Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks : Gelacht wird nur vor acht?

DGB-Chef Reiner Hoffmann warnt vor Experimenten, die das öffentlich-rechtliche System aushöhlen.

Nicht nur zu Streamingdiensten. ARD und ZDF ist es mit Funk immerhin schon mal gelungen, den 14- bis 29-Jährigen ein attraktives Online-Angebot zu machen.
Nicht nur zu Streamingdiensten. ARD und ZDF ist es mit Funk immerhin schon mal gelungen, den 14- bis 29-Jährigen ein attraktives...Foto: obs

Ich bin ein kritischer Begleiter der öffentlich-rechtlichen Medien, aber nicht ihr Kritiker. Kritisch begleiten sollte jede und jeder von uns, weil wir das öffentlich-rechtliche System finanzieren und wissen wollen, ob wir dafür ein gutes Programm bekommen.

Kritiker sind aber „gegen das System“: Sie wollen wahlweise ARD oder ZDF abschaffen, den Geldhahn zudrehen, den Horizont im Internet begrenzen oder Quoten für Unterhaltung einführen (Gelacht wird nur vor acht!). Solche Experimente sind gefährlich, denn sie wollen das öffentlich-rechtliche Mediensystem aushöhlen und zum Wanken bringen, einige Kritiker würden es sogar gerne stürzen.

In Zeiten, in denen Tempo, Erregungsgrad und Klickzahlen wichtiger zu sein scheinen als Fakten müssen wir das Gegenteil tun. Wir müssen dieses System im Wortsinn reformieren, also verbessern. Ein aus Beiträgen (nicht Steuern!) finanziertes, staatsfernes, föderales öffentlich-rechtliches Mediensystem, eingebettet in eine kritische Öffentlichkeit, gehört zum Besten, das Deutschland nach der Katastrophe des Nationalsozialismus mitgegeben wurde.

Der Kultur-Theoretiker Dirk Baecker nennt das eine „politische Rente“, die es den Sendern viele Jahre ersparte, ihre Arbeit rechtfertigen zu müssen. Es wurde gesendet und auf der anderen Seite der „Empfangsgeräte“ wurde empfangen – von Werner Höfers „Frühschoppen“ bis zum „Klingenden Sonntagsrätsel“ mit Hans Rosenthal.

Heute haben wir ein duales System aus öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Medien, weltumspannende digitale Netzwerke. Wir können uns minütlich zu Wort melden. In dieser Medienwelt müssen sich auch die Öffentlich-Rechtlichen öffnen: Sie müssen den Austausch mit den „Nutzern“ suchen und den Mehrwert ihres Tuns für die Gesellschaft belegen.

Neue Erfahrung von „Ownership“

Der Österreichische Rundfunk (ORF) hat dafür ein Public-Value-Kompetenzzentrum gegründet, das jährlich einen Public Value-Bericht veröffentlicht. Diese Berichte haben wenig mit herkömmlichen Geschäftsberichten zu tun. Sie legen ein Raster aus fünf Qualitätskriterien über das ORF-Programm, darunter den „Gesellschaftswert“.

Die Website des Kompetenzzentrums bringt dem Publikum die Arbeit des ORF nahe. Soviel Transparenz und Vermittlung von Medienkompetenz würde unserer öffentlich-rechtlichen Familie zur Ehre gereichen.

Die Rundfunkanstalten haben sehr unterschiedliche gesetzliche Vorschriften, wie transparent sie für ihr Publikum zu sein haben. Konkret geht es um Menge, Qualität und Aktualität von Informationen, auch um die Arbeit der Rundfunk- und Fernsehräte. Stellen wir uns vor, die Ministerpräsidenten würden sich freiwillig in einer „Transparenz-Offensive“ auf einheitliche gesetzliche Vorgaben verständigen.

Die Intendanten würden diese Einigung einhellig begrüßen und sich zügig an deren Umsetzung machen. Beitragszahlern gäbe das eine neue Erfahrung von „Ownership“.

Diese Erfahrung ließe sich vertiefen, wenn die Senderverantwortlichen in einen intensiveren Austausch mit Beitragszahlern treten würden. Sie könnten das Publikum bei Entscheidungen von größerer Tragweite in Online-Konsultationen beteiligen. Dieses würde so in die Lage versetzt mitzureden und mitzubestimmen, bevor Entscheidungen fallen.

Gegenüber dem aktuellen Zustand, der allenfalls Fragen und Kritik zum Programm zulässt, wäre das ein enormer Fortschritt. Beide Ansätze haben nur Sinn, wenn sie ernst gemeint sind: Relevante Informationen dürfen nicht erst nach 15 Klicks zu finden sein, Kommunikation muss auf Augenhöhe erfolgen, in einer Sprache, die alle verstehen.

Die Öffentlich-Rechtlichen dürfen sich nicht damit abfinden, dass sich junge Menschen Streamingdiensten zuwenden. Schließlich ist es ARD und ZDF mit „funk“ gelungen, den 14- bis 29jährigen ein attraktives Online-Angebot zu machen. Kreative Formate sind entstanden, die sich in Ansprache und Themen an der Zielgruppe orientieren. Aber das „Hintergrundrauschen“ ist im besten Sinne öffentlich-rechtlich. Es werden verschiedene Perspektiven gezeigt, Quellen offengelegt, eloquente Erklärer ins Bild gesetzt.

DGB-Chef Reiner Hoffmann
DGB-Chef Reiner HoffmannFoto: Promo

Diesen Weg sollten die Öffentlich-Rechtlichen weitergehen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, junge Menschen seien gut informiert, nur weil das Internet eine Flut an Informationen bietet. Eine Studie für die Schweiz zeigt, dass die Zahl der 16- bis 29jährigen mit einem stark unterdurchschnittlichen Nachrichten-Konsum in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen ist.

Ihr Anteil liegt bei 56 Prozent – trotz medialer Rundumversorgung. Die klassischen Aufgaben der öffentlich-rechtlichen Sender, Information, Bildung und Unterhaltung sind also wichtiger denn je und müssen gestärkt werden.

Das wird nur klappen, wenn sich die politisch Verantwortlichen als kritische Begleiter verstehen. Langwierige Strukturdebatten vermitteln den Eindruck, es gehe um ideologische Grabenkämpfe. So wird das Vertrauen aufs Spiel gesetzt, das die meisten Bürger noch in die öffentlich-rechtlichen Medien setzen.

Dieses Vertrauen zu rechtfertigen, liegt in den Händen der Programm-Macher. Die alte Forderung nach mehr Qualität und weniger Quoten-Fixierung ist richtig: Müssen auch noch die flachsten Unterhaltungsformate kommerzieller Sender kopiert werden? Wo bleibt der Mut, eine gute Dokumentation in die Hauptsendezeit zu legen?

Der Verweis auf die Mediathek genügt nicht. Die meisten Fernseh-Zuschauer sind live dabei. Mit der Abrufbarkeit des Angebots wächst ein anderes Risiko: Jede einzelne Sendung muss sich rechnen (zumal wenn sie eingekauft wird), die Mischkalkulation entfällt. Die öffentlich-rechtlichen Programm-Macher sollten dieser Marktlogik nicht folgen.

Damit schränken sie die Spielräume noch stärker ein, die die Stärke der Öffentlich-Rechtlichen sind: ein qualitativ hochwertiges Programm, das komplexe Zusammenhänge erklärt und die Vielfalt der Gesellschaft zeigt – selbst wenn es keine Top-Quote bringt.

Um Grundsätze bewahren und gleichzeitig Potenziale ausschöpfen zu können, brauchen die Öffentlich-Rechtlichen möglichst viele kritische Begleiter aus der Zivilgesellschaft. Die Politik kann und soll nicht allein bestimmen.

Die Grünen haben deshalb eine unabhängige Experten-Kommission aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen vorgeschlagen. Deren Arbeit soll von einer breiten gesellschaftlichen Debatte über den Wert öffentlich-rechtlicher Medien für die Demokratie begleitet werden. Es wird Zeit, worauf warten wir?

Reiner Hoffmann, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Mitglied des ZDF-Fernsehrates

Bisherige Beiträge in der Reihe „Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks": Patricia Schlesinger (15. April 2018), Hans Demmel (25. April), Christoph Palmer (7. Mai), Rainer Robra (11. Mai), Norbert Schneider (21. Mai), Tabea Rößner (25. Mai), Thomas Bellut (10. Juni), Frauke Gerlach (22. Juni), Ulrich Wilhelm (5. August), Heike Raab (2. September), Hans-Günter Henneke (15. September), Christine Horz (20. Januar 2019), Siegfried Schneider (20. Februar), Ronald Gläser (3. März), Christian Bergmann (20. April), Doris Achelwilm (14. Mai), Tilmann Eing/Stefan Pannen (16. Juni), Thomas Dittrich (10. Juli), Malu Dreyer (21. Juli), Eckart Gaddum (23. August), Stephan Russ-Mohl (7. September), Frank Beckmann (1. Oktober), Karola Wille (25. November).

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