Fernsehen in Corona-Zeiten : Drehstopp, Verschiebung, ausbleibende Honorare – wie die Coronakrise TV-Autoren trifft

Raten-los: Drehbuchautoren fragen sich, ob es diese Branche, so wie sie sie kennen, nach der Coronakrise überhaupt noch geben wird.

Muss warten: Annette Frier als Autistin im ZDF-Film „Ella Schön“.
Muss warten: Annette Frier als Autistin im ZDF-Film „Ella Schön“.Foto: ZDF und Marc Vorwerk

„heute-show“ ohne Publikum, hastige zusammengestöpselte Skype-Formate, die wieder abgesetzt werden wie die „Quarantäne-WG“ auf RTL, Samstags-„Sportschau“ mit alten Länderspielen, die Pro7-Show „The Masked Singer“ wegen zwei Fällen des Coronavirus im Team bis Mitte April unterbrochen, ein Sondertalk nach dem Anderen – das TV-Programm in Pandemiezeiten, es sucht seine Form, es sucht seine Inhalte.

Gerade gab das ZDF die Verlegung von weiteren Fiktion-Neustarts bekannt: die für 23. April geplante Serie „Fritzie – Der Himmel muss warten" mit Tanja Wedhorn, die „Dan Sommerdahl"-Reihe, neue Folgen von „Ella Schön“ mit Annette Frier im Mai – verschoben. Meist liege es an Spezialsendungen zur aktuellen Lage, die Ausfälle von ursprünglich geplanten Sendungen notwendig machen, so das ZDF. Zudem werde jede Sendung, zumal eine fiktionale, auf Inhalt und Tonalität geprüft. Und es müsse flexibel auf produktionsbedingte Ausfälle von Sendungen reagiert werden.

Können ARD, ZDF & Co. Wiederholungen einstreuen, bleiben Autoren in Wartestellung – gerade, was ihr Honorar betrifft, auch wenn die Sender angekündigt haben, sich an Mehrkosten für Produktionen zu beteiligen. „An meinen Projekten lässt sich die Situation der vergangenen Wochen gut nachvollziehen“, sagt Autor Christoph Darnstädt dem Tagesspiegel.

„Ein ZDF-Krimi grad’ noch in München abgedreht, ,Kroatien-Krimi‘ in Split hoffnungsvoll auf Herbst verschoben und der RBB-,Tatort‘ nach neun Tagen von der Produktion verantwortungsvoll abgebrochen.“ Dass die Polizei diese Dreharbeiten beendet habe, sei falsch. „Das konnte sie gar nicht, weil weder Senat noch Gesundheitsämter sich bereit zeigen, Dreharbeiten zu untersagen – obwohl die Produzenten ja betteln, nicht von sich aus die Produktion, heißt ohne Versicherungsschutz, abbrechen zu müssen.“

50 Prozent des Honorars fließen erst bei Drehbeginn

Ähnlich Marcus Hertneck, Autor der erfolgreichen „Praxis-mit-Meerblick“-Degeto-Reihe in der ARD. „Es sieht ganz so aus, dass der Produktionsbeginn der neuen Folgen vom April in den Mai verschoben wird. Möge im Mai die erste Welle hinweg geschwappt sein, dann brauche ich keine Hilfe.“

Andere treffe es härter. „Wenn Drehs abgesagt werden, wenn Produzenten auf Kosten sitzen bleiben, wenn die ganzen freien Leute, die Szenenbildner/Aufnahmeleiter/Kameraleute/Schauspieler plötzlich keine Arbeit haben.“

Darauf verweist auch Kristin Derfler, Gründungsmitglied der Drehbuchautoren-Initiative „Kontrakt 18“, die Autoren mehr kreative Kontrolle im Prozess der Filmherstellung ermöglichen soll. Wer für feste Formate wie „Soko“ oder „Notruf Hafenkante“ geschrieben hat oder schreibt, erlebe die Auswirkungen der Drehstopps unmittelbar.

„50 Prozent des Honorars fließen branchenüblich erst bei Drehbeginn. Daher tragen Autoren schon immer ein finanzielles Risiko, was wir als Kontrakt18 kommuniziert haben.“ Wenn jetzt nicht gedreht werde, fehlt Kollegen die entscheidende Rate, auf die sie monatelang, manchmal jahrelang hingearbeitet hätten. „Ein finanzielles Desaster – und auch nicht mit gut gemeinten Überbrückungsgeldern auszugleichen.“

Sorgen macht sich auch Klaus Arriens, der zusammen mit Thomas Wilke an der finalen Buchfassung für den ARD-Sechsteiler „Beste Kollegen“ sitzt, der im Sommer in Produktion gehen sollte. „Das täuscht über die Realität hinweg, dass auch ich geradewegs auf die berufliche Katastrophe zusteure. Diese Krise wird mich als Drehbuchautoren zeitversetzt treffen.“

Mit jedem Tag der nicht gedreht werden kann – und sollte – entstehen in der gesamten Branche Strukturschäden, die auch Arriens’ Auftragslage vehement gefährden. „Ich arbeite seit fast 30 Jahren als Autor und bin in meinem Beruf ziemlich gut aufgestellt.“ Im Moment wisse er nicht, ob das in ein paar Monaten noch zählt. „Ob es diese Branche, so wie ich sie kenne, dann überhaupt noch geben wird.“

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