„Polizeiruf 110“ am Sonntag : Ein Ripper aus Rostock

Im ausgezeichnet besetzten „Polizeiruf“ aus Rostock schlägt ein Serienmörder nach 15 Jahren wieder zu und versetzt die Stadt in Aufruhr.

Die Chemie zwischen Buckow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau stimmt nicht mehr.
Die Chemie zwischen Buckow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau stimmt nicht mehr.Foto: NDR/Christine Schroeder

Dieser Blick sagt alles: Die Chemie zwischen Sascha Buckow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) im Rostocker „Polizeiruf 110“ stimmt absolut nicht. Buckow, ohnehin ein großer Grantler, schaut seine Kommissarskollegin unverhohlen argwöhnisch, fast feindselig an. König weiß damit nicht umzugehen, wirkt verschreckt wie ein Wild, das von Autoscheinwerfern angestrahlt wird. Überhaupt: Warum siezen sich Buckow und Frau König eigentlich?

Wer aufmerksam verfolgt hat, wie sich die Beziehung der beiden Kommissare entwickelt hat, weiß um die Gründe für dieses Verhalten. Sporadische Krimi-Zuschauer bekommen immerhin im Verlauf der Episode „Dunkler Zwilling“ einige Hinweise, was da schiefgelaufen ist.

Königs betroffene Reaktion am Tatort dieses Krimis hat indirekt ebenfalls damit zu tun, denn bei Gewalt gegen Frauen verliert die Kommissarin schon mal ihre berufliche Distanz: Eine 16-jährige Ausreißerin wurde brutal ermordet. Sicherlich ist jeder Mord brutal, zumal die Jugendliche erwürgt wurde. Doch damit hat sich der Täter nicht zufriedengegeben. Danach stach er noch auf sein Opfer ein und entnahm ihm ein inneres Organ. Die Schuhe der Ermordeten stellte er auffällig ordentlich neben der Leiche ab.

15 Jahre zuvor hatte es bei einigen unaufgeklärten Mordfällen einen ähnlichen Modus Operandi gegeben. Als kurze Zeit später eine dänische Touristin auf ähnliche Weise stirbt, wissen Buckow und König, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben. In Rostock geht ein Ripper um, heißt es in den Medien.

In der Besetzungsfalle

Viele Fernsehfilme schlittern allzu oft in die Besetzungsfalle. Eine zu prominent besetzte Nebenrolle ist dann häufig ein unschlagbarer Fingerzeig auf den Mörder. Der Rostocker „Polizeiruf“ (Buch und Regie: Damir Kukacevic) scheint da keine Ausnahme zu machen, denn der Schauspieler Simon Schwarz („Eberhofer“-Krimis, „Eifelpraxis“) passt in diese Schablone. Er spielt einen Umzugsunternehmer und alleinerziehenden Vater einer Tochter, die im gleichen Alter wie die Ermordete ist. Dass dieser Kern noch einen Schuhtick hat und in all seine Treter Schuhspanner packt, erscheint dann beinahe schon wie ein Geständnis.

Doch weit gefehlt. Neben Simon Schwarz wurden für diesen Krimi noch zwei weitere Schauspieler mit großem Bekanntheitsgrad verpflichtet. Angela Winkler setzte mit ihrer Hauptrolle in dem von Volker Schlöndorff verfilmten Böll-Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und ihrer Mitwirkung in der Grass-Verfilmung „Die Blechtrommel“ schon früh einige bemerkenswerte Ausrufezeichen, selbst die Generation Streaming kennt sie über die Netflix-Mysteryserie „Dark“.

Im Rostocker „Polizeiruf“ spielt sie als Elke Hansen eine leicht verwirrt wirkende Ehefrau, die ihrem deutlich jüngeren Ehemann gerade das zweite Studium finanziert, sich insgeheim aber vor ihm fürchtet. Und tatsächlich ist ihr Ehemann Jan Hansen ebenfalls überaus verdächtig – zudem gehört Schauspieler Alexander Beyer wie Schwarz zu jener Schauspielerklasse („Good Bye Lenin“, „Mitten in Deutschland: NSU“, „Deutschland 83“, „Deutschland 86“), die in jeder Produktion herausragt. Die Gefahr, dass zu prominent besetzte Nebenrollen den Zuschauer beim Mörderraten zu schnell auf die richtige Fährte führen, besteht somit nicht – selbst der Titel gibt keinen spannungssenkenden Hinweis.

Die wohl interessanteste Rolle hat Emilia Nöth, die Kerns pubertierende Tochter spielt. Marla fühlt sich stärker zu ihrem Vater hingezogen, ihrer Mutter hat sie die gerade erfolgte Scheidung nicht verziehen. Gleichwohl bemerkt sie, dass ein Verdacht auf ihren Vater gefallen ist, den man nicht ohne Weiteres von der Hand weisen kann. Diese Zerrissenheit gibt dem Film die Würze. Kurt Sagatz

„Polizeiruf 110: Dunkler Zwilling“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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