"Die Juden hassen sich selbst, sie belügen sich, sind voller Ängste"

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Humor nach Ephraim Kishon : "Die Israelis sind ja schon halbe Deutsche"

„Viele in der Luft liegende Spannungen sind erst ausgeglichen, wenn man sich wieder in aller Harmlosigkeit an guten alten jüdischen Witzen freuen kann“, schreibt in den 50er Jahren der Chefredakteur des Berliner „Abend“ an einen Berliner Rabbiner. Kishon öffnet seinen einstigen Verfolgern die Wohnzimmertür und ermöglicht Nähe über den Abgrund hinweg. Aus seinen Büchern erfahren die Deutschen, dass auch in Tel Aviv Waschmaschinen auslaufen und Handwerker nicht tun, was sie sollen. Sie schmunzeln, weil sich Männer auch am fernen Mittelmeer über schwindendes Kopfhaar sorgen und die „beste Ehefrau von allen“ viel zu lang im Bad braucht. Endlich können sie wieder gemeinsam lachen, die Deutschen und die Juden, die Deutschen über die Juden, die jetzt Israelis heißen.

Januar 2015. Tuvia Tenenbom findet, dass viel zu viel Nähe zwischen Israelis und Deutschen gewachsen ist. Er sagt, die Israelis seien ja schon halbe Deutsche. Es beunruhigt ihn sehr. Die Europäer und besonders die Deutschen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten „unablässig bemüht, das Leben der Juden in Israel zu untergraben“, bilanziert er in seinem Buch. Sie hätten die Palästinenser mit viel Geld unterstützt – aber nicht, weil sie ihnen helfen wollten. Sondern weil die Palästinenser gegen Israel kämpfen. Außerdem hätten die Europäer den Israelis so lange eingeredet, dass sie schlechte Demokraten und Unmenschen seien. Jetzt würden sie es selber glauben.

Die Israelis sehen die Deutschen so positiv wie nie

„Die Juden hassen sich selbst, sie belügen sich, sind voller Ängste“, sagt Tenenbom. „Sie lieben die Deutschen auch noch dafür.“ Viele von ihnen hätten nichts Eiligeres zu tun, als sich einen ausländischen Pass zu besorgen, um nach Polen, Österreich oder Deutschland zurückzukehren.

Tuvia Tenenbom will nicht versöhnen, sein Humor ist gallig.
Tuvia Tenenbom will nicht versöhnen, sein Humor ist gallig.Foto: AFP

Die Israelis sehen die Deutschen so positiv wie nie. Da hat Tenenbom recht. 68 Prozent haben eine gute Meinung vom einstigen „Land der Täter“. Das hat vor einem Monat eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Doch nur noch 36 Prozent der Deutschen haben eine gute Meinung von Israel, 2007 waren es noch 57 Prozent. Für Stephan Vopel, den Autor der Studie, liegt das daran, dass beide Länder unterschiedliche Lehren aus dem Judenmord gezogen hätten. Für Deutsche heißt sie: nie wieder Krieg. Für Israelis: nie wieder Opfer sein.

1967 kommen israelische Truppen einem befürchteten Angriff der arabischen Staaten zuvor und besetzen den Sinai, den Gazastreifen, das Westjordanland, Ostjerusalem und die Golanhöhen. Tausende Palästinenser fliehen. Kishon antwortet darauf mit seiner Satiresammlung „Pardon, wir haben gewonnen“. Darin setzt sich der kleine israelische David hemdsärmlig und gewitzt gegen den übermächtigen arabischen Goliath durch.

Die Deutschen nehmen ihren Lieblings-Israeli als freundlichen, etwas menschenscheuen Mann mit leiser Stimme wahr. Sein Markenzeichen sind die leicht getönten Brillengläser. Dass er ausgerechnet in Deutschland so beliebt ist, sei eine Ironie der Geschichte, sagt er in Interviews. Es sei eine „Genugtuung“ für ihn, dass die Nachkommen seiner Henker in seinen Lesungen Schlange stehen.

Tenenboms Humor ist gallig und eher hölzern

Seine deutschen Fans ahnen nicht, wie traumatisiert er ist. Das offenbart seine dritte Frau Lisa Kishon-Witasek nach seinem Tod in ihrem Erinnerungsbuch. Ihr „geliebter Ephraim“ schläft mit Schlafmitteln und schreibt mit Aufputschmitteln. Für den Fall eines Kidnappings hat er immer einen Revolver bei sich. Auf Reisen trägt er selbst gebastelte Ausweise und große Mengen Bargeld mit sich – falls er plötzlich fliehen müsste. Bei längeren Fahrten in seinem Cadillac hört er sich Reden von Goebbels und Hitler an, um den Triumph zu genießen, dass er sie überlebt hat. Doch im Innern bleibt er der gedemütigte, verfolgte Mann, zu dem ihn die Nazis gemacht haben.

Seinen Satiren merkt man das nicht an. Sie kommen leicht und beiläufig daher. Tuvia Tenenboms Bücher sind demonstrativ. Er will seine Leser nicht schonen. Er will auffallen. Tenenbom trägt ein blau-weiß kariertes Hemd, Hosenträger und Lederhose. Auf der Nase sitzt eine schwarze Nerdbrille. Seine Deutschland-Tracht. So ist er nach Israel gefahren und hat sich als deutscher Journalist Tobi ausgegeben. Tenenboms Humor ist gallig und eher hölzern. Der Humor ist für ihn zweitrangig, nur ein Vehikel. Tenenbom, der Journalist, hat eine Mission. Er will aufklären, nicht zudecken. Nicht versöhnen, sondern spalten. Es soll wehtun.

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