Die Verrohung der Sprache macht ihr Angst.

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Interview mit Marianne Koch zum 85. : "... und neben mir sitzt Ella Fitzgerald!"
Marianne Koch 1972.
Marianne Koch 1972.Foto: IMAGO

Jetzt sind Sie selber alt, werden nächste Woche 85.

Ich weiß. Aber ich habe Glück. Ich kann meine Glieder bewegen, ich sehe und höre gut und arbeite in einem interessanten Beruf. Ich bin sehr privilegiert.

Auch in puncto Aussehen.

Vielen Dank. Ich habe mal einen dieser seichten Filme gemacht, am Gardasee, da spielte Lil Dagover mit. Im Schlafwagen sah ich, wie sie sich vorsichtig eine Kinnbinde umlegte und immer versuchte, nicht zu sehr zu lachen, um ihre berühmte Schönheit zu erhalten. Dann traf ich ihre Schwester. Die sah normal aus, war lustig, hat frei heraus gelacht und bestimmt nie eine Kinnbinde getragen. Schon damals dachte ich: Es geht auch so. Eigentlich sogar besser. Ein Grundsatz, an den ich mich bis heute halte. Bloß keine Schönheitschirurgie.

Verstehen Sie Leute, die Angst vor dem Alter haben?

Selbstverständlich. Es geht nicht nur um körperliche Probleme. Die Diskriminierung gegenüber Älteren ist viel stärker, als man sich das vorstellt.

Gibt es etwas, wovor Sie Angst haben?

Ich denke, dass die Verrohung der Sprache und ungenierte Aufforderung zu Gewalt, die sich von der Anonymität des Internets bis auf die Straße fortsetzt, uns allen große Sorge bereiten muss.

Frau Koch, können Sie uns ein paar Tricks verraten, wie man lange mutig und gesund bleibt?

Ich kann Ihnen sagen, dass Kreuzworträtsellösen allein nicht reichen wird. Besser ist es, eine Sprache zu lernen, mit anderen Menschen zusammenzukommen. Soziale Kontakte sind unglaublich wichtig. Dazu vernünftige Ernährung, ausreichende Bewegung. Vielleicht schafft man sich einen Hund an.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Ich halte mich eigentlich für einen mutigen Menschen. Weil ich gerne Entscheidungen treffe und das ziemlich schnell. Vor dem Tod fürchte ich mich nicht, aber, wie so viele Menschen, vor der Art des Sterbens. Ich weiß jedoch, die Palliativmedizin wird mir helfen, dafür ist sie da. Und ich glaube, dass ich loslassen kann, wenn es so weit ist.

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