Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks : Nur links der Mitte?

Birgit van Eimeren reagiert auf den Vorwurf, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei nicht breit in der Gesellschaft verankert.

Birgit van Eimeren
Bis zu zehn Millionen Zuschauer verfolgen die „Tagesschau“ im Ersten um 20 Uhr 15. Sie ist die erfolgreichste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen.
Bis zu zehn Millionen Zuschauer verfolgen die „Tagesschau“ im Ersten um 20 Uhr 15. Sie ist die erfolgreichste Nachrichtensendung...Foto: ARD/NDR

Die Aufgaben und Leistungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden immer wieder intensiv diskutiert. Die Vorstellungen zur Ausgestaltung seines Auftrags reichen von der Stärkung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, da er angesichts einer sich immer stärker fragmentierenden Gesellschaft als wichtiger denn je für deren Zusammenhalt gesehen wird, bis hin zur Beschränkung auf einen sogenannten „Kernauftrag“ im Sinne eines Rückzugs aus einzelnen Programmsparten.

Manche Kritiker verweisen dabei auf eine Anfang September 2019 erschienene internationale Vergleichsstudie des Reuters Institute an der Universität Oxford zum Publikum öffentlich-rechtlicher Nachrichtenangebote und deren politischer Verortung. Das Publikum in Deutschland sei, so die Interpretation dieser Kritiker, „fast vollständig links der Mitte“ verortet, was von ihnen – nahezu reflexhaft – als Beleg für die mangelnde Ausgewogenheit der Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Informationsangeboten interpretiert wurde.

Umso mehr lohnt es sich, der Frage nachzugehen, welche Bevölkerungsgruppen der öffentlich-rechtliche Medienverbund ARD, der von der gesamten Gesellschaft getragen wird, tatsächlich anspricht: Sind dies wirklich überwiegend Menschen der mittleren und älteren Generation, oder politisch einem bestimmten Spektrum zuzuordnende Bürgerinnen und Bürger?

In Deutschland messen Jahr für Jahr die großen Leitstudien AGF Videoforschung und media analyse Audio die Fernseh- und Radioreichweiten und belegen die anhaltend hohe Akzeptanz der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radioangebote in der Bevölkerung. Allein die Fernsehprogramme der ARD, also Das Erste, die Dritten Programme, ONE, tagesschau24, der vom BR betriebene Bildungskanal ARD-alpha sowie die gemeinsam mit dem ZDF und weiteren europäischen Partnern veranstalteten TV-Programme KiKA, Phoenix, 3sat und Arte schalteten 2018 laut AGF Videoforschung wöchentlich 78 Prozent der Zuschauer ab 14 Jahren in Deutschland ein. Die Radioprogramme der ARD und des Deutschlandradios erreichten wöchentlich 68 Prozent der Erwachsenen.

94 Prozent nutzen ARD-Angebote

Die medienübergreifende Gesamtreichweite des ARD-Verbundes belegt die ARD Akzeptanzstudie 2018, eine bundesweite Repräsentativstudie, die von dem Marktforschungsinstitut GfK MCR durchgeführt wurde. Ihr zufolge erreicht die ARD mit ihren nationalen und regionalen Fernseh-, Radio- und Online-Angeboten praktisch die gesamte Bevölkerung in Deutschland regelmäßig: Mindestens einmal wöchentlich nutzen 94 Prozent das medienübergreifende Programmangebot des ARD-Medienverbundes, 80 Prozent sogar täglich.

Eine derart hohe Reichweite kann sich nur aus der Akzeptanz in allen gesellschaftlichen Gruppen speisen – den Jüngeren wie den Angehörigen der mittleren und älteren Generationen, der Akzeptanz in allen Bundesländern und in allen sozialen Gruppen und politischen Lagern. So nutzen beispielsweise 88 Prozent der jungen Menschen zwischen 14 und 24 Jahren wöchentlich, 62 Prozent sogar täglich Angebote aus der ARD-Familie, entweder indem sie ganz klassisch Radio- und Fernsehprogramme einschalten oder deren Inhalte über Mediatheken, Apps und verschiedene Plattformen im Internet abrufen.

Im Zuge dieser großen Gesamtakzeptanz erzielt auch die aktuelle politische Information, die ein zentraler Bestandteil der ARD-Angebote ist, hohe Reichweiten. Täglich versorgt der ARD-Medienverbund 73 Prozent der Bürgerinnen und Bürger auf den von ihnen bevorzugten Empfangswegen und Plattformen mit Nachrichten und aktueller politischer Information. Dabei informieren sich nicht nur die politisch Interessierten oder Personen mit „fester Wahlabsicht“ und „Demokratiezufriedene“ in großer Mehrheit über das aktuelle Geschehen durch die ARD-Medien. Auch die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger, die der Demokratie in Deutschland nach eigenen Bekunden skeptisch gegenüberstehen, wird erreicht. Zwei Drittel der „Demokratie-Zweifler“ sehen, hören oder nutzen täglich aktuelle Informationsangebote aus dem ARD-Verbund.

Barbara van Eimeren ist Leiterin Unternehmensanalyse und Medienforschung beim Bayerischen Rundfunk.
Barbara van Eimeren ist Leiterin Unternehmensanalyse und Medienforschung beim Bayerischen Rundfunk.Foto: BR/Theresa Högner

Ein etwas differenzierteres Bild zeigt sich bei der Parteienpräferenz – ermittelt über die „Sonntagsfrage“. Unter den Wahlberechtigten ab 18 Jahren findet sich die höchste Nutzung der Aktualität in der ARD fast gleichermaßen bei den Anhängern von FDP, CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen (77 bis 83 Prozent).

Die geringste Reichweite erzielen die aktuellen politischen Informationsangebote der ARD bei den der AfD nahestehenden Wählern. Aber auch unter den Anhängern der AfD werden täglich immerhin rund zwei Drittel mit aktueller ARD-Berichterstattung erreicht. Dass die Informationsangebote der ARD die Anhänger des am rechten Rande gelagerten Parteienspektrums weniger ansprechen als die der politischen Mitte mag strukturelle Gründe haben, wie ein geringeres Interesse an politischer Berichterstattung in den klassischen Medien. Jedoch dürften die Wurzeln hierfür auch in einer generellen Skepsis gegenüber demokratischen Grundwerten liegen, wozu auch die unabhängigen Medien zählen.

Dieses Misstrauen gegenüber etablierten Medien scheint auch Ausdruck eines Dilemmas zu sein, vor dem Medienanbieter grundsätzlich stehen: Ein allgemeines Unbehagen eines Teils der Wählerschaft gegenüber Politik, Wirtschaft bezieht auch „die Medien“ mit ein, die als „Teil des Systems“ wahrgenommen werden. Hinzu kommt, dass Medien als Übermittler von Nachrichten ebenso wie von Meinungen von Politik(ern) nicht selten in Mithaftung für die Inhalte, die sie übermitteln, genommen werden.

Breit verankert

So gilt es für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk angesichts einer sich zunehmend fragmentierenden Gesellschaft mit den unterschiedlichsten medialen „Echokammern“, den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern kontinuierlich zu führen und das Bürgerurteil ernst zu nehmen. Dabei darf es nicht nur darum gehen, der Kritik entgegenzutreten. Vielmehr geht es darum, die gesellschaftliche Debatte um die Ausgestaltung und die Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aktiv aufzunehmen und das Verständnis für den Wert dieses Rundfunks für die Gesellschaft und den Einzelnen auf breiter Basis zu verankern. Ganz im Sinne des Bundesverfassungsgerichts, das im Juli 2018 urteilte, dass die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im digitalen Zeitalter nicht sinkt, sondern wächst. Unbestritten ist: Es gibt nach wie vor kein Medium in Deutschland, das so breit in der Gesellschaft verankert ist wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk.

Mehr zum Thema

Die Autorin ist Leiterin Unternehmensanalyse und Medienforschung beim Bayerischen Rundfunk.

17 Kommentare

Neuester Kommentar