ARD-Doku zu "Fridays for Future" : Junge Spalter?

Die Dokumentation „Die Kinder machen Druck“ im Ersten beschwört die Angst vor notwendiger Klimaschutz-Politik herauf.

Wollen nicht überhört werden. „Fridays for Future“-Aktivisten fordern Veränderungen in der deutschen Klimapolitik.
Wollen nicht überhört werden. „Fridays for Future“-Aktivisten fordern Veränderungen in der deutschen Klimapolitik.Foto: NDR/Lisa Hagen

In diesem erstaunlichen Film aus der „Story“-Reihe über die junge Klimaschutz-Bewegung geht es eigentlich nicht um Klimaschutz. Stattdessen fragen NDR-Autorin Laura Borchardt und ihr Kollege Lucas Stratmann: „Kann die Klimafrage das Land spalten?“. So lautet die Unterzeile des Titels „Die Kinder machen Druck“, der vielleicht ehrlicher- weise hätte heißen sollen: „Machen die Kinder zu viel Druck?“ Denn so ist der Film konzipiert: Nicht als Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Anliegen der „Fridays for Future“ (FfF)-Bewegung, sondern in Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Borchardt und Stratmann haben eine Schülerin und zwei Schüler im vergangenen Jahr begleitet, bei Demonstrationen gegen Kohlekraftwerke in der Lausitz, beim ersten FfF-Bundestreffen in Dortmund und bei der Demo am 20. September in Berlin, als die Bundesregierung ihr Klimapaket veröffentlichte. Sie besuchten einen FfF-Aktivisten in Zwickau, der von Rechtsextremen bedroht und angegriffen wird, wie sein Vater vor der Kamera berichtet.

Arbeiter der Braunkohle-Industrie kommen zu Wort

Die Autoren lassen auch die Gegenseite zu Wort kommen, wobei die Arbeiter und Betriebsräte der Lausitzer Braunkohle-Industrie, die um die Existenz ihrer Arbeitsplätze fürchten, mehr hermachen als die 50 jungen Auto-Fans, die sich in Hannover mit ihren getunten Fahrzeugen versammeln, um gegen die „kleinen Kinder“ von FfF zu demonstrieren. Auch Bürgerinnen und Bürger auf der Straße kommen zu Wort. Die Meinungen sind geteilt. Zudem wurde eine Umfrage bei Infratest-Dimap in Auftrag gegeben. Diese hat ergeben, dass 50 Prozent die Forderungen von FfF unterstützen, 49 Prozent nicht. 39 Prozent halten auch deren Aktionen für gerechtfertigt – nicht schlecht für streikende Schüler. Wer Straßen blockiert oder gar Betriebe besetzt, stößt auf weniger Zustimmung. Kurios: 45 Prozent wollen, dass FfF ihre Demonstrationen fortsetzen, 13 Prozent wünschen sich sogar noch härtere Vorgehensweisen. Macht zusammen 58 – damit müssen laut derselben Umfrage welche darunter sein, die die FfF-Forderungen gar nicht unterstützen. Vielleicht finden sie das Ziel trotzdem richtig.

AfD fühlt sich von der Diskussion in den Medien ausgeschlossen

Außerdem kommen Politikerinnen und Politiker zu Wort. Die Auswahl ist interessant. Neben Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) treten Vertreter folgender Parteien auf: CDU, FDP und AfD. Der AfD-Position zu FfF widmen die Autoren einige Sendezeit, und zwar direkt nach dem Umfrage-Ergebnis zur Frage „Wird Ihre Meinung beim Klimaschutz in den Medien angemessen berücksichtigt?“ Nicht ganz unerwartet meinen insbesondere AfD-Anhänger (84 Prozent), dass dies nicht der Fall sei. Nur FDP-Anhänger (63 Prozent) sind mehrheitlich ebenfalls dieser Ansicht. Für den nun folgenden AfD-Block wurde auch ein Zitat der Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, Alice Weidel, ausgewählt. „In der ganz eigenen Art noch etwas zugespitzter“, wie die Autoren verharmlosend kommentieren, formuliert sie bei einer Veranstaltung des neurechten Instituts für Staatspolitik eine veritable Beleidigung der protestierenden Schüler. „Diese Kampagnenfähigkeit, diese Power, diese kumulierte Dummheit“ bezeichnete Weidel als „beängstigend“.

Auch wenn das Autoren-Duo der AfD anschließend bescheinigt, mit der Vorhersage eines Wirtschaftseinbruchs selbst ein Angstszenario zu entwerfen, darf man diesen Beitrag in der „Story“-Reihe als missglückt bezeichnen. Das Missverständnis besteht vor allem darin, nicht die Politik, sondern die Protestbewegung für die sozialen Folgen von Versäumnissen in der Umweltpolitik verantwortlich zu machen.Thomas Gehringer

„Die Story: Die Kinder machen Druck“, ARD, Montag, 22 Uhr 45