Napoleon-Ausstellung in Paris : Der "Kriegsgott" als Stratege

Er strebte die Neuordnung Europas an - und erlebte sein verheerendes Waterloo. Eine Ausstellung in Paris zeigt, wie Napoleon aus der Kriegs"kunst" eine Wissenschaft machte.

Junger Held. Napoleon 1796, Gemälde von A.-J. Gros.
Junger Held. Napoleon 1796, Gemälde von A.-J. Gros.Foto: RMN-Grand-Palais/Gérard Blot (chateau de Versailles)

Napoleon, sein Kaiserreich und seine Kriege sind für Frankreich ein unerschöpfliches Thema. Zur Verehrung haben sie den Invalidendom in Paris, in dessen Rotunde sein prachtvolles Sargmonument aus Porphyr steht, dem seit der Antike allein Herrschern vorbehaltenen Stein. Nebenan aber befindet sich das Armeemuseum, das seine Rolle als Künder französischen Kriegsruhms seit einigen Jahren weitgehend aufgegeben hat, zugunsten einer kritischen Würdigung der Militärgeschichte.

Seit dem vergangenen Wochenende nun versucht das Museum, unter dem Titel „Napoleon, der Stratege“ dem am schwierigsten zu fassenden Bestandteil des Kriegsgeschehens auf die Spur zu kommen: der Strategie. Sie ist Frucht des Denkens und vollzieht sich im Kopf; und so hat das Museum für sein Ausstellungsplakat die einleuchtende Darstellung des Kopfes Napoleons aus der damaligen Zeit genommen, bei der die verschiedenen Aspekte, die Napoleon im Auge zu behalten hatte, auf entsprechende Stellen der Hirnschale gezeichnet sind, von der „Artillerie“ über „Karten“ bis zu „Friedensverträgen“.

In früheren Zeiten sprach man vom „Kriegsglück“ und stellte den siegreichen Herrscher, bekrönt von der Göttin Fortuna, dar. Aufs Glück jedoch wollte sich Napoleon, obgleich es ihm mehr als einmal hold war, nicht verlassen. Er machte aus der Kriegs"kunst" eine Wissenschaft. So zeigt die Ausstellung vor allem die physischen Zeugnisse der Beschäftigung mit dem Kriegswesen, angefangen beim schlichten Holztisch, an dem der junge Kadett Napoleon - der, herkunftsbedingt, kein reines Französisch sprach - zeitgenössische Lehrbücher studierte. Der rasante Aufstieg des jungen Soldaten zum General und dann zum Politiker und Staatsmann brachte es mit sich, dass solche Erinnerungsstücke erhalten blieben und bis auf den heutigen Tag sorgfältig gepflegt werden, so dass das Museum aus dem Vollen schöpfen kann.

Kriegsführung ist zuallererst Schreibtischtätigkeit

So ist an einer Stelle eine typische Feldkommandantur aufgebaut, wie sie Napoleon, der als einer der letzten Heerführer persönlich die zahlreichen Schlachten seiner Kriegszüge befehligte, überall aufzuschlagen pflegte. Das geschah "binnen einer halben Stunde", wie die Aufstellungsbeschriftung vermerkt. Schreibtisch, Klappstuhl, Kartenmaterial in praktischen Futteralen, eine dreiflammige Lampe - auch die Kriegsführung ist zuallererst Schreibtischtätigkeit oder wurde es doch unter Napoleon. Er hatte auf seinen Feldzügen Wissenschaftler und Fachleute aller Disziplinen dabei, die Geländeprofile vermaßen und Feindbewegungen analysierten und so die enormen Kenntnisse zusammentrugen und aufbereiteten, die die Siege der französischen Armee ermöglichten.

Was aber die Taktik einzelner Schlachten erst zu einer ganzen Strategie machte, waren die Ziele, die Napoleon mit seinen Eroberungen verband. Der Erste Konsul und ab 1804 selbst ernannte Kaiser hatte eine Vorstellung davon, was er mit den Feldzügen erreichen wollte: die Neuordnung Europas. Das ist in einer Ausstellung schwieriger darzustellen als das Handwerkszeug des Militärischen, angefangen mit den zahllosen Säbeln und Gewehren, die das Museum hütet. Da kommt ein anderer Aspekt hinzu, der Napoleon gegenüber allen Gegnern auszeichnet: die Propaganda.

Napoleon bei seinen Truppen nach der Schlacht von Eylau im Jahr 1807. Gemälde von Charles Meynier
Napoleon bei seinen Truppen nach der Schlacht von Eylau im Jahr 1807. Gemälde von Charles MeynierFoto: RMN-Grand Palais/Franck Raux (chateau de Versailles)

Sie ergab sich anfangs quasi von selbst, denn sein Ruhm verbreitete sich schnell, und seine Soldaten wie seine Generäle wusste er durch charismatisches Auftreten für sich bis zur Selbstaufgabe zu begeistern. Mit der Wandlung vom Feldherren zum Politiker und der Ausrufung als Kaiser bedurfte es schon einer gut geölten Maschinerie, um die öffentliche Meinung zu bestimmen.

Posten in den eroberten Gebieten wurden mit Verwandten besetzt

Auf europäischer Ebene war es der Hof, den Napoleon etablierte, der für die Anerkennung seiner Herrschaft sorgen sollte. Überall setzte er nahe und fernere Verwandte als Regenten der von ihm eroberten und neu geschaffenen Staaten ein. Friedensverträge und Bündnisse waren Bestandteil der Strategie des Kaisers. Eine riesige Deutschland-Karte, bestehend aus 54 Einzelblättern in einem Format ähnlich DIN A4, macht in der Ausstellung anschaulich, wie das Denken Napoleons über die Planung einer einzelnen Schlacht bis zur Schaffung ganzer Staaten reichte. Und immer wieder sind Gemälde eingestreut, die den Verlauf einzelner Schlachten, ja ganzer Feldzüge in ein einzelnes Bild zu fassen suchen, beispielhaft im Falle Ägyptens, wo Napoleons Armee 1798 vor der Kulisse der Pyramiden siegte. Dass Ägypten nur drei Jahre lang gehalten werden konnte, wurde danach wohlgemerkt verschwiegen.

In Arras werden "Bilder der napoleonischen Legende" gezeigt

Es trifft sich, dass zeitgleich in der nordfranzösischen Stadt Arras, eine Stunde Bahnfahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug von Paris entfernt, eine imposante Ausstellung aus den Beständen von Schloss Versailles zu sehen ist. Das Kunstmuseum zeigt unter dem Titel "Bilder der napoleonischen Legende" Dutzende von Schlachtendarstellungen und Herrscherbildnissen, die der Kaiser anfertigen ließ und für deren rasche Verbreitung durch zigfach gedruckte Kupferstiche er sorgte. Oder sorgen ließ: Sein Kunstminister Vivant Denon, der Schöpfer des kurz als Louvre bekannten Pariser Weltmuseums, war zugleich, was man heute den Propagandachef nennen würde. Er sorgte dafür, dass sich die Kunde von Napoleons unbesiegbarer Armee überall verbreitete.

Selbst Niederlagen, wie sie sich im Laufe der Jahre dann doch ergaben, bis hin zum katastrophalen Untergang der "Grande Armée" in Russland 1812, wurden von der Propaganda noch als Sieg verkauft. In Versailles sind all diese Gemälde des frühen 19. Jahrhunderts praktisch nie zu sehen und müssen hinter der Darstellung des "Sonnenkönigs" Ludwigs XIV. zurückstehen. Jetzt aber sind sie gleich bis in den November hinein zur Gänze und in sinnvoller Ordnung in der hübschen flandrischen Stadt Arras zu sehen, die übrigens nach der vollständigen Zerstörung im Ersten Weltkrieg komplett in historischen Formen wiederaufgebaut wurde.

Eine Kugel ist zu sehen, die ihn bei Regensburg traf

Napoleons Stern sank, das zeigt das Pariser Armeemuseum in schonungsloser Deutlichkeit. Medizinkoffer deuten auf die Verwundungen und Erkrankungen der Soldaten hin, Uniformreste aus einem litauischen Massengrab belegen, dass tausende Soldaten des Russlandfeldzuges schon auf dem Vormarsch verreckten. Nicht einmal Napoleon selbst war unverwundbar; eine Kugel, die ihn bei Regensburg traf, ist zu sehen, ebenso wie der schlichte Uniformmantel, den der Kaiser zunehmend trug.

Die Zeiten der leuchtend farbigen Uniformen ging im russischen Winter zu Ende. Die Gegner hatten Napoleons Reformen des Militärs studiert und wendeten seine eigenen Errungenschaften nun gegen ihn. In Leipzig und Waterloo vollendete sich der kometenhafte Weg Napoleons.

Am Ende der Ausstellung ist alles wieder Gedankenarbeit. Ein Kabinett ist aufgebaut, das die Einflüsse des strategischen Denkens Napoleons auf alle spätere Kriegsführung zeigt, bis hin zu Mao und Ho Chi Minh. "Napoleon ist der Kriegsgott selbst", steht als Motto an der Wand des Kabinetts. Das Wort stammt von keinem Geringeren als dem preußischen Militärreformer und Strategen Carl von Clausewitz.

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