Vor 25 Jahren sank die Ostsee-Fähre : Das Rätsel des Untergangs der „MS Estonia“

852 Menschen starben am 28. September 1994. Bis heute gibt es viele Fragen zur einer der größten Katastrophen auf See. Angehörige fordern nun neue Ermittlungen.

Teile der Fähre „Estonia“ vor der finnischen Insel Uto geborgen.
Teile der Fähre „Estonia“ vor der finnischen Insel Uto geborgen.Foto: Foto: Jaakko Avikainen/dpa

In der Nacht zum 28. September 1994 peitscht der Wind die teilweise bis zu zehn Meter hohen Wellen mit mindestens Stärke 9 durchs Baltische Meer. Um 1:23 Uhr Ortszeit wird das Rauschen auf dem internationalen Ruf- und Seenot-UKW-Kanal 16 unterbrochen. Die Fähre „MS Estonia“, die sich auf dem Weg von Estlands Hauptstadt Tallinn nach Stockholm befindet, nimmt Kontakt mit der „Silja Europa“ auf, die sich in der Nähe befindet, ebenfalls eine Fähre.

Knapp eine Minute später der Notruf der „Estonia“: „MAYDAY, MAYDAY“. Es dauert fast zehn lange Sekunden, bis die „Europa“ reagiert: “Können Sie wiederholen, rufen Sie MAYDAY? Estonia, was ist los? Können Sie wiederholen?“, fragt der Funkoffizier auf Englisch. Kurz darauf wechselt der Dialog ins Finnische. Die „Estonia“ funkt: „Wir haben hier nun ein Problem, eine schwere Schlagseite nach Steuerbord, ich glaube 20 bis 30 Grad. Könntest du zur Hilfe kommen und auch Viking Line zu Hilfe bitten?“

Danach gibt die „Estonia“ ihre Position durch: 59 Grad, 22 Minuten Nord und 21 Grad, 48 Minuten Ost. 50 Kilometer weit weg von der nächsten Küste. Und funkt um 1:29 Uhr: „Es sieht wirklich richtig schlecht aus, richtig schlecht jetzt.“ Dann reißt der Kontakt ab. Wenig später verschwindet die „Estonia“ der Reederei EstLine – 155 Meter lang mit neun Decks – von den Radarschirmen der Militärs der Ostseestaaten und der zu Hilfe eilenden insgesamt 14 Schiffe.

Deren Kommunikation nach dem letzten Funkkontakt ist eine Dokumentation des Grauens. Der Funk spiegelt deutlich das Entsetzen der Männer wider. Die „Estonia“ ist gesunken und hat hunderte Menschen mit in die Tiefe gerissen. Als erstes Schiff erreicht die „MS Mariella" die Stelle, an der die „Estonia“ gesunken ist, und rettet kurz nach 3 Uhr die ersten sechs Überlebenden der Katastrophe. Schweden und Finnland schicken insgesamt 25 Hubschrauber – doch als diese an der Unglücksstelle eintreffen, ist es für die meisten Menschen zu spät.

Der Untergang der „Estonia“ wirft auch 25 Jahre nach dem Untergang viele Fragen auf, manche werden sich nie endgültig klären lassen – und so ranken sich um die „Estonia“ Spekulationen bis hin zu mehr oder weniger wilden Verschwörungstheorien. Die Zweifel beginnen schon mit der genauen Opferzahl.

An Bord sollen 989 Personen,186 Besatzungsmitglieder und 803 Passagiere, davon 501 Schweden, gewesen sein. Gerade unter jungen Leuten war es damals auf Ostseefähren üblich, sich nur ein Ticket für die Überfahrt zu kaufen und sich keine Kabine zu buchen. Diese Reisenden wurden nicht erfasst. Passagierlisten werden erst nach dem Vorfall verpflichtend.

Offiziell wurde die Zahl der Todesopfer mit 852 angegeben. Nur 137 Menschen konnten gerettet werden unter ihnen drei Deutsche. Viele, die ins Wasser gesprungen waren, hatten in dem 13 Grad kalten Meer und der stürmischen See keine Chance. 93 Personen wurden tot geborgen. Die meisten Passagiere wurden wohl in ihren Kabinen überrascht, für sie wurde die „Estonia“ zum Grab.

Es gab Gutachten und Gegengutachten

Aber wie kam es dazu? Wer trägt die Schuld? War es menschliches Versagen? Fehlerhafte Technik? Oder doch ein Verbrechen? Es gab Gutachten und Gegengutachten, Experten widersprachen Experten. Als sicher gilt, dass in das Schiff in sehr kurzer Zeit enorme Wassermassen eindrangen.

Die „Estonia“ war mit Kapitän Arvo Andresson und seinem Stellvertreter Avo Piht mit einer guten Viertelstunde Verspätung aus Tallinn ausgelaufen. Trotz der rauen See fuhr das Schiff mit 15 Knoten vergleichsweise schnell. Ein erstes offizielles Gutachten der Untersuchungskommission, die von Schweden, Finnland und Estland eingesetzt wurde kam 1997 zu dem Schluss, Grund für das Unglück sei ein Konstruktionsfehler gewesen. Die Scharniere der Bugklappen hätten den Belastungen der aufgepeitschten See nicht standgehalten und seien weggebrochen.

Das Schiff bekam enorme Schlagseite

Dann soll die 55 Tonnen schwere Bugklappe weggerissen worden sein. Die Ostsee flutete das Hauptdeck der Estonia. Das Schiff bekam enorme Schlagseite. Der Kapitän versuchte offenbar noch gegenzusteuern, verschlimmerte die Lage aber dadurch wohl noch. Die Estonia sank. Die Verantwortung liege daher bei der Meyer Werft in Papenburg, die das Schiff 1980 baute, so die Gutachter.

Das Unternehmen präsentierte daraufhin 2000 ein eigenes Gutachten. Ergebnis: Das Schiff sei ohne Mängel ausgeliefert, aber schlampig gewartet worden. Zudem habe es Explosionen an Bord gegeben. In der Tat berichteten Überlebende von lauten Knallgeräuschen. Es gab Spekulationen über Löcher im Rumpf. Sollten so durch gezielte Sprengungen Verbrechen vertuscht werden?

Die Ostsee-Fähre „Estonia“ sank am 28. September 1994.
Die Ostsee-Fähre „Estonia“ sank am 28. September 1994.Foto: Reuters

Wie unter anderem schwedische Behördenvertreter später zugaben, waren auf der Estonia bei früheren Fahrten auf Anweisung höherer Stellen Waffen transportiert worden. Illegaler Handel mit elektronischem Militärgerät aus Beständen der gerade erst zusammengebrochenen Sowjetunion, der durch eine russische Geheimdienstoperation unterbunden werden sollte? Waren radioaktives Material oder riesige Mengen Kokain und Heroin an Bord? Sollten durch das vorsätzliche Öffnen der Bugklappe auf hoher See, sensible Lkw-Ladungen entsorgt werden, um so bei einer angeblich in Stockholm geplanten Razzia nicht aufzufliegen?

Hat es Explosionen an Bord gegeben?

Oder war es gar ein Terroranschlag? Auch ein deutsches TV-Team berichtete von Löchern im Schiffsbug, zwei Gutachten kamen Ende 2000 zu dem Schluss, es habe Explosionen gegeben. Untersucht wurde der Untergang deshalb auch von der Hamburger Staatsanwaltschaft – zuständig für unklare Fälle auf See. 2002 stellte sie die Terrorermittlungen aber wieder ein.

2006/2007 simulierten Experten der Hamburgischen Schiffbau-Versuchsanstalt und der Technischen Universität Hamburg-Harburg den Untergang per Computer. Sie kamen zu einem ähnlichen Ergebnis wie die Kommission 1997. Eine Explosion habe es nicht gegeben.

Deutsche Journalistin hält offiziellen Untersuchungsbericht für falsch

Die Journalistin Jutta Rabe recherchiert seit 25 Jahren und hat ein Buch mit neuen Erkenntnissen veröffentlicht. Sie ist überzeugt: Die Auto- und Passagierfähre kann nicht auf die im Untersuchungsbericht beschriebene Weise gesunken sein. Dagegen sprächen einfache physikalische Gesetze und der Fakt, dass unter dem Autodeck noch weitere Decks lagen, sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. „Bei einem Wassereinbruch über das Autodeck hätten die Wassermassen erst die drei unterhalb des Autodecks liegenden Stockwerke fluten und die Luft verdrängen müssen, um das Schiff zu versenken.“

Überlebende von diesen unteren Decks hätten einen anderen Hergang beschrieben, sagt Rabe: Das Wasser sei von unten gekommen. Es bleibe damit nur eine Schlussfolgerung: eine Beschädigung der „Estonia“ unterhalb der Wasserlinie.

Viele Angehörige glauben, die Regierungen wollen vertuschen

Zweifler, darunter viele Angehörige, überzeugte das alles nicht. Dazu beigetragen hat von Beginn an das Verhalten der beteiligten Regierungen, speziell der schwedischen. Tatsächlich erweckte manches den Eindruck, Stockholm wolle die Aufklärung verhindern. So hatte der damalige Premier Carl Bildt direkt nach dem Untergang versprochen: „Das Schiff und die Leichen sollen so bald wie möglich geborgen werden.“ Das Wrack liegt in 80 Metern Tiefe, technisch wäre dies möglich gewesen. In Angriff genommen wird dies aber nie – vermutlich nicht nur, weil auch die Angehörigen der Opfer uneins sind, was mit den Toten geschehen soll.

Am 1. Juli 1995 werden Fakten geschaffen: Mit einem Bannmeilengesetz, das bis auf Deutschland alle Ostseeanrainer unterzeichnen, wird das Wrack abgesperrt. Tauchgänge werden verboten. Offizielles Ziel: Die Totenruhe solle nicht gestört werden. Den weitergehenden Plan, die Estonia mit einem riesigen Sarkophag aus Schutt und Geröll einzuschließen, gibt Stockholm nach massiven Protesten auf.

Hören Sie hier den Notruf und die Funksprüche der Helfer

Kritiker werfen der ersten Untersuchungskommission zudem vor, nicht alle Überlebenden intensiv befragt zu haben. Außerdem seien alle Winkel des Schiffes mit Kameras untersucht worden, nur nicht das Autodeck, wo das Wasser zunächst einströmte. Zumindest sind solche Aufnahmen nicht bekannt. Es gibt auch Vorwürfe, Videos seien manipuliert worden. Auch soll zunächst geborgenes Beweismaterial wieder in die Ostsee geworfen worden sein. Beweise gibt es nicht, aber ein weiteres Mysterium:

Der stellvertretende Kapitän Piht gehörte zu acht geretteten Crewmitgliedern, die zur finnischen Insel Utö gebracht wurden. Finnische und estnische Fernsehsender zeigten später die Liste der Überlebenden mit Pihts Namen darauf; Augenzeugen berichteten, den 39-Jährigen beim Verteilen von Schwimmwesten auf dem Schiffsdeck und in einer der Rettungsinseln gesehen zu haben. Auch auf TV-Bildern soll er identifiziert worden sein. Dann verlor sich die Spur aller acht Männer, später wurden sie für tot erklärt. Später berichteten schwedische Medien, Piht sei gesehen worden – an verschiedenen Orten der Welt.

Im Juli endete der erste Prozess – die Schuldfrage bleibt ungeklärt

Die Reederei EstLine hatte Überlebenden und Angehörigen 130 Millionen Euro Entschädigung gezahlt. Ein Gericht hatte sich allerdings noch nie mit dem Fall beschäftigt. Viele setzten daher große Hoffnung in den Prozess, vor einem Gericht bei Paris, der erst im Juli nach fast 20 Jahren endete. Rund 1000 Kläger verlangten von der französischen Klassifizierungsstelle Bureau Veritas, die die Estonia als seetüchtig eingestuft hatte, und die Meyer Werft, auf insgesamt 40 Millionen Euro Schadenersatz. Das Gericht folgte ihrer Argumentation nicht; die Schuldfrag blieb juristisch ungeklärt.

Nur 137 Menschen konnten gerettet werden unter ihnen drei Deutsche.
Nur 137 Menschen konnten gerettet werden unter ihnen drei Deutsche.Foto: Reuters

Für viele Opfer und Angehörige unerträglich. Die Stiftung „Estonia-Opfer und Angehörige“ (SEA) reichte daher Beschwerde beim Verwaltungsgericht in Tallinn ein, um eine Wiederaufnahme der Untersuchungen zu erreichen. „Wir fordern, dass die Regierung Estlands eine neue Untersuchung durchführt, mit Tauchgängen und allem, was dazu am Wrack nötig ist“, sagte Lennart Berglund von SEA, der Online Ausgabe von Radio Schweden. Wie estnische Medien berichten, will das Gericht am 24. Oktober eine Entscheidung verkünden.

Genehmigte Tauchgänge könnten in der Tat Licht ins Dunkel bringen. Vielleicht gibt es schon vorher Material – zumindest für neue Spekulationen. Der finnische Grenzschutz teilte am Dienstag mit, ein deutsches Schiff sei am Montagnachmittag zur Position des „Estonia“-Wracks herausgefahren. Dies berichtete das finnische Medienhaus Yle.

Vermutlich sei ein Unterwasserroboter ins Wasser gelassen worden, der am späten Abend gehoben wurde, hieß es. Es bestehe der Verdacht, dass der über der „Estonia“ verhängte Grabfrieden gestört worden sei. Die deutschen Behörden seien über den Vorfall unterrichtet worden. Vielleicht wird das Drama der „Estonia“ schon bald um ein Kapitel reicher – 25 Jahre nach dem Untergang.

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