Frauen in der DDR : Wie der Sozialismus die Emanzipation vorantrieb

Feministinnen streiten bis heute über die "Frauenfrage" in der DDR. Dabei wurde dort in der Geschlechtergleichstellung Wichtiges geleistet. Ein Gastbeitrag.

Wolf Wagner
Das Kunstwerk "Traktoristin" bei der Ausstellung "Alltag in der DDR" in Berlin.
Das Kunstwerk "Traktoristin" bei der Ausstellung "Alltag in der DDR" in Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Dieses Jahr wird der Internationale Frauentag am 8. März erstmals in ganz Berlin als Feiertag gefeiert. Es gibt kaum ein Thema, über das zwischen Ost und West so heftig gestritten wird, wie über die sogenannte „Frauenfrage“ in der DDR. Das habe ich in 17 Jahren als Professor an der Fachhochschule Erfurt erlebt. Exemplarisch war der Streit am Fachbereich Sozialwesen mit lauter Professorinnen und Professoren aus dem Westen. Eine der Professorinnen der ersten Stunde belehrte alle, dass als emanzipiert nur jemand gelten könne, der oder die bei allen Personenbezeichnungen stets auch die weibliche Form, also Arzt und Ärztin, einsetzte. Damit waren die Ostfrauen aus dem Kreis der Emanzipierten ausgeschlossen, denn sie benutzten meist auch für sich selbst ausschließlich die männliche Form der Funktionsbezeichnung.

Viele Feministinnen im Westen bestritten damals und bestreiten heute noch, dass es in der DDR eine Frauenemanzipation gegeben habe. Die Frauen seien allein aus ökonomischen Gründen, wegen des Mangels an Arbeitskräften, in den Produktionsprozess getrieben worden und hätten sich dabei nicht emanzipiert, sondern einer patriarchalischen Männerwelt unterworfen. Diese reservierte weiterhin alle Spitzenpositionen für sich. Statt wirkliche Emanzipation von den Männern zu praktizieren, seien sie einer eigentlich unerträglichen Dreifachbelastung von Berufsarbeit, häuslicher Arbeit und Besorgungsarbeit in der Mangelwirtschaft unterworfen worden.

Woher kommt diese Gereiztheit zwischen Ost und West in dieser Frage? Ich vermute, es liegt an einem im Westen weitverbreiteten Grundmissverständnis über die Rolle des Staates und der SED in der DDR. Die westdeutschen Kritikerinnen meinen, der Staat der DDR sei geprägt von dem egoistischen Machterhalt einer opportunistischen und korrupten Parteielite und unterstellen der DDR-Führung in allem Handeln niedere Motive wie Machterhalt und Vorteilsnahme.

Frauen blieben in der DDR überall beteiligt

Wie es wirklich war, kommt in einem der schönsten DDR-Witze zum Vorschein: „Frage: Was ist der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus? Antwort: Der Kapitalismus lebt von Einnahmen und Ausgaben, der Sozialismus von Eingaben und Ausnahmen.“ Darin kommt ein Staatsverständnis zum Vorschein, das zwar Gesetze und Gerichte kennt, die Führung der SED mit ihrem Recht, Ausnahmen zu verfügen, aber über diese stellt. Das Lied von der Partei formuliert den Wahrheitsanspruch in aller Deutlichkeit: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht!“

Die DDR war mit ihrem Bestreben nach Verwirklichung des Kommunismus in der „Frauenfrage“ eindeutig auf eine Wahrheit festgelegt. Marx und Engels hatten mit ihrem Bestreben, Hegel auf die Füße zu stellen, die entfremdete Arbeit ins Zentrum ihrer Kritik gerückt. Für den Kommunismus hat Marx die nicht mehr entfremdete Arbeit zum „ersten Lebensbedürfnis“ erklärt. So steht es in seiner Schrift „Kritik des Gothaer Programms“, dem wichtigsten Text zur Gestaltung des Kommunismus, die Bergpredigt des Marxismus sozusagen.

Daher musste die SED in der „Frauenfrage“ insbesondere die Gleichstellung von Mann und Frau in der außerhäuslichen produktiven Arbeit anstreben. Wie das geschehen ist, beschreibt aus DDR-Sicht sehr detailliert und gut belegt die langjährige Professorin für Familienrecht in der DDR, Anita Grandke, in ihrem Buch „Die Entwicklung des Familienrechts in der DDR“. Dort wird gezeigt, wie von Anfang an auf die Gleichstellung und Selbständigkeit der Frauen durch Teilnahme nicht nur in der Produktion, sondern am ganzen öffentlichen Leben gedrängt wurde. Sie schreibt: „Typisch für die Ostzone war eine starke Beteiligung der Frauen an wesentlichen sozialen Prozessen.“ Die Frauen mussten nicht wie im Westen den aus dem Krieg zurückgekehrten Männern ihre Positionen räumen. Sie blieben überall beteiligt.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Entscheidend war jedoch die Lohnpolitik. Im Westen war der Männerlohn traditionell der Familienlohn. Frauen durften bis 1977 nur mit dem Einverständnis des Mannes ein Zubrot verdienen. In der DDR wurde von Anfang an darauf hingearbeitet, dass das Familieneinkommen die Summe eines etwa gleichen Männer- und Frauenlohns war. So wurde schon 1946 auf Befehl der Sowjetischen Militäradministration für die Frauen gleicher Lohn für gleiche Arbeit festgelegt. Und in der nicht an der Sowjetunion, sondern an Weimar orientierten Verfassung von 1949 heißt es in Art. 30,2: „Gesetze und Bestimmungen, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Familie beeinträchtigen, sind aufgehoben.“

1965 schließlich brach die DDR mit den familienrechtlichen Bestimmungen des im Westen weiterhin gültigen BGB und erließ ein Familiengesetzbuch, das zum Beispiel die Kategorie der unehelichen Geburt abschaffte und es damals schon einführte, dass als Familienname der Name des Mannes oder der Frau verwendet werden kann. Die dort zum Ausdruck kommende Vorstellung von der idealen Familie ist auf Gemeinsamkeit und Gleichheit ausgerichtet. Sie schließt auch die freie Entscheidung eines Ehegatten ein, den Beitrag zur Familie „allein durch Arbeit im Haushalt und die Betreuung der Kinder“ zu leisten.

Die Folgen sieht man bis heute. Die Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau waren im Jahr 2014, also 24 Jahre nach der Wiedervereinigung, im Westen mehr als doppelt so hoch wie im Osten. Das zeigt die neueste Studie des DIW zum Gender Pay Gap. Dieser quantitativen Gesamtdiagnose kann man eine mehr qualitative Sicht hinzufügen, wenn man die neuesten Daten aus der Allgemeinen Bevölkerungsbefragung für die Sozialwissenschaften des Gesis-Instituts in Mannheim (ALLBUS) unter dem Gesichtspunkt der Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern auswertet. Da zeigen sich zwei verschiedene Welten.

Im Westen sind die hohen Einkommen die Männereinkommen

Im Westen sind die Fraueneinkommen die Niedrigeinkommen, und zwar mit großem Abstand zu den Männern. Nur über eine kurze Strecke, nämlich bei sehr geringen Einkommen, sind die Einkommen gleich verteilt. Doch dann klaffen sie, je höher die Einkommensgröße, immer stärker auseinander. Die hohen Einkommen sind Männereinkommen. Darin drücken sich die Folgen einer Politik aus, die schon traditionell das Männereinkommen als Familieneinkommen definierte, mit dem Ehegattensplitting, bei dem sich ein möglichst geringes Einkommen der Frau besonders lohnt, diesen Zustand weiter zementiert.

Im Osten laufen die beiden Linien über den gesamten Bereich viel paralleler und näher beieinander als im Westen. Zwar sind auch im Osten die Fraueneinkommen eher die niedrigeren und die Männereinkommen eher die höheren. Doch es gibt viele Überschneidungen und eine viel größere Nähe der Frauen- zu den Männereinkommen gerade bei den höchsten Einkommensgruppen.

Bei aller Erziehungsdiktatur und Repression hat die DDR mit ihrer Verpflichtung auf die sozialistische Doktrin in der Geschlechtergleichstellung etwas Richtiges und Wichtiges geleistet, das bis heute nachwirkt.

Wolf Wagner ist Professor für Sozialwissenschaften an der FH Erfurt im Ruhestand.