zum Hauptinhalt

Erfolg in der Hauptstadt: Was man von Berlin lernen kann

Berlin, die Stadt der Zugezogenen und Neu-Berliner. „Hier wird man nicht gefördert“, heißt es, „sondern gelassen.“ Acht Menschen schildern ihre persönlichen Stadtlektionen – und wie Berlin ihr Denken, ihre Kunst, ihre Arbeit beeinflusst.

Man muss davon ausgehen, dass ein Ort etwas mit einem macht. Einen etwas lehrt. Einen zu einem anderen Menschen macht, womöglich gar zu einem besseren. Sonst würden ja gar keine Reisen unternommen, keine Aufenthaltsstipendien ausgeschrieben, Kulturinstitute gegründet, keine Stadtschreiber ausgerufen und Austauschprogramme aufgelegt. Hunderte Schulfahrten werden jedes Jahr nach Berlin unternommen in der Hoffnung eines Lernerfolgs. All dies fußt auf der Annahme, dass ein Ort einen etwas lehrt. Dass Erkenntnisse winken. Was aber winkt in Berlin?

Es ist Mitte der 90er, aber das spielt überhaupt keine Rolle, weil er ja jederzeit passieren kann, der Berliner Zugehörigkeitsmoment. Damals, vor einem Café am Chamissoplatz sitzend, drückten sich plötzlich Reisebusse zwischen den Altbaufassaden hindurch, und die Fahrgäste fotografierten: uns. Die wir gerade erst in Berlin lebten. Also uns als Berliner. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich der Blick gedreht. Für die waren alle hier Berliner, eine Reise wert. So einfach war das also. Wer da ist, ist dabei.

Da sind alle diese Berliner Orte, die von außen für „so Berlin!“ gehalten werden. Da ist zum Beispiel das „Grill Royal“, ausgeheckt von einem Rheinländer, Teil eines originellen Gastro-Imperiums. Da ist der erste vegane Supermarkt, gegründet von einem Stuttgarter. Da sind die Berlin-Highlights der Architektur, von Reichstagskuppel und Jüdischem Museum bis zum Neuen Museum: kein Berliner Architekt dabei. Man pilgert in die Philharmonie, wo der berühmte, unverwechselbare „Berliner Sound“ der Philharmoniker erklingt, aber am Kontrabass zum Beispiel steht Edicson Ruiz, der in einem Armenviertel in Caracas aufwuchs. Die Neuerfindung des Berliner Tanzes betrieb Sasha Waltz, die aus Karlsruhe kam. Die „Berliner Gesellschaft“ traf sich im Garten des Managers Heinz Dürr, der kam aus Stuttgart und hatte als Erster in Berlin ein Haus von David Chipperfield bauen lassen, als den noch niemand kannte.

Die Leute kommen her – und verändern ihrerseits Berlin. So eine Definitionsmacht haben Zugereiste in keiner anderen deutschen Stadt, oder?

„Das machen wir hier nicht“, konnte er nicht sagen.

Helmut Kohl hatte den Manager Heinz Dürr aus Stuttgart gebeten, nach der Wende die Reichsbahn und die Bundesbahn zusammenzuführen. 500 000 Leute. Dürr bezog 1990 als ersten Dienstsitz das Büro von Markus Wolf in der ehemaligen Stasi-Zentrale. „Stasi-Vergangenheit?“, fragte er die Mitarbeiter im Osten. „Sie können überall Nein reinschreiben, wir haben die Akten vernichtet“, war die Antwort. Da ahnte Dürr, dass er hier mit den bewährten Rezepten nicht weit kommen würde.

An einem sonnigen Märztag sitzt er in seinem Büro und lässt den Rauch seiner Pfeife Richtung Decke kräuseln, von hier aus hat er den ganzen Gendarmenmarkt im Blick. Heide Dürr, die neben ihm sitzt, fingert einen Konferenzkeks aus der Packung. Sie war es, die aus dem Pflichtberliner einen Wahlberliner gemacht hat. Mitte der 90er rief sie den Architekten David Chipperfield in London an: ob er ein Haus in Dahlem bauen wolle. Why not?, fragte der.

Sie orderte hohe Wände für die moderne Kunst und bestand auf hellem Backstein. „Mein Mann musste ja arbeiten.“ Wen die Stuttgarter anschließend in ihren Garten luden, der gehörte zur Berliner Gesellschaft.

Vor 16 Jahren gründete Dürr den Berlin Capital Club mit, es gibt immer prominente Gastredner am Sitz im Hilton am Gendarmenmarkt, und die 1600 Mitglieder versuchen, das Beste aus der Fußläufigkeit zur Politik zu machen. „Obwohl es größer ist als Stuttgart, ist es konzentrierter“, sagt Heide Dürr über Berlin. Seit einigen Jahren unterstützen sie mit ihrer Stiftung örtliche Theater und ein frühkindliches Förderprogramm in Kitas.

Was hat er bei alledem gelernt? Dürr ist im angehängten Salonwagen der Reichsbahn gefahren, da war die Bahn noch der größte Grundbesitzer Berlins. Dürr begriff, dass er flexibler werden, generell großzügiger an Dinge herangehen musste. „Das machen wir hier nicht“, konnte er nicht sagen, wie er es in Stuttgart gesagt hätte.

Als nach der Wende der Bahntransport im Osten zusammenbrach, weil die Güter jetzt mit Lkws bewegt wurden, hatte er Loks übrig für den Westen. Aber die sturen Lokführer in Karlsruhe wollten mit den „kommunistischen Loks“ nicht fahren. „Schaut mal“, sagte er, „die Führerstände haben ein eigenes Waschbecken, das ist ja viel fortschrittlicher!“ Da stiegen sie auf.

Er lernte, Fragen zu stellen: „Die im Silicon Valley stellen Fragen, um dann die richtigen Antworten zu finden.“ Dürr ist jetzt 83 Jahre alt und natürlich noch Unternehmer. Gerade hat er sich an e-mio beteiligt, dem Unternehmen, das mit seinen Leih-Elektrorollern die Berliner Mobilität neu erfindet. Vielleicht fängt mit den Fragen alles an.

Wovon hängt ab, welche Fragen einer stellt, was einer hier lernt? Zum Beispiel davon, woher einer kommt, womit er es vergleicht. Deshalb vermischt sich für Edicson Ruiz der Kantinenduft in der Philharmonie mit seinem Deutschland-Bild. Ruiz gleitet nach der Probe in die Bank. Er ist verwachsen mit seinem Kontrabass, er erlebt Berlin in der zeitlichen Schablone der Übungszeiten, seitdem er 2003 mit 18 Jahren der jüngste Philharmoniker wurde, den diese je aufnahmen – und der erste Lateinamerikaner, zuständig für den unverwechselbaren Berliner Sound des Orchesters.

Wie man sich hier pflegt, auf das Essen achtet und den Körper in Schuss hält! Und die Ärzte erzählen wirklich etwas! Ruiz ist in Berlin hinabgetaucht in die Effekte der Vitamine A bis E. Diese Vitamin-Quinte. Ah, und die Benutzung von so etwas wie Zahnseide! Ruiz muss lachen. Musikalisch, sagt er, sei sein Ton noch immer zu rau.

Und dann die Gesetze: Sein von der Mutter getrennt lebender Vater hat nie irgendetwas gezahlt für den Sohn. Er dagegen war in Deutschland ein paar Jahre mit einer Frau verheiratet – und musste für die Scheidung 150 000 Euro zahlen. Er weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. Als Kind hätte es seiner alleinerziehenden, nachts durch Caracas Taxi fahrenden Mutter sehr geholfen, wenn der Vater zu zahlen verpflichtet gewesen wäre.

Aber an Berlin kann man sich nicht wärmen, sagt er. Je weiter man in den Norden komme, desto kühler würden die Menschen. „Hier habe ich gelernt, Distanz zwischen Menschen zu respektieren.“ Er umarmt zwar täglich seinen Kontrabass, aber die emotionale Wärme, die müsse man sich woanders suchen. Ruiz sagt, er habe hier Disziplin gewonnen und Spontaneität verloren. Er versucht, sich nicht langfristig zu verabreden, dann hat er oft gar keine Lust mehr, wenn er nicht spontan irgendwo hingehen kann. Und er schreibt so umwerfend herzliche E-Mails, dass man als Berliner Angst bekommt, er könne es ironisch meinen.

Am Anfang steht in Berlin häufig ein tief empfundener Mangel. Und weil es kein anderer tut, muss man ihn selbst beheben. Barnaby Weiler gründete das „Berliner Klavier-Festival“, weil er fand, dass es in Berlin nicht genug Klavierabende gab. Ausgerechnet. Die Tür zu seiner Wohnung springt auf in Lichterfelde-West, und schon kullern laute, selbstbewusste Klaviertöne ins Treppenhaus. Der Klavierstimmer sei gerade da. Dass hier alle Handwerker so selbstbewusst seien, das sei bemerkenswert. Der Klempner: seit Jahren der gleiche. Der Schornsteinfeger: kennt den Schornstein schon länger, als Weiler hier wohnt. Was für ein Selbstbewusstsein der Arbeiter!

Weiler studierte Mathematik, weil in England nur der Akademiker etwas gilt. Im Nachhinein findet er das unnötig, er arbeitete in London kaufmännisch in einem Musikverlag, bis die Liebe ihn nach Berlin lockte. Einem Berliner wäre es wahrscheinlich niemals aufgefallen, dass Berlin ausgerechnet noch ein Klavierfestival fehlt. Ein Berliner hätte die Konkurrenz gesehen. „Konkurrenz?“, fragt Weiler entgeistert. Na gut, es gibt jeden Abend Veranstaltungen. Aber doch keine guten Liederabende! Er mietet den kleinen Saal im Konzerthaus, der den Vorteil einer intimen Atmosphäre bietet. Es beschäftigt ihn gut, er kann das um seine Kinder herum organisieren. Der Familienrat war einverstanden. Den Rest hält Weiler für kaum der Rede wert: Man muss mehr einnehmen, als man ausgibt. Woher soll er wissen, dass das in der Berliner Kultur schon eine große Hürde ist?

In London hätte er vielleicht gar nicht bemerkt, was fehlt. Es könnte ein Grund sein für den Erfindungsreichtum der Neu-Berliner, dass Leute von außen einfach mehr wahrnehmen. „Man kommt hierhin und sieht die Lücken.“

Im Radialsystem, an einer noch etwas räudigen Ecke Berlins, ist ein neuer Anbau kunstvoll auf einen Altbau gepfropft. In diesem aufgepfropften, veredelten Teil steht Sasha Waltz, Choreografin und Expertin für die Nutzung städtischer Lücken, am Fenster und blickt auf das andere Ufer der Spree. Sie beobachtet schon lange, wie sich die Entwicklung verlassener Orte entlang der Spree nach draußen drückt. Mit Verspätung landet sie heute in Treptow oder Oberschöneweide. Aber es ist noch immer möglich! Obwohl das Gelände der Eisfabrik gegenüber verkauft wurde, kommen ständig neue Zelte hinzu, temporäre Wohnungen. „Es gibt ein Gefühl von Freiheit in der Stadt“, sagt Waltz. Noch immer. Aber was genau macht diese Freiheit aus?

Schon oft ist das Lob der Lücke gesungen worden. Aber Brachen gibt es auch woanders. Eine Lücke in Eisenhüttenstadt ist trostlos, eine in Berlin ein Versprechen. Warum bloß ist das so, dass die Leere andernorts eine Verzweiflung, in Berlin aber eine Verheißung ist?

Sasha Waltz kann nur sagen, wie es für sie war, als sie, die in Karlsruhe groß geworden war, aus New York nach Berlin kam: „Nach der Wende rief der Ostteil der Stadt danach, neu definiert, neu erschlossen zu werden.“ Es war die Zeit, als am Potsdamer Platz die Info-Box stand und die Leute an die Ränder der geschichtsbedingten Löcher pilgerten, um gemeinsam einen Blick in den Abgrund zu werfen. Ja, die Leere war Wunde, aber diese alte Scharte war inzwischen zur größten Baustelle Europas geworden.

Nichts ist ja nicht nichts. Nichts ist eine Möglichkeit. Waltz spürte wie viele den Sog der Leere. „Es gab in Berlin Räume, die haben gewartet.“ Sie nennt diese Lücken die „Voids“ in der Stadt. „Voids“, das war der Begriff, den 2001 der Architekt Daniel Libeskind für die architektonischen Leerstellen in seinem Jüdischen Museum in Berlin eingeführt hat. Dort bezeichnen sie eine absichtsvoll bestürzende Leere. Kleine Räume, aber sehr hoch. In aller Stille schreit darin das ausradierte jüdische Leben zum Himmel. Kurz nach der Eröffnung standen in diesen „Voids“ die ersten Besucher und brachen in Tränen aus.

Waltz empfand die Lücken, Brachen und verlassenen Gebäude als einzige große Aufforderung. Sie hat einmal durchgezählt, in 25 Jahren kam sie auf über 25 Spielorte, die sie betanzt hat. In den Hackeschen Höfen ein Studio, ein zweites, das Studio in der Bergstraße über dem WMF. Ein Jahr im Podewil, dann die Sophiensäle, die sie aufmöbelte und zu einem Veranstaltungsort umbaute. Die Umzüge hörten erst mit ihrem Engagement an der Schaubühne auf.

Für Sasha Waltz, na klar, ist der leere Raum eine Aufforderung zum Tanz. „Jede Bühne ist ein großer, leerer Raum, der sich immer wieder verwandelt.“ Leere vorher, Leere nachher. Waltz betanzt sie zwischendrin. Kraft, Absicht und Beherrschung sind in Berlin nicht selbstverständlich, sondern ein flüchtiges Phänomen, für das man eigens ein Ticket löst.

Waltz hat dazu ein eigenes Genre entwickelt: das leere Museum, den leeren Kulturort vor der Eröffnung durch Tanz in Besitz nehmen. 2001 hat ihre Compagnie zum ersten Mal vor der Eröffnung im Jüdischen Museum des Amerikaners Daniel Libeskind getanzt, der hier als 50-Jähriger sein erstes Gebäude als Architekt verwirklicht hatte. So Berlin! Sie tanzte im Neuen Museum, spektakulär umgebaut von dem Briten David Chipperfield. So Berlin! Und es ist Waltz’ eigene Berliner Form geworden, mit dem Ziel, Leere zu beseelen. Das Format exportierte sie und eröffnete 2009 das von Zaha Hadid gebaute Museum Maxxi in Rom, zuletzt tanzte sie vor der Eröffnung in der Hamburger Elbphilharmonie.

Waltz’ Tanz ist heute ein internationales Aushängeschild Berlins. Sasha Waltz kam vor bald 25 Jahren in die Stadt ohne Sperrstunde, heizte bis zur Jahrtausendwende mit Kohlen, noch nach Jahren wird sie im Bioladen nicht persönlich begrüßt, „herrlich“. Sie beobachtet, wie sich die Leute hier verwandeln, von ihren Heimatdialekten bleiben in Berlin „nur kleine Musiken“.

Sie sagt: „Ich konnte etwas entwickeln in mir, eine Idee, die ich mitgebracht hatte und hier entfaltet habe.“ Möglich war das alles nur, weil es damals im Prinzip keine Strukturen gab, sagt Waltz. Jedenfalls nicht für den Tanz. „Genau deswegen konnte ich eine Form finden, die es eigentlich noch gar nicht gab.“

Die Lücken muss man selbst finden

Möbel, die man auf die Straße stellt. Innerhalb von Stunden weggerissen. Mitgenommen vom stetigen Strom der Bedürfnisse, dem stetigen Be- und Entsorgen, dem Strom der Dinge. Es braucht keine Struktur, das Ding macht sich selbst auf den Weg, findet seinen Platz in der Stadt.

Möglich, dass Edicson Ruiz aus Caracas dieser Entropie des Abfalls wenig abgewinnen könnte. Dass er darin nur die Armut sähe. Aber wenn man aus dem sortenrein getrennten Restdeutschland kommt, ist das Strukturproblem eine Chance. Das Verhältnis von Idee und Struktur wird in Berlin täglich neu verhandelt: Behindert die Struktur Ideen? Schließt sie welche aus? Oder fördert sie im Gegenteil Ideen, die nur in ihrem Schutzraum entstehen können? Welche Arbeit braucht Strukturen? An so einem Punkt müssen die Leute lernen, eigene Strukturen zu schaffen. Coworking. No working.

Waltz hat sich in Italien schon von Schönheit erdrückt gefühlt. Wenn im Alltag Kunst und Schönheit überhandnehmen „kann das auch entmutigend sein“. Denn man wird passiv, in die Rolle des Betrachters und Bewunderers gedrängt. Das kann in Berlin nicht passieren. „Die Stadt ist nicht fertig. Ist auch einfach hässlich. Das Leuchten muss von innen heraus kommen.“ Das bedeutet Arbeit.

Und diese Anstrengung ist vielleicht die Kehrseite der Freiheit. Die Haltlosen sind verloren. Sie vergessen irgendwann, dass sie eigentlich zu Ende studieren wollten. Dass sie als Künstler hier nur halb erfolgreich sind. Sie brauchen zu viel Kraft, um sich den Fliehkräften, der Entropie entgegenzustemmen. Denn die Stadt, diese große Zumutung, sie greift nach einem, stellt Aufgaben. Da lernt man, im Vorbeigehen den Obdachlosen eine brennende Zigarette aus der Kleidung zu ziehen. Und Frühling ist, wenn die Hundekacke taut.

„In Berlin kriegt man nichts geschenkt“, sagt Sasha Waltz. „Vor allem nicht als Frau.“ Dass einem hier alles gegeben werde, ist ja ein weitverbreitetes Missverständnis. Weil das nackte Leben lange so billig zu haben war, zumindest im Vergleich mit anderen Städten, ist das leicht zu verwechseln. „Die Lücken muss man sich nehmen“, sagt Waltz. Man muss sie „beackern“, urbar machen, „das ist immer mit Risiko verbunden.“ Sie war lange bereit, es zu tragen. „Man wird nicht gefördert, sondern gelassen.“

Regeln entstehen in Berlin durch Spiele

Ja, und vielleicht ist sie das, die spezifische Definition der Berliner Freiheit: Man wird gelassen. Möglich, dass das auch aus einer gewissen Faulheit rühre, an der Grenze zur Gleichgültigkeit. Eine Nachlässigkeit, die sich bis in die Kleidung der Leute hinein fortsetze und in den Zustand ihrer Seelen. Unten an der Spree sieht man die Baustelle, wo einstmals die Bar 25 der nuller Jahre war. Holzbauten kästeln sich auf, aus den Bretterbuden sind Gebäude mit Fundament geworden. „Die geben sich gerade eine eigene, feste Struktur“. Eine Kita, das Restaurant wird dort sein.

So gut wie nie, sagt Waltz, entspringe die städtische Entwicklung einem Plan. Es sind meistens einzelne Personen, die etwas in die Hand nehmen. Bis die Provisorien selbst Institutionen geworden sind. Man nehme nur Irene Mössingers Tipi am Kanzleramt – unter dem Namen Tempodrom stand ihr Zelt plötzlich in Beton gegossen am Anhalter Bahnhof.

„Man kreiert hier seine eigenen Regeln. Die entstehen durch die Spiele, die man spielt. Aber kann so eine Stadt immer weiter spielen?“ Vielleicht müsste Berlin nun langsam erwachsener werden, hat Sasha Waltz zuletzt gedacht. Viel öfter Grenzen ziehen, denn es passieren auch viele Dinge, die man hat geschehen lassen und die viele gar nicht wollten, wie die Investorenmacht an der East Side Gallery, die so unschön die Mauer durchbrach.

Der Supermarkt hat die Atmosphäre einer Bibliothek. Es ist still. Die Kunden stehen konzentriert vor den Regalen und sind in die Lektüre der Zutaten und Inhaltsstoffe vertieft. Die Stimmung irgendwo zwischen Lesesaal und Andacht. Nur in Berlin sei es möglich gewesen, den ersten veganen Supermarkt zu eröffnen, erzählte der Chef einmal. Weil nur dort eine kritische Menge Menschen von dieser Sorte zusammenkommt, damit es sich rechnet. Der Inhaber war ein von Konzernstrukturen ermüdeter Daimler-Manager aus Stuttgart. Sein Angebot war für alle fraglos: so Berlin! Insolvenz musste Jan Bredack nur wegen zu großen Erfolgs anmelden: Inzwischen führten nämlich so viele Läden vegane Produkte, dass sich ein eigener nicht mehr lohnte.

Berlin taugt für Suchbewegungen jeglicher Art, weil es von jeder Sorte mindestens einen Zweiten gibt. Berlin ist Knotenpunkt für so viele, das produziert eine ungeheure Dichte: zuletzt an Yogastudios, Chören, Supper-Clubs und Guerilla-Gärtnern. Für jeden Spleen ein dichtes Netz. „Es gibt die größtmögliche Anzahl an Leuten, die frei denken, auf der Suche und experimentierfreudig sind. Das macht sich in der Atmosphäre bemerkbar“, sagt Renate Ockel. Es ist das spezifische Glücksversprechen Berlins: Finde dich selbst.

Das Ziel, sich dabei nicht verbiegen zu müssen, ist natürlich relativ, wenn eine Yoga macht. „Yoga ist meine Lebensversicherung: Wenn man jung ist, zahlt man ein“, sagt Ockel.

Sie kam 1976 aus Hannover und hat hier Psychologie studiert. „Wenn du länger als fünf Jahre bleibst, gehst du nicht mehr weg“, prophezeite man ihr. Dann entdeckte sie ein Yogabuch bei Kiepert. Es schlug ein: Ausbildung in San Francisco, 1988 hat sie in der Akazienstraße in Schöneberg das erste Iyengar- Yoga-Studio in Berlin gegründet, heute eine Institution. Auf der Suche nach neuen Perspektiven entdeckte Ockel den Kopfstand und andere Stellungen. Überhaupt den Anteil des Körpers am Menschsein. „Man kommt sich selber näher als die meisten.“ Sie schnitt sich vor einigen Jahren ein Fenster in ihre West-Brandwand und sitzt nun auf dem Boden im Licht. Auch auf dem Boden der Tatsachen.

"Ich hoffe, du hast einen Plan B", sagt die Mutter.

In anderen Städten sei vielleicht der Druck größer, sich an existierende Formen anzupassen. Berlin hat gar keine Form.

Ockel sieht die Stadt als Aufforderung: Wer willst du sein? Sie nimmt Berlin persönlich, und so tun das ja die meisten: Das Versprechen richtet sich an jeden. Man muss dafür nicht prominent sein, nichts repräsentieren. Sie fühlt die Aufforderung: Sei du selbst. Mache deine Erfahrungen. Diese Frage stelle die Stadt dringlicher als andere, wo man sich damit fehl am Platze fühle. Als würde man noch immer nicht das „Richtige“ machen im Auge der anderen. Hier bewertet niemand, was richtig ist.

Aber Berlin macht es einem auch nicht leicht, man werde zu nichts gebeten. „Man darf auf nichts warten in dieser Stadt. Da passiert nichts. Man muss alles selber tun. Die Stadt steht fordernd da: Schaffe die Strukturen selbst.“ Das reizt Renate Ockel bis heute. Da kann jederzeit etwas Neues kommen. Aber längst ist ihre Entdeckung eingemeindet in die große Berliner Selbstverständlichkeit. In der Stadt, hat sie beobachtet, fehlt das Sorgfältige, das Vertiefende, die Ausdauer über die erste Begeisterung hinaus. Die wenigsten Leute üben Yoga auch zu Hause.

Vielleicht hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht das Wesen Berlins verändert, sondern nur das Thema: Wenn existenzielle Fragen für die nächste Generation Accessoire geworden sind, ist es Zeit für eine neue Unbedingtheit. Man hat in Berlin nacheinander Entscheidendes in der Politik entdeckt, in der Besetzung von Häusern, in der Befreiung des Körpers, nach dem Fall der Grenzen folgte die Entgrenzung durch Feiern: Techno, Party und Ekstase. Aber die Musik wummert nicht mehr in den Straßen, niemand muss mehr im Tiergarten vor der Love-Parade Laternen einseifen, Musik kommt über Kopfhörer.

Doch die Euphorie ist noch da, sie steckt nur in einer anderen Ecke. Gerade zum Beispiel in der Danziger Straße 59. „Vertragen Sie wirklich kein Gluten – oder ist das Ihre Ernährungseinstellung?“ Kristiane Kegelmann lacht, diese kritische Gewissensfrage musste sie in einem Restaurant beantworten. Die Überzeugungstäter, die Kompromisslosen, sie gehen nicht mehr in die Politik, sie sitzen in der Foodie-Szene. Die scheint alles zu subsumieren: Fragen der Gesundheit, der Politik, des Anbaus und der Tierhaltung, die Ethik und Ästhetik. Es herrscht heiliger Ernst. Kegelmann, seit dem Sommer in Berlin, wird soeben Teil von ihr.

Sie ist 26 Jahre alt, ihre Eltern sind zwei sich gesund ernährende Informatiker, und als sie zum vergangenen Herbst nach Berlin zog, hatte sie für die Stadt nach dreieinhalb Jahren den renommierten „Dekorposten“ bei der Hofbäckerei Demel in Wien aufgegeben. Denn das, was sie wirklich machen wollte, ging offenbar nur in Berlin: Dinge ohne Beispiel. Sie versteckt cremige Füllungen in steinern aussehenden Skulpturen, die sie in Galerien ausstellt und die zur Finissage verzehrt werden. Kegelmann dehnt die Grenzen der Patisserie in Richtung Kunst. Und sie ist nach Berlin gekommen, um keine Kompromisse mehr zu machen.

„Die Leute müssen mir vertrauen, dass ich etwas Spannendes inszeniere.“ Dann sollen sie es sich einverleiben. Nichts kann man ein zweites Mal ordern, in jedem Fall stellt sie Unikate her. Kegelmann entwirft ihre Installationen für Veranstaltungen und Ausstellungen in Galerien. „Es geht ausschließlich um Grenzverletzung.“ Essbares sieht nie genießbar aus.

Es gebe ja inzwischen auch in Berlin Leute, sagt Kegelmann, die jeden zweiten Abend „Events“ besuchen müssen. Wie unterscheidet man sich da? Sie zielt auf Kunden in der Auto- und Modebranche, denn die haben ein Extra-Budget, um ihre Gäste zu beeindrucken.

In der vergangenen Woche hat sie 18 000 Euro auf der Plattform Kickstarter eingeworben, um die Kosten für ihren Showroom in der Danziger Straße zu schultern. Ihr Schreiner, der für jedes Problem eine Lösung findet, arbeitet Tag und Nacht, wie sie selbst. Beide empfinden, dass sie eine Sache vorantreiben, bei der es erst in zweiter Linie ums Geld geht.

In Wien ging sie noch für Demel auf Kundenpräsentationen, legte dafür ihre Schüchternheit ab, betreute Hochzeitskunden und lernte mit großen Summen kalkulieren, wenn ein Scheich Hochzeit halten wollte. Sie erfuhr: Die Kunden wollten alle immer etwas Einzigartiges – nur leider hielten alle die gleiche fünfstöckige Torte mit Figuren für einzigartig. Nachts arbeitete Kegelmann im Keller der Demel-Werkstatt an eigenen Entwürfen. Sie wollte eine Form finden, die es noch nicht gab. Wo würde sich jemand dafür interessieren?

Berlin, dachte sie, musste doch gehen. Bei Demel werden schließlich auch Torten für 25 000 Euro verkauft.

Kegelmann lernt hier schnell. Das Fechten mit Berliner Ämtern zum Beispiel, seitdem das Hygieneamt nun der Meinung ist, sie wie eine Konditorin behandeln zu müssen. Sie lernte die grandiosen Chancen des Netzwerkens kennen und auch seine Gnadenlosigkeit. „Wenn man selbst niemanden vermittelt, werden die eigenen E-Mails gar nicht mehr gelesen.“ Sie hat sich umgeben mit geometrischen Marmorflächen, die grifflosen Schränke öffnen sich auf Druck. Wenn sie demnächst hier die Hände voll Schokolade haben wird, öffnet sie die Schubladen mit dem Knie.

Nein, keinen Plan B.

Innerhalb kürzester Zeit hat Kegelmann sich in der Foodie-Szene vernetzt. Mit Billy Wagner vom brutal regionalen Nobelhart & Schmutzig, mit Ivo Ebert von Einsunternull. State of the Art der kompromisslosen Berliner Restaurantkultur.

Sofort hatte sie das Gefühl, das so viele haben: dass es ihre Stadt ist. Ihr Berlin. Aber sie stellt ernüchtert fest: Hier kosten ganze Hochzeiten so viel wie in Wien bloß die Torte. Ihre filigranen, manchmal schwebenden Installationen würden sich wenige leisten können. Und obwohl sie natürlich Geld verdienen will, schätzt sie, dass es in Berlin keine so große Rolle spielt. Sie kennt inzwischen Leute aus der Start-up-Szene, ehrgeizige, erfolgreiche Köche, krepelnde Künstler und solvente Kunden. „Aber alle unsere Leben unterscheiden sich gar nicht so voneinander.“

Ein wohlhabender Münchner sei ganz anders als ein wohlhabender Berliner, meint sie. Er würde sich nie über die anderen stellen. Hier traf sie einen Anwalt, der ihre Sachen mochte, ihr eine Galerie ans Herz legte und sich nicht zu schade war, auch noch in einem Video für ihre Kickstarter-Kampagne zu sprechen.

„Ich hoffe, du hast einen Plan B?“, fragen die Verwandten aus dem Süden noch immer. Nein. Keinen Plan B zu haben, ist Teil der Kompromisslosigkeit. Die Stadt honoriert ihre Arbeit bereits als „sehr Berlin“. Innerhalb kürzester Zeit repräsentierte Kristiane Kegelmann die Stadt auf der Berlin Art Week. Ihr eigener Raum im Prenzlauer Berg ist so gut wie fertig, er hat elegante Vorhänge, die Kühlschränke kühlen, schon von draußen ist es ein Guckkasten konzentrierten Stils. Vorne juckelt die gelbe M10 vorbei, es nieselt, der Blick geht auf eine gemeine Videothek.

Dies ist ihr Showroom, die Show ist bis zur Eröffnung noch sie selbst. Kraft, Absicht und Beherrschung. Und dann sagt Kristiane Kegelmann noch den schönen Berlin-Satz: „Die Leute, die hier kein Geld haben, geben es wenigstens für Essen aus.“

Zur Startseite