25 Jahre "RTL-Nachtjournal" : Zeit für Experimente

Vor 25 Jahren startete RTL das erste „Nachtjournal“ in Deutschland. Seither werden auf dem Sendeplatz neue Ideen ausprobiert, auch bei der Konkurrenz.

Mit Moderator Heiner Bremer (li.) strahlte RTL 1994 erstmals in Deutschland ein „Nachtjournal“ aus.
Mit Moderator Heiner Bremer (li.) strahlte RTL 1994 erstmals in Deutschland ein „Nachtjournal“ aus.Foto: RTL

Sicherheitsmängel im russischen Flugverkehr, bewaffneter Aufstand in Mexiko, ein Clankrieg in Somalia, Sarajevo unter Beschuss und australische Buschbrände, dazu noch ein Bericht über deutsche Autofahrer, die gegen höhere Spritpreise auf die Barrikaden gehen, und über den FDP-Politiker Jürgen Möllemann und seinen Comeback-Versuch – mit diesen Themen ging Heiner Bremer am 3. Januar 1994 in die Premierensendung des „RTL-Nachtjournal“.

Ausgerechnet ein Sender des privaten Rundfunks, dem häufig mangelnde Informationskompetenz vorgeworfen wird, hat damit eine Entwicklung in Gang gesetzt, der die beiden öffentlich-rechtlichen Sender alsbald folgten. Mit durchschnittlich rund 1,2 Millionen Zuschauern, die sich von RTL den zurückliegenden Tag einordnen lassen, ist das „Nachtjournal“ heute das erfolgreichste Nachrichtenmagazin nach Mitternacht. An diesem Freitag feierte der Sender das Jubiläum, wobei sich Hauptmoderatorin Ilka Essmüller und das Team des „Nachtjournal“ derzeit über noch mehr Zuschauer freuen können. Dank Dschungelcamp in Australien bleiben derzeit bis zu drei Millionen Zuschauer dran, um sich über den Brexit und das Schneechaos in Bayern und Österreich zu informieren.

Das Besondere am „Nachtjournal“ ist für RTL-Chefredakteur Michael Wulf, dass man in dieser Sendung viel mehr als sonst in den Nachrichten machen kann: Längere Geschichten, mehr Reportagen, mehr Berichte von Korrespondenten und eigene Formate wie „Komm in mein Leben“, in dem Menschen mit unterschiedlichen Meinungen zusammengebracht werden. „Wir probieren viel aus. Das Ziel bleibt aber immer, sehr nah am Zuschauer zu bleiben.“

"Wir müssen nicht die Ersten sein"

Zu den Dingen, die sich seit dem Start des „Nachtjournals“ geändert haben, gehört das Thema Schnelligkeit: „Früher wollten wir immer die Ersten sein. So schnell wie Twitter können wir aber gar nicht mehr sein. Aber wir müssen auch gar nicht die Ersten sein. Mir ist es deutlich wichtiger, Themen gründlich zu recherchieren, Informationen und Bildangebote zu verifizieren und Geschichte inhaltlich genau und stark zu erzählen. Das ist unsere Aufgabe und unser großer Vorteil gegenüber den Echtzeitmedien, gerade weil die Menschen durch das Thema Fake News stark verunsichert sind“, sagte Wulf dem Tagesspiegel. Zur Disposition habe das „Nachtjournal“ nie gestanden. Vielmehr verfolge RTL die Strategie, starke Marken und Gesichter zu halten. „Wir sind uns bewusst, dass wir diese pflegen müssen.“ Oder wie Heiner Bremer zum Jubiläum meinte: „Gerade in der heutigen Zeit mit all den Verunsicherungen vieler Menschen über Digitalisierung, Globalisierung, nationalistische Wellen in Europa und anderswo ist eine Orientierungshilfe unerlässlich.“

Das sieht das ZDF offensichtlich ebenso: Am Freitag gab der Sender bekannt, die Sendezeit des „heute journal“ am Sonntagabend zum 31. März auf 30 Minuten zu verdoppeln. „Das Interesse an verlässlichen Informationen und Orientierung hat spürbar zugenommen. Deshalb ist es für uns ein logischer Schritt, das ,heute journal‘ am sehintensivsten Abend der Woche deutlich auszubauen“, sagte ZDF-Intendant Thomas Bellut.

25 Jahre "RTL Nachtjournal". Die Moderatoren Ilka Essmüller, Lothar Keller (Mitte) und Maik Meuser blicken in der mitternächtlichen Nachrichtensendung auf den Tag zurück.
25 Jahre "RTL Nachtjournal". Die Moderatoren Ilka Essmüller, Lothar Keller (Mitte) und Maik Meuser blicken in der...Foto: RTL


Experimentierfreudig sind die Mainzer mit ihrer mitternächtlichen Nachrichten-Nachtsendung „heute+“ ohnehin. „Sie steht wie keine andere deutsche Nachrichtensendung für crossmediale Vernetzung. Mit genau diesem Ziel ist das Team im Mai 2015 im TV, in der Mediathek, auf Facebook und Twitter gestartet – mit dem besonderen Blick auf den Nachrichtentag und vielen neuen aus dem Netz gedachten Formaten“, erklärt Elmar Theveßen, Leiter Hauptredaktion Aktuelles und Vize-Chefredakteur des ZDF, den Ansatz. Über die Social-Media-Kanäle wird das angepeilte junge Publikum dabei weit vor der nächtlichen TV-Sendung angesprochen – „auf Augenhöhe mit den Usern“.

Labor für neue Formate

Dabei versteht sich „heute+“ als Labor für neue Erzähl- und Erklär-Formate. „Ein Beispiel sind die Grafik-Erklär-Videos, die bei heute+ für TV und Social Media entwickelt wurden und ihren Weg in Prime-Time-Formate wie die 19-Uhr-,heute‘-Sendung geschafft haben.“ Und es wird weiter probiert: Seit Oktober gibt es eine neue Livestream-Sendung in der Mediathek, auf Facebook, Periscope und auf dem ZDF-YouTube-Kanal zur früheren Social-Media-Primetime um 20 Uhr 30 immer dienstags und donnerstags.

Mehr Freiheiten genießt auch das „Nachtmagazin“ der ARD. Die Präsentation der Nachrichten darf etwas lockerer sein, „durchaus auch mit Augenzwinkern“, wie Marcus Bornheim, Zweiter Chefredakteur ARD-aktuell, erläuterte. „Darüber hinaus können wir ein Stück weit experimentieren. Zum Beispiel mit dem Format #kurzerklärt, das eigentlich ein Social-Media-Format ist, inzwischen aber auch im Nachtmagazin linear verwendet wird.“

Den Kontakt zu den Zuschauer über Social-Media pflegt auch RTL, an interaktive Nachrichten glaubt man in Köln eher nicht. Ein grundsätzlicher Umbau des „Nachtjournal“ zum 25-jährigen Jubiläum ist nicht geplant. Gleichwohl wird es künftig mehr Geschichten aus Deutschland geben, nicht zuletzt wegen der anstehenden vier Landtagswahlen und 30 Jahren Mauerfall, kündigte Wulf an.

Der Sender hat registriert, dass deutsche Themen bei den Zuschauern zunehmend eine größere Rolle spielen. Unter anderem darum wurde 2018 ein Reporterpool mit zentraler Steuerung geschaffen. So kann jeden Tag entschieden werden, wo es sich lohnt, einen Reporter hinzuschicken, sagte Wulf. Genauso werde aber auch weiterhin die RTL-Korrespondenten etwa aus Afrika, Israel oder den USA berichten – auch wenn Heiner Bremer die Sendung nicht mehr moderiert.

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