US-Zeitungskonzern Gannett : Die Heuschrecke wartet schon

Dem US-Verlag Gannett droht die feindliche Übernahme. Sie könnte Auswirkungen auf viele Lokalzeitungen haben, darunter das Blatt „Des Moines Register“ in Iowa.

Carol Hunter, Chefredakteurin des  „Des Moines Register“ in der Haupstadt des Bundesstaates Iowa.
Carol Hunter, Chefredakteurin des  „Des Moines Register“ in der Haupstadt des Bundesstaates Iowa.Foto: Oliver Bilger

Wenn Chefredakteurin Carol Hunter aus ihrem verglasten Büro in den Newsroom blickt, kann sie die Folgen der Zeitungskrise sehen, die seit Jahren den US-Medienmarkt erschüttert. Vor 15 Jahren kam sie zum „Des Moines Register“ in Iowas Hauptstadt, seitdem kann Hunter beobachten, wie Reporter und Redakteure ihre Schreibtische räumen. Die Zahl der Mitarbeiter habe sich laut Hunter halbiert. „Das ist hart“, findet sie. Aber es ist natürlich kein lokales Problem.

Egal ob in Iowa, Texas oder Kalifornien: Der Zeitungsmarkt in den USA kämpft ums Überleben. Seit Jahren läuft die Suche nach Auswegen, um schwachen Anzeigenerlösen, sinkender Auflage und Gratiskultur im Internet zu trotzen.

Auch in Des Moines spüren sie den Sparzwang. „Wir machen weiter Qualitätsjournalismus", erklärte Hunter im Gespräch mit dem Tagesspiegel, „aber wir berichten nicht mehr über so viele Themen wie früher“. Beim „Register“ sind sie überzeugt, dass das Aufdecken von Missständen der beste Weg aus der Krise ist. „Investigativer Journalismus findet Leser“, so Hunter. Die Reporter in Iowa können auf ein landesweites Netzwerk zurückgreifen: Ihr Blatt ist Teil des Gannett-Konzerns, der die überregionale „USA Today“ sowie mehr als 100 regionale Titel in knapp zwei Dritteln aller US-Staaten herausgibt. Die Kooperation mit Kollegen über Staatsgrenzen hinweg sei ein großer Vorteil, meint Hunter.

Feindliche Übernahme droht

Ob die Zusammenarbeit auch weiterhin funktioniert, entscheidet sich in diesen Tagen – Gannett droht eine feindliche Übernahme. Die Media News Group (MNG) will für 1,3 Milliarden Dollar ihre Gannett-Anteile aufstocken und die Kontrolle übernehmen. Hinter MNG steht Alden Global Capital, ein New Yorker Hedgefonds, der bereits in der Vergangenheit zeigte, dass sein Interesse am Journalismus überschaubar ist. Der Heuschrecke von der Wall Street geht es, so beschrieb es die „Washington Post“, in erster Linie um die Immobilien der Zeitungen. Im Fall von Gannett sollen das Vermögen von insgesamt 900 Millionen Dollar sein. In manchen MNG-Redaktionen müssten Redakteure von Zuhause oder in Coffeeshops arbeiten. Gannett wehrt sich gegen die Übernahme.

MNG gibt derweil den Zeitungs-Retter. „Gannett ist in ernsthaften Schwierigkeiten und muss seine operativen und strategischen Probleme schnell angehen, um zu überleben“, schrieb MNG-Vorsitzender Joseph Fuchs an die Aktionäre.

Übernahmen, Stellenabbau oder der Verkauf von Liegenschaften waren in der Vergangenheit nicht ungewöhnlich, weder für Gannett noch für andere Verlage. Jedoch sei Alden Global Capital „aggressiver“ als andere, schrieb die „Post“ und zitierte den Analysten Doug Arthur mit den Worten, Alden lasse Unternehmen „ausbluten“.

Forscher der Universität von North Carolina haben vergangenen Herbst ausgerechnet, dass in den Redaktionen von MNG zwischen 2012 und 2018 mehr als doppelt so viele Stellen wegfielen wie im landesweiten Durchschnitt. USA-weit war in den vergangenen zehn Jahren fast die Hälfte aller Arbeitsplätze betroffen. Die Zahl aller Tages- und Wochenzeitungen schrumpfte in 15 Jahren um knapp 20 Prozent: 1800 Blätter fusionierten oder wurden eingestellt. Hunderte weitere Titel hätten die Berichterstattung stark zurückgefahren. Die Forscher berichten von „Geisterzeitungen“ und „Nachrichtenwüsten“.

Zusammenbruch des Lokaljournalismus?

Kyle Pope, Chefredakteur und Herausgeber des „Columbia Journalism Review“ der Columbia University in New York, spricht vom „Zusammenbruch der Lokalzeitungen“. Die Folge seien eine „Informationskrise“ und schwindendes Vertrauen. Insbesondere kleinere Zeitungen bereiten Pope Sorge, da es oft an einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell fehle.

Kyle Pope, Chefredakteur des  „Columbia Journalism Review“.
Kyle Pope, Chefredakteur des  „Columbia Journalism Review“.Foto: Oliver Bilger

Das Zeitungssterben führt zu weiteren Problemen. Viele Redaktionen kämen ihrer Kontrollfunktion immer weniger nach, sagte Pope dem Tagesspiegel. Große Bevölkerungsteile fühlten sich nicht mehr repräsentiert von zunehmend homogenen Redaktionen, die sich zu stark in Herkunft, Bildung, Alter glichen.

Zwar genießen Lokalredaktionen noch einen relativ großen Zuspruch, wie eine Poynter-Studie zeigt. Doch gaben zwei Drittel der Amerikaner in einer Umfrage an, über zehn Jahre Vertrauen in Nachrichtenmedien verloren zu haben. In dieser Umgebung fallen Attacken von Präsident Donald Trump leicht auf fruchtbaren Boden. Zum Übernahmekampf um Gannett ist vom erklärten Presse-Gegner kaum Unterstützung zu erwarten.

Die kommt stattdessen von den Demokraten. Chuck Schumer, Oppositionsführer im Senat, mahnte Alden, sicherzustellen, dass Gannett-Zeitungen weiterhin hochwertigen Lokaljournalismus liefern können. Bill Pascrell, Abgeordneter im Repräsentantenhaus, erklärte: „Überall in Amerika wurden Zeitungen geschlossen“, weswegen Gemeinden nach Informationen hungerten. „Das Letzte, was wir brauchen, ist die Dezimierung weiterer Qualitätsmedien.“