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Piraten-Serie Teil II: Vier Monate in der Gewalt von Piraten

2009 wurde sein Schiff von Piraten überfallen. Vier Monate waren Offizier Euskirchen und die Crew der „Hansa Stavanger“ in Geiselhaft. Sie erlebten Verschleppung, Scheinhinrichtung, Todesangst. Und doch hat er dabei gelernt: Der Pirat an sich ist eine feige Sau.

Für eines aber war Frederik Euskirchen, der sich einst beim Kinderfasching zum Kapitän zurechtmachen ließ, zum Astronauten, zum Teufel und Geparden, von Anfang an unempfänglich: Er wollte nie ein Seeräuber sein. Euskirchen weiß heute nicht mehr, warum das so war. Aber es macht ihn ein bisschen ruhiger, als Kind offenbar schon eine Art Ahnung gehabt zu haben, ein undeutliches Bescheidwissen über Dinge, die anderen verborgen blieben. Ein Bescheidwissen über das, was unter einem Piratenkostüm steckt. Die Lächerlichkeit nämlich.

Rückblickend ist also zu sagen: Euskirchen hat stets ein geradliniges Leben geführt. Er wollte nie ein Seeräuber sein, sondern stets das Gegenteil, und irgendwann hat er tatsächlich erfahren, wie recht er damit hatte. Er hat welche kennengelernt.

Drei Jahre ist das her. Er war 2. Offizier auf der „MS Hansa Stavanger“, einem in China gebauten, einer deutschen Reederei gehörenden, damals unter deutscher, heute unter liberianischer Flagge fahrenden Containerschiff. Es war gekapert worden, und bis Lösegeld gezahlt wurde, war die Mannschaft in Geiselhaft. 24 Menschen, vier Monate lang. Euskirchen will, dass das nicht vergessen wird. Dass vielleicht ein bisschen von seiner Kinderahnung abfärbt auf die, die ihm zuhören wollen. Deshalb betritt er an diesem Tag Anfang Juli wieder ein Schiff.

Die Sonne steht an ihrem höchsten Punkt über dem Hafen von Elsfleth, Landkreis Wesermarsch, zwischen Bremen und Bremerhaven gelegen. Das Schiff heißt „Großherzogin Elisabeth“, ein mehr als hundert Jahre alter Segler, drei Masten, Ausbildungsgerät der hier ansässigen Seefahrtschule. Drinnen im Mannschaftsraum wartet ein knappes Dutzend Studenten von auswärts, Bremer Verwaltungshochschule, Studiengang Risiko- und Sicherheitsmanagement.

Ein Blockseminar am Hafenkai, Praxisbezug, zwei Tage am Stück. Mittagstran hockt unter Deck, schon der Morgen war anstrengend gewesen. Eine Seenotrettungsübung war angesetzt, in einem Wasserbecken einige hundert Meter entfernt, mit künstlich erzeugten, dennoch mächtigen Wellen.

Der nächste Punkt auf dem Stundenplan: „Die Entführung der ,Hansa Stavanger‘ durch somalische Piraten – Persönliche Erfahrungen als Betroffener und Gedanken zu Präventionsmaßnahmen und Verhaltensregeln“.

Euskirchen ist nur wenige Jahre älter als seine Zuhörer, er ist 29. Er stellt sich vor die verstreut im Raum sitzenden Studenten, da steht sie also, die Ex-Geisel, der Zeuge. Einer der Männer, deren Los in jenen Frühlings- und Sommermonaten 2009 die deutsche Öffentlichkeit und die Bundesregierung so sehr beschäftigte wie kein anderer Piratenangriff zuvor. Gewaltsame Befreiungsversuche durch die Antiterroreinheit der deutschen Polizei waren wegen vermeintlicher Aussichtslosigkeit abgebrochen worden, die Lösegeldverhandlungen zogen sich hin.

Euskirchen sagt: „Der Pirat an sich ist ein sehr unberechenbarer Typ.“ „Sprunghaft.“ „Konzeptlos.“ Auf die Behauptung folgt das Erklären. Er schildert ein paar Beispiele, Heute-hüh-morgen-hott-Geschichten, oder besser: eben-hüh-jetzt-aber-hott. Gebrüllte, einander dauernd widersprechende Befehle von allzeit zugeknallten Menschen, die Droge Kat im Schädel, Hochgefühl und schlechte Laune auslösend. Stets das Sturmgewehr vor der Brust. „Die einzige klare Linie“, sagt Euskirchen, „die Gier nach diesem Geld, dem Lösegeld. Da verstehen die auch keinen Spaß.“

Ungefähr zur gleichen Zeit, weit weg von Elsfleth, im Hafen von Daressalam, Tansania, bereiten sich ein paar Leute darauf vor, ein dort ankerndes Containerschiff zu überfallen.

"Kleiner Höhepunkt: Scheinhinrichtung. Das kommt immer mal wieder vor dort."

Am Abend werden sie losziehen, plündern und unerkannt flüchten. Es ist wahrscheinlich der einzige derartige Vorfall an jenem Tag. Jedenfalls ist kein weiterer dem International Maritime Bureau Piracy Reporting Centre in Kuala Lumpur, einer Schiffsüberfall-Meldestelle, angezeigt worden. Dafür aber folgendes. Bisherige Kaperattacken auf Schiffe in diesem Jahr: 168. Davon gelungen: 19. Vor der Küste Somalias erfolgte Versuche: 67. Davon gelungen: 13. Zahl der Geiseln: 195.

Euskirchen erzählt. Immer mal wieder, wenn einer der Piraten rauf auf die Brücke gekommen sei, habe der dort verständnislos auf die Navigationsbildschirme geschaut. „Man muss sagen, die sind ein bisschen begriffsstutzig“, sagt er, um sich gleich darauf selbst ins Wort zu fallen, „oder was heißt begriffsstutzig, für die ist das einfach ’ne andere Welt, die Elektronik.“ Er scheint es nicht zu mögen, auf andere den Eindruck von nachträglicher Überheblichkeit zu machen. Stattdessen hält er sich nahezu immer an eines: beschreiben, was war.

Er steht in diesem „Großherzogin Elisabeth“-Mannschaftsraum, an dessen Decke Petroleumlampenimitate hängen. Die Wände sind mit dunkelbraunem Holzersatz verkleidet, Messinghandläufe krönen das Geländer einer in den Schiffsbauch führenden Treppe. Er steht in diesem Romantikversuch wie dessen vollkommener Gegensatz. Ein blasser junger Mann in Jeans und grauem Hemd, der von den Momenten berichtet, als die „Hansa Stavanger“-Mannschaft die angreifenden Piraten bemerkt hatte, von deren Gewehren und abgefeuerten Panzergranaten. Er berichtet von Verschleppungen aufs Festland, angedrohten Verschleppungen, Androhungen, an Al Qaida verkauft zu werden.

Er spricht ruhig dabei, er bauscht nichts auf, er macht aber auch nichts kleiner. Euskirchen liefert sich selber einen Anlass nach dem anderen für Selbstmitleid, Triumphgesten und Koketterie, und er lässt jeden davon ungenutzt verstreichen. Eine seltene, weil unangestrengte Sachlichkeit steckt in seinen Erzählungen. Was ist das?, mögen die Studenten denken, ist es das, was man einen gefestigten Charakter nennt? Lernt man das auf See?

Nur einmal kommt es zu einer Gefühlsregung, zum Höchstmaß an Sarkasmus, zu dem Euskirchen in seiner Rolle als Nacherzähler seiner Erlebnisse fähig ist. Euskirchen sagt: „Kleiner Höhepunkt: Scheinhinrichtung. Das kommt immer mal wieder vor dort. Das ist es, was die Haare ein bisschen grauer werden lässt.“ Aber er lächelt nicht dabei. Dann

Die angehenden Sicherheitsmanager hören zu. Einige von ihnen werden aller Wahrscheinlichkeit nach später bei Reedereien arbeiten, Chief Security Officer heißt einer der dafür infrage kommenden Berufe, Sicherheitschef. CSO sagen sie hier nur dazu, so oft und so selbstverständlich, wie in der Tagesschau von CDU die Rede ist.

Dann kommen die Fragen. Die Männer beginnen ein Kräftemessen. Euskirchen, der Mann der klaren Sätze, soll sich ein bisschen winden, am besten in ein paar Widersprüchen aus dem Universum von Kapitalismus und Moral. Sie verwechseln ihn dabei erst mit dem Anwalt seiner Reederei und dann mit dem der ganzen deutschen Schiffsbesitzerzunft. Zuerst kommt der Geschäftstüchtigkeitsvorwurf. „Die ,Hansa Stavanger‘ fährt doch jetzt mit Liberia-Flagge, sollte man dann noch hoffen, von der deutschen Marine Hilfe zu kriegen?“ – „Ja.“ Es folgt die Rüge für das Gegenteil, für wirtschaftliches Unvermögen: „Das Lösegeld, zahlen die deutschen Reedereien nicht zu schnell? Und zu viel?“ – „Das ist von Fall zu Fall verschieden.“

Die Frauen wollen lieber die Situation auf dem gekaperten Schiff weiter erforschen. „Hatten Sie Angst?“

„Ja, die Wichtigkeit besteht aber darin, diese Angst zu kontrollieren, sie beiseitezudrängen.“

„Wie viele Piraten hatten Sie auf dem Schiff?“

„Zwischen 20 und 30, die Höchstzahl war 45.“

„Wie haben Sie so Ihren Tag gestaltet, man kann ja nicht den ganzen Tag in der Ecke sitzen?“

„Doch, Sie sind schon gezwungen, den ganzen Tag in der Ecke zu sitzen.“

Der sachliche Herr Euskirchen. Im August 2009, kurz nach der Freilassung, hatte er auf die erste Reporterfrage, die ihm gestellt wurde, geantwortet: „Über die schlimmsten Momente an sich möchte ich jetzt vorerst mal nicht reden. Ich kann Ihnen das allgemein sagen, was schlimm war: diese Machtlosigkeit.“

Der edle Wilde, der nur sein Land verteidigt, den gibt es nicht.

Damals hat er dann rasch damit angefangen, die schlimmsten Momente aufzuschreiben. Er hat auch die besseren aufgeschrieben und immer wieder den Versuch unternommen, die Piraten zu verstehen. Ihr Wesen, ihre Motive, ihre Handlungsmuster. Er hat die Silhouette der „Hansa Stavanger“ gemalt, einen Kopf mit Turban oben drauf und eines jener kleinen Plastikboote mit Außenbordmotor, in denen die Piraten sitzen, wenn sie Schiffe angreifen. Aus den Aufzeichnungen ist ein 360 Seiten dickes Buch geworden, aus den Bildern der Schutzumschlag.

Wer das Buch liest, der bekommt folgende Lektion: Der Pirat an sich ist eine feige Sau.

Da sind die Waffen gegen Wehrlose. Schikanen, Folter. Ein Anruf bei Euskirchens Mutter, um ihr Angst einzujagen und ihren Sohn sich noch elender fühlen zu lassen als ohnehin schon. Das dauernde Gerede der Piraten von ihren sich selbst auferlegten Regeln, der Mannschaft nichts zu tun und deren private Habe nicht zu klauen, die von aller Welt – und bei allen Arten des organisierten Verbrechens – merkwürdigerweise immer mit dem Wort „Ehrenkodex“ beschrieben werden und doch immer nur dazu da sind, sie zu brechen. Da sind aber vor allem kleine Sätze wie diese: „Meiner Erfahrung nach haben die somalischen Piraten Probleme damit, in Bereiche zu gehen, die die nicht kennen und die auch noch dunkel sind. Vor allem die Maschine – auf der ,Hansa Stavanger‘ brauchte es mehr als einen Monat, bis sie sich hineintrauten.“ Ebenso die Laderäume. Dort runter? „Auf der ,Stavanger‘ haben sie das in vier Monaten nicht gemacht.“

Somalia, das Horn von Afrika. Der Golf von Aden, an dessen Nordseite ist die Schiffs-Autobahn zwischen Indischem Ozean und Mittelmeer. Mehr als 30.000 Passagen gab es dort im vergangenen Jahr, 1200 davon mit Schiffen unter deutscher Flagge. Die Zahl der deutschen Reedern gehörenden Schiffe, die dort entlangfuhren, ist niemandem bekannt, wahrscheinlich aber ist sie deutlich größer. Die deutschen Reeder besitzen die drittgrößte Flotte weltweit, was Containerschiffe angeht, ist es die größte.

Zwei große Piratennetzwerke gibt es in dem Land, zwischen sieben und zehn, vielleicht sogar 70 Banden sind in ihnen organisiert. Geheimdienste und Uno-Ermittler kommen mit dem Zählen nicht mehr hinterher. Die Spezialität der Somalier sind Geiselnahmen.

Angefangen hat dort alles in den frühen 90er Jahren. Angeblich ausgebildet von westlichen Sicherheitsfirmen, die ihnen das Manövrieren mit kleinen Plastik- und Holzbooten beibrachten, stellten die ersten Piraten fortan Fischfangschiffe, von denen etliche dort illegal unterwegs waren. Sie gaben sich als offizielle Küstenschützer aus und verlangten Gebühren.

Der Legende nach sind die somalischen Piraten von heute vor allem einstige Fischer, denen mit dem leer gefischten Meer vor ihrer Küste das Einkommen wegbrach und die sich nun nicht anders zu helfen wissen. „Partisanenrhetorik“, sagt Euskirchen, „ein paar Politiker scheinen dem sehr nachzuhängen.“ Der edle Wilde, der nur sein Land verteidigt, das der westliche Thunfischhunger zugrunde gerichtet hat. Euskirchen hat einen einzigen Mann in Somalia kennengelernt, bei dem das wohl tatsächlich so war.

Eine Untersuchung norwegischer Wissenschaftler im Jahr 2009 ergab, dass an Somalias Küsten weniger die Fische knapp waren als vielmehr die Fischer. Der Beruf war längst unattraktiv geworden.

Für die „Hansa Stavanger“ flossen 2,75 Millionen Dollar

Zwei Tage sind vergangen seit seinem Vortrag in Elsfleth. Er sitzt nun bei sich daheim, unter einem Reetdach nicht weit von Hamburg und ist wütend, aber immer noch kontrolliert, natürlich. Er berichtet von Begegnungen mit Abgeordneten in Hintergrundgesprächsrunden zu maritimen Themen, meist aus der Partei der Grünen. Menschen mit iPhones in den Händen, von Fingern, die darauf herumwischten, während er ihnen seine Erlebnisse schilderte. Irgendwann blickten die dann auf, sagten, „wenn ich Sie mal korrigieren darf“. Das passiert zuverlässig an der Stelle, an der Euskirchen etwas Allgemeiner wird, von Kulturen spricht und die Frage nach der Bewaffnung von Handelsschiffen stellt, von deutschen Handelsschiffen. „Die wollen nicht anerkennen, dass es andere Kulturen gibt“, sagt er über die Abgeordneten, „die Kultur der Kriminellen, bei denen man nichts ausrichtet mit Diplomatie.“ In deren Augen, sagt Euskirchen, „siehst du dann sofort braun aus“. Und: Die wollen vor allem eines nicht anerkennen: ihre ganz persönliche Rolle in der Sache. Die ganzen schönen iPhones nämlich kommen mit Schiffen von China nach Europa. Wo müssen die auf ihrem Weg von Osten nach Westen vorbei? Wer hat, falls dort etwas passiert, Pech gehabt?

Wer in der Lage ist, diese Fragen zu beantworten, der versteht auch, warum Euskirchen, der längst wieder zur See fährt, sich manchmal sehr verlassen vorkommt.

Es gibt Berichte an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen, die das Wesen der somalischen Lösegeldindustrie beschreiben. Darin werden Namen genannt und die Einnahmen geschätzt. Die durchschnittliche Lösegeldsumme im Jahr 2010 soll etwa vier Millionen Dollar betragen haben, der bisher höchste dokumentierte Wert aus dem Jahr 2011 lag bei elf Millionen. Für die „Hansa Stavanger“ flossen zwei Jahre zuvor noch 2,75 Millionen Dollar.

Somalische Politiker auf allen Ebenen hielten die Hand auf, Bürgerkriegsarmeen, und seit Neuestem hat auch zumindest eine Sektion der Islamistenmiliz Al Schabab Gefallen an einem Teil dieses Geldes gefunden. Einer der geschäftstüchtigsten Piratenkommandanten, der auch die „Hansa Stavanger“-Kaperung angeführt hat, sein Spitzname ist „Großmaul“, hatte Beziehungen zu Libyens Staatschef Gaddafi.

Das Jahresdurchschnittseinkommen eines Piraten beträgt überschlägigen Berechnungen einer US-amerikanischen Politikberatungsfirma zufolge zwischen 33.000 und 79.000 Dollar. Legal lassen sich in Somalia im Durchschnitt 500 Dollar pro Jahr verdienen. Vorausgesetzt, diese Zahlen stimmen: Wie viel Hilfsgeld müsste in das Land fließen, um das Piratendasein uninteressant werden zu lassen?

Der furchtlose Euskirchen. Fährt über die Weltmeere, und wenn er wieder heimkommt, setzt er sich dem stummen Vorwurf aus, ein Rassist zu sein. „Ach, furchtlos“, sagt er, „mein Alarmlevel ist seit der Entführung höher als früher.“ Er ist ständig wegen irgendwelcher Sachen besorgt, wenn seine Freundin mal später als sonst nach Hause kommt zum Beispiel, wird er unruhig. „Ohne dass das jetzt ein Hindernis ist, aber es ist eben anders.“

Er kommt dann noch einmal auf seine Angst auf der „Hansa Stavanger“ zu sprechen, die er beiseitegedrückt habe. Er sagt: „Was wäre das denn für eine Sache, wenn man sich davon kleinkriegen lassen würde?“ Dann macht er große Augen, so als würde er in diesem Moment schon staunen über das, was er gleich als Antwort hinterhersetzen wird. Als wäre der Inhalt dieses Satzes völlig absurd. Er sagt: „Das wäre ja wie verlieren.“

Vom Kapern, Kentern und Beutemachen

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