krise könnte die Tradition nun wieder belebt werden. Wo das dritte, neue Spandauer Autokino entstehen könnte, ist noch unklar – „Den Standort möchte ich noch nicht verraten“, sagt Sellerie. Fortsetzung folgt.

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