„Tatort“ mit Ulrich Tukur : Krimipersiflage voller Filmzitate

Ulrich Tukur und Peter Kurth zelebrieren im „Tatort“ einen epischen Kampf. "Angriff auf Wache 08" schließt nahtlos an "Im Schmerz geboren" an.

Unter Beschuss. Museumspolizist Walter Brenner (Peter Kurth, stehend) und Felix Murot (Ulrich Tukur) sprechen Jenny (Paula Hartmann) Mut zu.
Unter Beschuss. Museumspolizist Walter Brenner (Peter Kurth, stehend) und Felix Murot (Ulrich Tukur) sprechen Jenny (Paula...Foto: Bettina Möller/HR

Der Whiskey auf dem Beifahrersitz von Murots altem Ro 80 ist wohl nicht ganz zufällig 30 Jahre alt. So lange ist es zugleich her, dass der Kriminalkommissar zusammen mit Walter Brenner (Peter Kurth) beim BKA Terroristen gejagt hat, bevor Murots Freund und Kollege von einer Kugel erwischt wurde, die jetzt im Rücken langsam Richtung Rückgrat wandert.

Brenner verrichtet seinen Dienst darum gesundheitsbedingt in einer alten, zu einem Museum umfunktionierten Wache. Hier wird Schülern der Generation Smartphone gezeigt, wie man früher Zeugenbefragungen mit einer Schreibmaschine zu Papier brachte.

Und genau dorthin, zur alten Wache 08, ist Murot im Frankfurter "Tatort" nun mit dem edlen Whiskey just an jenem heißen Sommertag unterwegs, an dem jeder nur die bevorstehende Sonnenfinsternis im Sinn hat – fast jeder.

Das Trio aus dem Schauspieler Peter Kurth („Babylon Berlin“), Regisseur Thomas Stuber und Autor Clemens Meyer hat bereits zuvor ebenso skurrile wie bewegende Milieuskizzen geschaffen. So wie 2014 „Herbert“ über einen unheilbar kranken Ex-Boxer und Geldeintreiber, der sich kurz vor seinem Tod mit seiner Tochter aussöhnen will. 2017 arbeiteten die drei dann in „In den Gängen“ erneut zusammen, diesmal spielte Peter Kurth den väterlichen Freund der Hauptfigur.

Erinnerungen und dicke Zigarren

Murot und Brenner bleibt jedoch nur wenig Zeit, um in Erinnerung zu schwelgen und eine der dicken Zigarren zu rauchen, die der Museumspolizist seit Jahren regelmäßig aus Kuba erhält. Natürlich gibt es auch dazu eine Geschichte, die jedoch bald in den Hintergrund gerät: Die Wache im Niemandsland zwischen Frankfurt am Main und Offenbach wird zum Schauplatz eines epischen Kampfes zwischen einer Armee schwer bewaffneter Clanmitglieder und den Insassen der alten Polizeistation.

Die „Tatort“-Folge „Angriff auf Wache 08“ ist ähnlich abgedreht wie die vor fünf Jahren ausgestrahlte, fast legendäre Episode „Im Schmerz geboren“ mit Ulrich Tukur und Ulrich Matthes. Fast 50 Leichen werden am Ende gezählt. Die Wildwest-Parodie erhielt unter anderem mehrere Grimme-Preise und Goldene Kameras.

Der „Angriff auf Wache 08“ spielt ebenfalls mit zahlreichen Filmzitaten. Vor allem die Inspiration durch „Assault – Anschlag bei Nacht“ von John Carpenter aus dem Jahr 1976 ist unverkennbar. Hier wie dort wird der Rachefeldzug durch Radioberichte untermalt, im Frankfurter „Tatort“ ist es Clemens Meyer, der als „DJ Ecki“ die Hörer von „O-Town“ Offenbach mit seinen Denglisch-Kommentaren bei Laune zu halten versucht.

Aber auch die Verfilmung von Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ hat bei Clemens Meyer und Thomas Stuber offensichtlich bleibenden Eindruck hinterlassen – ebenso wie „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ mit Paul Newman und Robert Redford, die sich ebenfalls einer bewaffneten Übermacht gegenübersahen.

Fast wie bei den singenden Kommissaren

Ähnliche Sorgfalt wurde auf die Figuren gelegt. Zu Murot, Brenner und seiner Kollegin Cynthia Roth (Christina Große) gesellen sich die Insassen eines Gefangenentransports sowie die junge Jenny Sibelius (Paula Hartmann), die von den Gangstern kurz zuvor zur Waise gemacht wurde.

Zwischen den Schießwechseln genügend Zeit für gedankenschwere Dialoge. Zum Beispiel zwischen Murot und Brenner über die richtigen und falschen Seiten im Kampf gegen den RAF-Terrorismus. Oder über den Wert des Lebens im Gespräch zwischen Jenny Sibelius und dem gefangenen „Kannibalen von Peine“ (Thomas Schmauser).

[„Tatort: Angriff auf Wache 08“, ARD, Sonntag, 20:15 Uhr]

Und für eine ganz besondere musikalische Einlage von Peter reicht es auch noch. Fast so wie früher bei den singenden Kommissaren Stoever und Brockmöller (Manfred Krug und Charles Brauer). Auch sonst ist der Soundtrack eine besondere Erwähnung wert.

Mit „Angriff auf Wache 08“ steuert der Hessische Rundfunk erneut eine ganz besondere Episode zum „Tatort“ bei. Weder ähnelt sie den Klamauk-Krimis aus Münster noch den leicht überdrehten Weimarer Event-„Tatorten“ und schon gar nicht den gesellschaftskritischen Thrillern oder den Krimis nach wahren Begebenheiten. Die Murot-Geschichten spielen einfach in einer eigenen Liga.