Wie Fahrdienste an der Silvesternacht verdienen : Partyhopping per Privattaxi

Fahrdienstleister wie Clevershuttle oder der Berlkönig bereiten sich auf den Jahreswechsel vor. Silvester bedeutet für sie das Geschäft des Jahres.

Silvester ist für Fahrdienstler eine umkämpfte Nacht: Niemand will sich das Riesen-Geschäft entgehen lassen.
Silvester ist für Fahrdienstler eine umkämpfte Nacht: Niemand will sich das Riesen-Geschäft entgehen lassen.Foto: promo

Deniz wartet noch. Den Wagen hat er mit halbvoller Batterie übernommen. Also lässt er das E-Auto fünf Minuten länger am Schnelllader hängen. Der 33-Jährige hat keine Lust, nach wenigen Stunden zum Aufladen erneut auf den Betriebshof zu fahren. „Jetzt wäre der Moment für eine letzte Zigarette“, sagt er. Dann macht er seine App an und 30 Sekunden später hat er seinen ersten Auftrag.

Die nächsten zwei Stunden fährt Deniz mit seinem Clevershuttle von Kunde zu Kunde. Per App kann man eine Fahrt in seinem grün-weißen Sammeltaxi buchen. Der nächstgelegene Wagen, für den die Route passt, kommt bei den Kunden vorbei. Deniz – so heißt er für seine Kunden und so möchte er auch hier genannt werden – pendelt an einem Montagabend im Dezember zwischen Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain. Er bringt Menschen von der Arbeit nach Hause oder fährt sie in den Club. Leerlauf hat er an diesem eher verkehrsarmen Tag keinen. Doch heute Nacht wartet auf ihn noch einmal ein ganz anderer Andrang.

In der Silvesternacht wollen nicht nur ein paar wenige in den Club. Fast die ganze Stadt ist zum Jahreswechsel unterwegs. „Im vergangenen Jahr war ich über drei Stunden hinweg ausgebucht“, erinnert sich Deniz. Die lange Wartezeit war für seine Kunden kein Problem. „Die Leute feierten ja sowieso. Die waren froh, dass sie irgendwann jemand abholt.“

Die schiere Menschenmasse dieser Nacht überfordert alle Fahrdienste in Berlin. Die klassischen Taxis und neue Angebote wie Clevershuttle – sie alle sind völlig überlastet.

Meist teilen sich zwei oder mehr Kunden einen Wagen

In der Zentrale von Clevershuttle haben sie Daten dazu. Seit 2016 ist das Start-up, das zu 80 Prozent der Deutschen Bahn gehört, in Berlin aktiv. „Der Ansturm beginnt am 31. Dezember ab 18 Uhr und dauert eigentlich bis in den Morgen des 2. Januar an“, sagt Sprecher Fabio Adlassnigg. Anders als in einer normalen Nacht konzentriere sich die Nachfrage nicht rund um die Clubs in Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain. Viele Kunden buchten auch Fahrten in die Außenbezirke.

Alle 150 Wagen hat Clevershuttle zu Silvester und Neujahr permanent auf der Straße. In drei Schichten sind die Fahrer dafür im Einsatz. Zu 85 Prozent sitzen in den Autos laut Clevershuttle zwei oder mehr Kunden, die unabhängig voneinander gebucht haben.

Das heißt, die Fahrten werden gebündelt und die Autos so möglichst gut ausgelastet. Im Alltag liegt die sogenannte Ride-Pooling-Quote dagegen nur bei etwa 50 Prozent. Doch trotz all dieser Bemühungen musste Clevershuttle in der vergangenen Silvesternacht 45 Prozent aller Anfragen ablehnen. Die betroffenen Kunden erhielten dann einen Rabattcode, sagt Adlassnigg.

Clevershuttle-Fahrer Deniz ist an Neujahr im Dienst.
Clevershuttle-Fahrer Deniz ist an Neujahr im Dienst.Tsp

Dass Clevershuttle-Fahrer Deniz in dieser Nacht Dienst schiebt, vergütet Clevershuttle mit einem Aufschlag. Zusätzlich zu seinem normalen Stundenlohn von zwölf Euro bekommt er einen 50-Prozent-Bonus und dazu nochmal einen Nachtzuschlag von 25 Prozent. Heiligabend, wenn die Nachfrage geringer ist, zahlt das Unternehmen keinen Zuschlag. Ähnlich sieht es bei der Konkurrenz aus. Auch die Fahrer des Konkurrenzangebots Berlkönig erhalten Neujahr einen 50-Prozent-Bonus.

Das Umsatzplus in dieser Nacht will sich kein Fahrdienst entgehen lassen. Der Berlkönig, das Sammeltaxi-Angebot der BVG, wurde im vergangenen Jahr 50 Prozent mehr als an einem durchschnittlichen Freitagabend gebucht.

Die Shuttle-Fahrt halb so teuer wie ein Taxi

Clevershuttle und der Berlkönig locken ihre Kunden vor allem mit niedrigen Preisen. Für einen Passagier sei eine Fahrt mit dem Clevershuttle nur etwa halb so teuer wie ein Taxi, erklärt das Unternehmen. Vier oder fünf Kilometer kosten so etwa fünf Euro. Für jeden weiteren mitgenommenen Fahrgast zahlt der Kunde dann noch mal einen Aufpreis von 20 Prozent.

Im Berlkönig kostet der Kilometer 1,50 Euro. In Stoßzeiten ist es noch ein bisschen teurer. Jeder Mitfahrer zahlt dann den halben Fahrpreis. Insbesondere Alleinfahrer werden bei den beiden Diensten deshalb unschlagbar günstig chauffiert.

Auch beim amerikanischen Fahrtenvermittler Uber steigen bei großer Nachfrage die Preise. In den ersten Neujahrsstunden könne eine Fahrt deshalb auch mal doppelt so viel wie sonst kosten, erklärt Unternehmenssprecher Tobias Fröhlich. Aber dafür sei eine über Uber vermittelte Fahrt in der ganzen Nacht binnen Minuten verfügbar.

Unternehmen vermitteln Fahrgäste auch an Mietwagenfirmen

Auf ein vergleichbares Modell setzt auch „Free Now Ride“. Seit einigen Monaten vermittelt das Fahrdienstangebot von BMW und Daimler neben klassischen Taxifahrten auch Fahrgäste an Mietwagenfirmen und verwendet dabei ebenfalls einen nachfragegesteuerten Algorithmus.

Uber und „Free Now Ride“ würden die Not der Menschen ausnutzen, schimpft hingegen Leszek Nadolski von der Innung des Berliner Taxigewerbes. Neujahr hätten Uber-Fahrgäste in der Vergangenheit häufig das Drei- bis Zehnfache zahlen müssen, sagt er. Uber-Sprecher Tobias Fröhlich hält diese Zahlen zwar für völlig übertrieben. Bei Nachfragespitzen könnten die Preise für wenige Minuten allerdings durchaus deutlich steigen, gibt er zu. Allen, die es nicht ganz eilig haben, empfiehlt er, in so einem Fall einfach fünf Minuten zu warten.

Taxi lieber ranwinken, als telefonisch zu bestellen

In der Taxi-Zentrale ist zum Jahreswechsel jeder Platz besetzt. Nadolski empfiehlt statt der telefonischen Reservierung dennoch eher das klassische Ranwinken. Da seien die Chancen größer. „Wir nehmen diese Nacht so viele Menschen wie möglich mit“, sagt Nadolski. Den Rest müsse der große Bruder BVG erledigen.

Bei der BVG sieht man den Silvester-Ansturm gelassen. Die Menschen seien ja in der ganzen Stadt und über mehrere Stunden verteilt unterwegs, sagt ein Sprecher. Da in der Neujahrsnacht alle Bahnen durchfahren, könne man das gut bewältigen. Und dann möchte die Pressestelle der BVG den Hype um neue Fahrdienste wie den hauseigenen Berlkönig gerne noch etwas einordnen. Seit seinem Start im September 2018 habe der rund 1,2 Millionen Fahrgäste transportiert – ein Erfolg. Doch allein „die U-Bahn zählt an einem einzelnen, ganz normalen Werktag rund 1,6 Millionen Fahrgastfahrten.“

20 Prozent mehr Auslastung auch bei Carsharing-Anbietern

Doch nicht nur für Chauffeur-Dienste, auch für Berlins Fahrzeug-Vermieter ist es eine besondere Nacht. Die Auslastung sei etwa zehn bis 20 Prozent höher als an einem normalen Wochentag, teilt der Carsharing-Anbieter „Share Now“ mit. Gleichzeitig bringt die Nacht auch Risiken fürs Geschäft mit sich: „Wir mussten in den vergangenen Jahren zu Silvester immer wieder Vandalismus beklagen“, sagt ein Sprecher des Unternehmens.

Auch beim Fahrradverleih von „Deezer Nextbike“ ist Silvester mehr los. Am letzten Tag des Jahres wurden in der Vergangenheit 50 Prozent mehr Fahrräder ausgeliehen als an einem durchschnittlichen Dezembertag. Das Berliner Start-up Tier, das E-Scooter verleiht, verzichtet zu Silvester dagegen auf jeden Umsatz. Tier holt alle E-Scooter von der Straße – aus Sicherheitsgründen.

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