Kishons harmlosen Satiren sind für viele Linke Kitsch

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Humor nach Ephraim Kishon : "Die Israelis sind ja schon halbe Deutsche"

Dass Deutsche und Israelis unterschiedliche Lehren aus dem Holocaust gezogen haben, wird zum ersten Mal nach dem Sechstagekrieg deutlich. Für Teile der Studentenbewegung ändert sich 1967 der Blick auf Israel radikal. „Keine westliche Linke war vor 1967 so philosemitisch und prozionistisch wie die deutsche. Danach identifizierte sich keine so stark mit der palästinensischen Sache“, schrieb der amerikanische Historiker Moishe Postone im Rückblick. Aus Sicht der studentischen Aktivisten sind die Palästinenser die Opfer, die „neuen Juden“. Die Israelis die Täter. Der Historiker Dan Diner bewertet das als Versuch, die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen zu relativieren. Die Politik der Nazis wird auf ihre Opfer projiziert – mit furchtbaren Folgen. 1976 entführen Deutsche und Palästinenser gemeinsam ein französisches Flugzeug nach Entebbe und selektieren israelische Passagiere für die Exekution.

Da strahlt die ARD gerade die 20-teilige Serie „Kennen Sie Kishon?“ aus. Die harmlosen Satiren sind für viele Linke Kitsch. Die großen Feuilletons machen sowieso einen Bogen um ihn. „Routine-Satiren von oft mäßiger Qualität“, schreibt Hanns-Hermann Kersten 1984 in der „Zeit“. Bei seinen Lesereisen wird Kishon jetzt oft zur israelischen Politik befragt. Er entpuppt sich als Patriot, der ohne Wenn und Aber zu Israel hält.

"Ich bin ein Produkt des Holocaust"

„Ein Kosmopolit? Was ist das?“, fragt er im Interview mit dem Playboy zurück. „Ein Vakuum.“ Kishon hat dafür nur Mitleid übrig. Er rechtfertigt Kriege und Siedlungsbau, hält die Atombombe für Israels Rettung. Die arabischen Nachbarn sind für ihn nichts als üble Genossen, die Israel vernichten wollen. Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit. Die mittlerweile friedensbewegten Deutschen sind entsetzt. „Ich bin ein Produkt des Holocaust, ein Tourist aus der Hölle. Deswegen bin ich auch nicht das, was man in Deutschland einen Liberalen zu nennen pflegt. Ich stehe auf der Seite der Opfer, nicht der Mörder“, sagt er. Der Versöhner Kishon gilt jetzt als reaktionärer Spalter.

Angesagt ist Amos Oz. Er engagiert sich in der israelischen Friedensbewegung und wird von der deutschen Literaturszene hofiert. 1992 bekommt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Kishon bekam den „Orden wider die tierische Vernunft“ des Aachener Karnevalsvereins. Er gibt ihn zurück, weil sein Ordenskollege, der CDU-Politiker Norbert Blüm, Israels Vorgehen gegen die Palästinenser als „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ bezeichnet hatte.

Tuvia Tenenbom hat am Abend einen Auftritt in der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin. Der Saal ist proppevoll. Vor allem junge Leute sind gekommen. Ein Schauspieler liest die Stelle aus seinem Buch „Allein unter Juden“, wo Tenenbom Vertreter des Roten Kreuzes in Jerusalem und im Westjordanland trifft. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation versuchen, Tenenbom mit Ressentiments gegen die Israelis zu füttern. So nimmt er es zumindest wahr. Tenenbom lässt aber nicht locker, bohrt nach und deckt unerbittlich auf, dass es selbst dem Roten Kreuz nur um die eigene Geltungsbedürftigkeit und Macht geht. „Wenn Sie zufälligerweise ein Fanatiker sind und sehen wollen, wie Ihr Traum von Ländern ohne Juden Wirklichkeit wird, dann kommen Sie nach Israel und schließen Sie sich dem Roten Kreuz an“, empfiehlt Tenenbom.

Er ist witzig. Doch nur wenige lachen

Später am Abend erzählt er, wie er den palästinensischen Sicherheitschef getroffen hat. Der ist begeistert vom deutschen Tobi und nennt ihn „Abu Ali“, was Tenenbom mit „Held“ übersetzt. So hätten die Araber auch Adolf Hitler genannt. Weil der so viele Juden ermordet hat.

Es macht Spaß, Tenenbom zuzuhören. Er ist witzig und spitzt die Pointen mit großen Gesten und verstellter Stimme zu. Doch nur wenige lachen. Die Atmosphäre ist angespannt. Im Sommer haben israelische Truppen den Gazastreifen in Schutt und Asche gebombt. In Berlin skandierten junge Männer „Jude, Jude, feiges Schwein“. Es gäbe viel zu fragen. Nach Tenenboms Performance traut sich erst mal keiner.

„Wird Ihnen manchmal vorgeworfen, dass Sie verallgemeinern?“, fragt ein junger Mann vorsichtig. Verallgemeinerungen seien nicht schlecht, sagt Tenenbom, solange sie auf Fakten beruhten. Um die Lage beurteilen zu können, müsse man eben so wie er die arabische Kultur kennen. Er studiere Arabisch, setzt der junge Mann nach, er habe ein Jahr in Ägypten gelebt und nehme manches anders wahr. „Ein Jahr? Nur ein Jahr?“, ruft Tenenbom. „Viel zu wenig.“ Er ist der Chefaufklärer. Für oder gegen Israel. Für oder gegen Tenenbom.

„Der Nahostkonflikt treibt viele in meiner Generation um“, sagt der junge Fragensteller nach der Lesung. Er ist 24, studiert internationale Beziehungen. Er fühle sich oft unter Druck gesetzt, eine eindeutige Position zu beziehen, wo doch Vieldeutigkeit so wichtig wäre. Aber für Differenzierungen, so scheint es, ist im deutsch-israelischen Verhältnis kaum noch Platz. Auch nicht für subtilen, selbstironischen Humor.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

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