Schwimmhallen müssen schließen, Bademeister fehlen : Vom Versuch, sich über Wasser zu halten

Um deutsche Hallen- und Schwimmbäder steht es schlecht. Rettungsschwimmer warnen vor einem "Land der Nichtschwimmer". Verbände fordern nun einen Masterplan.

Imke Wrage
Die Rettungsschwimmer warnen: Deutschland wird Land der Nichtschwimmer.
Die Rettungsschwimmer warnen: Deutschland wird Land der Nichtschwimmer.Foto: Andreas Klaer

Die Sitzung beginnt mit einer Provokation. So zumindest bezeichnet es Achim Haag, Präsident der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), als er am Mittwoch die Frage „Deutschland – ein Land der Nichtschwimmer?“ in den Raum wirft. Um ihn herum sitzen Politiker neben Vertretern von Sportverbänden und Vereinen. Sie alle sind auf Einladung des Bundestags-Sportausschusses nach Berlin gekommen, um über „die Situation der Schwimmbäderinfrastruktur und die Personalausstattung mit Fachkräften“ zu sprechen. Denn die, da sind sich alle einig, ist ziemlich dramatisch.

Das belegen auch die Zahlen. Etwa alle vier Tage macht in Deutschland ein Hallen- oder Freibad dicht, pro Jahr sind es durchschnittlich 80. Dem Bäderatlas zufolge, einer Übersicht der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen, gab es in Deutschland 2018 rund 6400 Bäder – darunter 502 Naturbäder, 1000 Lehrschwimmbecken, 2233 Hallenbäder und 2686 Freibäder. Im Vergleich zum Jahr 2000 entspricht das einem Rückgang um 11,4 Prozent. Davon betroffen sind, meist aufgrund höherer Betriebskosten, vor allem Freibäder, hier beträgt der Rückgang rund 17 Prozent. Bei den Hallenbädern sind es knapp sieben Prozent.

Der Grund: Die Kommunen leiden seit Jahren an einem Investitionsstau. Zwar können die meisten ihre laufenden Haushaltskosten dank guter Konjunktur inzwischen wieder finanzieren. Für sogenannte freiwillige Aufgaben jedoch – dazu gehört auch die Instandhaltung von Schwimmhallen – bleibt meist kein Geld, sagt Uwe Lübking vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Die Folgen bekommen Vereine und Verbände, aber auch Familien und Schüler zunehmend zu spüren. Auf dem Land müssen Menschen inzwischen meist weit fahren, um die nächste Schwimmhalle zu erreichen. Eine Situation, die Wolfgang Hein vom Deutschen Schwimmverband untragbar nennt. Er findet: „Eine Gesellschaft muss sich Hallen- und Schwimmbäder leisten können.“

Schulen können Unterricht nicht mehr anbieten

Marode Schwimmbäder, Sicherheitsmängel und die Schließungen führen zudem dazu, dass immer mehr Schulen den Schwimmunterricht nicht mehr anbieten können, den der Lehrplan eigentlich vorsieht, sagt Manuel Kopitz vom Netzwerk Schwimmunterricht. „Der Schwimmunterricht in den Schulen ist die einzige Möglichkeit für alle Kinder, schwimmen zu lernen“, heißt es von Dagmar Freitag (SPD), der Vorsitzenden des Sportausschusses. Schätzungen der DLRG zufolge verlassen mittlerweile rund 60 Prozent Kinder und Jugendlichen die Schule, ohne richtig schwimmen zu können.

DLRG-Präsident Haag wählt drastische Worte: Das Bädersterben führe dazu, dass immer mehr Menschen, vor allem Kinder, ertrinken. Um auf die Lage kommunaler Hallen- und Schwimmbäder aufmerksam zu machen, hatte er im vergangenen Jahr eine Petition gestartet. Rund 120.000 Unterschriften hatte er zusammenbekommen. Die Forderung: Investitionen vom Bund müssten her, um die Kommunen finanziell zu entlasten.

Die Internationale Vereinigung Sport- und Freizeiteinrichtungen (IAKS) schätzt, dass in Deutschland jedes zweite Bad sanierungsbedürftig ist. Rund 4,5 Milliarden Euro müssten investiert werden. Und es fehlt Geld für den Bau neuer Bäder. Dabei müsse dann auch für Barrierefreiheit gesorgt werden, fordert Katrin Kunert vom Deutschen Behindertensportverein.

Kein Respekt vor Bademeistern

Noch eines darf Wolfgang Hein vom Deutschen Schwimmverein zufolge nicht vergessen werden: die Investition in mehr Fachpersonal. Denn nicht nur marode Schwimmhallen, sondern auch der Mangel an ausgebildetem Personal sei ein Grund dafür, warum viele Hallen schließen müssten. War der Bademeister früher noch Respektsperson, werde er heute zunehmend beschimpft und angegangen, heißt es. Ausbildungsberufe werden zunehmend unattraktiv, im Vergleich zum Jahr 2000 ging die Zahl der Auszubildenden um 21,8 Prozent zurück.

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Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag fordert eine bessere Zusammenarbeit von Kommunen, Ländern und Vereinen. Zudem müsse man dringend für eine bessere Datenlage sorgen. Zwar biete der Bäderatlas eine generelle Übersicht über die Anzahl der Schwimmbäder. Valide seien diese Zahlen jedoch nicht, vor allem werde darin nur nach der Anzahl der Bäder gewertet, nicht aber nach der Wasserfläche. „Mancherorts werden zwar zwei Bäder geschlossen, dafür aber ein großes, neues gebaut. Die Wasserfläche wird dadurch womöglich sogar größer“, sagt er. Nur mit belastbaren Zahlen könne ordentlich geplant und gebaut werden. Eine neue Studie der Uni Koblenz wird diese Daten erheben und aufbereiten. Mit ersten Ergebnissen wird aber erst in der zweiten Jahreshälfte gerechnet.

Milliarden für Modernisierung sind versprochen

Am Ende der Sitzung sind sich die meisten Teilnehmer einig: Ein Masterplan oder auch „goldener Plan“ muss her. Es wäre nicht der erste dieser Art. Schon in den 1960er Jahren hatte es einen solchen Plan gegeben, damals wurden Milliarden in die Errichtung neuer Sportstätten investiert. Der Haken war bloß: Die Instandhaltungskosten waren kein zentraler Bestandteil dieses Plans.

Das soll sich nun ändern. Erste Signale seitens der Politik in diese Richtung gibt es schon. Innenminister Horst Seehofer (CSU) hatte dem deutschen Sport im vergangen Jahr ein Modernisierungsprogramm in Milliardenhöhe in Aussicht gestellt. „Wir überlegen, ob wir eine Konzeption entwickeln, einen neuen goldenen Plan aufzulegen", sagte er auf einer Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes im Dezember. Für das laufende Haushaltsjahr seien 200 Millionen Euro für die Sanierung oder den Bau kommunaler Sportstätten genehmigt worden.

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