„Tatort“-Schauspieler Axel Milberg : „Ich bin gerne treu, aber nicht als Konsument“

"Borowski und das Glück der anderen" heißt Axel Milbergs neuer „Tatort“-Einsatz. Im Interview verrät er, was er vom Glück hält – und von Treuepunkten.

Kommissar Klaus Borowski ist seit 2003 im „Tatort“-Einsatz: Axel Milberg lebt zwar nicht in Kiel, wurde aber 1956 dort geboren.
Kommissar Klaus Borowski ist seit 2003 im „Tatort“-Einsatz: Axel Milberg lebt zwar nicht in Kiel, wurde aber 1956 dort geboren.Foto: NDR/Christine Schroeder

Herr Milberg, seit über 15 Jahren spielen Sie den „Tatort“-Kommissar Borowski. Sind Sie sich inzwischen nähergekommen?

Ja, sind wir. Ich mag ihn. Diese Figur steht ganz klar vor mir, wenn Sascha Arango das Drehbuch geschrieben hat. Er hat eine ungeheure Sicherheit, eine Klarheit, die Figur zu sehen, die ich gar nicht habe. Borowski hat sicher auch etwas von der Festigkeit und Ernsthaftigkeit Arangos.

Würden Sie Arango zustimmen, der sagt, dass die meisten Menschen keine moralischen Skrupel haben, sondern nur Angst vor Strafe?

Ich glaube zumindest, dass moralische Orientierung angeboren ist. Auch Empathie. Wenn du gesund bist und geliebt wurdest als Kind, ist das bei dir ausgeprägt.

Borowski kennzeichnet eine hohe Empathie.

Und die hilft ihm, beruflich erfolgreich zu sein. Um Lebensumstände, Motive, Spuren richtig zu deuten, braucht es viel Fantasie.

In „Borowski und das Glück der anderen“ beobachtet die Kassiererin Peggy, wie sich ihre Nachbarn über einen vermeintlichen Lottogewinn freuen. Was bekommen Sie von Ihren Nachbarn alles mit?

Ha, die lieben Nachbarn. Also, extremes, brüllendes Kinderweinen bekomme ich mit, die Balkonraucher oder wenn die von gegenüber Bettwäsche auslüften. Aber nichts hinter geschlossenen Fenstern.

Die Kassiererinnen werden in der „Tatort“-Folge sehr klischeehaft dargestellt: eher einfältig und prollig in Leggings und Glitzershirts. Ein Abbild der Realität?

Kassiererinnen sind oft ähnlich wie hier dargestellt. Das stimmt schon mit meinen Erfahrungen überein, obwohl ich das ja nicht inszeniert habe. Eine Dame an unserer Großmarktkasse ist zum Beispiel gestylt wie Kleopatra. Ohrringe, Make-up und die Fingernägel sind türkis mit Glitzer und Gold.

Wie darf man Sie sich als Kunde an der Kasse vorstellen?

Meistens bin ich geduldig, beobachte gerne. Und überlege beim Anstehen, wie ich alles verstaue, wo ich das Auto geparkt habe oder was ich vergessen habe. Dabei taste ich nach dem Schlüssel.

Was halten Sie von Treuepunkten?

Nicht so viel. Ich bin gerne treu, aber nicht als Konsument. Da möchte ich mich immer frei und spontan entscheiden können.

Sind Reichtum und Achtung so untrennbar, wie Peggy glaubt?

Peggy will gesehen werden, Achtung und Bedeutung will sie spüren. Da hat sich eine Wut angestaut, obwohl ihr Mann ja ganz liebevoll scheint. Aber dass sie sich vergleicht, ist ihr Unglück.

Peggy offenbart Borowski, dass sie sich fühle wie ein Niemand. Haben Sie sich schon einmal so gefühlt?

Natürlich kenne ich auch Momente, wo ich mich übersehen fühle. Neulich zum Beispiel, auf der Berlinale, da hat mich doch diese, na, diese ganz bekannte, superwichtige Kollegin nicht wahrgenommen, obwohl ich einen halben Meter vor ihr stand und sie angesprochen hatte. Hat einfach durch mich durchgesehen.

Werden Sie sonst oft erkannt und angesprochen?

Allerdings. Ich habe verschiedene Tarnungen, weil ich ständig erkannt werde. Auch im Ausland. Neulich in Fjällbacka, an der Grenze von Schweden und Norwegen, sagte eine Touristin zu mir: „Sind Sie’s?“ Ich sagte: „Nein!“ Sie sagte: „Doch. Natürlich sind Sie’s.“

Spielen Sie Lotto?

Manchmal, sehr selten spielen wir beziehungsweise spiele ich Lotto. Wenn 35 Millionen im Jackpot sind oder so. Dann träumen wir davon, was wir mit dem Geld alles machen würden. Bis zur Ziehung ...

Was würden Sie mit einer gewonnenen Million machen?

Der Traum wäre ein Haus am Meer. Vielleicht was in Frankreich oder Italien. Aber ohne ist dann auch schön.

Macht eine zufriedene Ehe glücklich?

Es hängt ja immer alles miteinander zusammen. Wer mit sich im Reinen ist, kann eher glückliche Momente empfinden, kann geben. Das tut der Partnerschaft, der Familie und der Ehe wiederum gut. Die sozialen Netzwerke aber, das weiß man längst, quälen viele, weil sie zum ständigen Vergleichen verführen. „Och Mensch, guck mal die! Was die alles haben und machen. Wo die eingeladen sind. Wie die feiern. Was die auf dem Teller haben. Wem die zuprosten. Steht die da doch am Steuer von diesem Schnellboot. Guck mal, der hat ’ne Rolex an!“ Die Leute bei Facebook fühlen sich anschließend mies. Dabei machen die anderen meistens ja auch nur Fake und stellen Posen nach, wie sie es in der Werbung oder auf Youtube gesehen haben. Bringt nix, meine ich.

In der „Tatort“-Folge kommt eine Pfandflaschensammlerin zum Einsatz. Wie präsent ist Ihnen diese Szenerie in Kiel? In Berlin wundert man sich oft, wer da so alles in die Müllbehälter greift.

Ich lebe nicht in Kiel, was viele glauben, bin dort aber geboren und habe meine ersten zwanzig Jahre in der Hafenstadt verbracht. Seitdem lebe ich in Süddeutschland. Es ist nicht zu übersehen, wie viele in unserem reichen Land, auch überall in München, in allen Stadtteilen, nach Pfandflaschen in den Containern angeln.

Was hat Kiel, was Berlin nicht hat?

Kiel hat die Ostsee, die Strände, feine Sandstrände, du bist schnell in Dänemark mit deinem Segelboot, in den Schären Südschwedens. Oder an der Nordsee. Du findest zumindest im Umland leichter was zum Wohnen. Es ist kleiner und nicht so mit Energie aufgeladen wie Berlin. Dauernd ist irgendwo in der Bundeshauptstadt eine Straße gesperrt, weil Politiker mit Wagenkolonnen daran erinnern, dass regiert wird und sich die Welt zu Gesprächen trifft. In der Landeshauptstadt Kiel ist das etwas niedlicher.

Was mögen Sie dafür an Berlin?

Sehr viel. Es sind die Gegenwart, die Vergangenheit und Zukunft, die überall sichtbar sind und gleichzeitig und nervös auf dich einwirken. Konkret, wo immer du in Berlin bist. Es gibt so viele Welten, in die du hinübergleiten kannst, Orte, wo du dich erst mal ganz unterschiedlich fühlst. Ist das alles die gleiche Stadt? Richardplatz und KaDeWe? Boxhagener und Borchardt? Das Schwarze Café und das Café Jenseits? Na jut, die beiden sind sich nicht unähnlich!

Das Interview führte Cäcilia Fischer. "Borowski und das Glück der anderen" läuft am Sonntag um 20 Uhr 15 in der ARD.