#MeQueer : "Die Angst, die Hand des geliebten Menschen öffentlich zu ergreifen"

Unter #MeQueer twittern queere Menschen über Alltagsdiskriminierung. Initiator Hartmut Schrewe über Reaktionen - und was Spanien von Deutschland unterscheidet.

Queere Verbindungen - auf der Straße und im Netz.
Queere Verbindungen - auf der Straße und im Netz.Foto: picture alliance / dpa

Vor vier Wochen haben Sie auf Twitter den Hashtag MeQueer initiiert. Was hat Sie dazu motiviert?

Mich haben die Debatten der Hashtags #MeToo und #MeTwo sehr bewegt. Ich war begeistert von dem Mut und der Großzügigkeit der Betroffenen, ihre Geschichten und Erfahrungen zu teilen. Diese Tweets habe ich auch als Angebot verstanden, zuzuhören, zu lernen und sich vielleicht auch das eine oder andere Mal selbst zu ertappen. Ich habe die Tweets selten kommentiert, vielmehr darüber nachgedacht und sehr oft geteilt.

Irgendwann dachte ich, es muss doch auch ein Hashtag dieser Art für queere Menschen geben. Warum habe ich den noch nicht gesehen? Doch es gab solch einen Hashtag nicht. Damit war die Idee zu #MeQueer geboren. Ich fand es wichtig, dass auch queere Menschen einen Einblick in ihre Diskriminierungserfahrungen geben.

Besonders wenn aktuell Teile der Gesellschaft nahezu panisch vor einer offenen Gesellschaft zurückschrecken, dürfen wir uns von diesen Teilen nicht ihre Angst und ihren Hass aufdrängen lassen, sondern müssen uns in eine noch offenere Gesellschaft weiterentwickeln. Dazu gehört es eben auch, den „Anderen“ Einblick zu gewähren und Missstände aufzuzeigen.

Und dann haben Sie losgelegt?

Bis ich den ersten Tweet absetzte, brauchte es noch ein paar Tage. Ich habe mich gefragt, ob ich mich einem möglichen Shitstorm gewappnet fühle und eine erneute Marginalisierung queerer Diskriminierung ertrage. Der Knoten ist geplatzt, als mein Ehemann mit einer Behörde telefonierte, und ein Beamter mich als den Kumpel meines Mannes betitelte, obwohl es um uns als Ehepaar ging. Das hat mich derart geärgert, dass ich den ersten #MeQueer-Tweet schrieb.

Die Tweets schilderten von Beleidigungen bis hin zu Gewalterfahrungen ein breites Spektrum der Alltagsdiskriminierung. Hatten Sie eine solche Resonanz erwartet?

Nein, die Resonanz auf #MeQueer hat mich völlig umgehauen und streckenweise auch überfordert. Nach dem ersten Tweet passierte gar nicht viel. Erst als ich darüber twitterte, was es mit mir machte, meine eigenen Diskriminierungserfahrungen zu twittern, welche Widerstände ich hatte und dass alte Wunden wieder aufrissen, ging es richtig los.

Konkrete Erwartungen hatte ich nicht. Als der Hashtag auf Twitter explodierte, habe ich es erst Stunden später mitbekommen. Dieses Ausmaß, dass sich auch Menschen aus Österreich, Frankreich, später auch aus Spanien und Südamerika beteiligten, hätte ich nie erwartet.

Der Berliner Autor Hartmut Schrewe.
Der Berliner Autor Hartmut Schrewe.Foto: privat

Wie war es für Sie, diese Tweets zu lesen?

Es war großartig, dass wir queeren Menschen so laut und sichtbar waren. Wir waren derart präsent, dass mensch uns wahrnehmen musste. Und genauso habe ich mich gefühlt, laut und sichtbar. Ein gutes Gefühl. Dann gab es bestimmte Erfahrungen, über die sehr viele Leute immer wieder berichtet haben. Zum Beispiel die Angst oder das Unbehagen die Hand des geliebten Menschen in der Öffentlichkeit zu ergreifen. Weil die Vorsicht, die Angst vor Gewalt schon so internalisiert ist. Ich dachte immer, ich sei da etwas paranoid. Dass so viele genau dasselbe erlebt haben, war sehr heilsam für mich.

Viele Geschichten haben mich aber auch zum Weinen gebracht und sprachlos gemacht. Insbesondere war es sehr hart die Leidenswege vieler Transsexueller zu lesen. Und ich war überrascht, wie offen auch über Diskriminierung innerhalb der queeren Community selbst geredet wurde. Natürlich traten zudem bald die Hater auf den Plan und diejenigen, die versuchten unsere Erfahrungen zu marginalisieren. Doch so, wie ich es erlebt habe, gab es viel mehr Nichtqueere, die sich solidarisch erklärten. Ich glaube, das hat mich am meisten erstaunt.

Welche positiven Effekte von #MeQueer sehen Sie für die queere Community?

Ruben Serrano, der Journalist, der #MeQueer im spanischsprachigen Raum verbreitet hat, beschrieb das sehr treffend. Er sagte, #MeQueer sei das erste Mal, dass wir queeren Menschen unsere Diskriminierungserfahrungen in der Öffentlichkeit miteinander geteilt haben. Wir sind länderübergeifend miteinander ins Gespräch gekommen. Wir haben das öffentliche Schweigen gebrochen.

Viele Menschen haben mir gesagt oder getwittert, dass sie sich durch diesen Austausch nicht mehr so alleine fühlen. Laut und sichtbar zu sein ist sicherlich kein neuer Ansatz der queeren Community. Aber es ist ein wichtiges Bestreben, das nicht verebben darf. Viele haben berichtet, wie schwer es ihnen, trotz Anonymität oftmals, gefallen ist, von ihren Diskriminierungserfahrungen zu sprechen. Ich habe diese Widerstände selbst gespürt. Vielleicht war #MeQueer für einige der erste Schritt zu mehr Sichtbarkeit. Ich würde es mir jedenfalls wünschen.

Politik und Medien haben gar nicht bis spärlich auf MeQueer reagiert. Wie erklären Sie sich das?

Berichtet wurde über das Hashtag anfangs gar nicht mal so wenig. Aber Sie haben recht, eine wirkliche Reaktion der Medien, die sich mit dem Thema inhaltlich auseinandersetzt, mit Hintergrundberichten o.ä., gab es kaum. Eine breite gesellschaftliche Debatte blieb ebenfalls aus. Eigentlich wurde nur das Phänomen beschrieben, von Queerspiegel, Buzzfeednews, Deutsche Welle und Reuters abgeschrieben.

Die Reaktionen aus der Politik beschränkten sich auf queere Politiker*innen in kurzen Statements oder Tweets. Jetzt könnte mensch vermuten, es läge daran, dass die Mainstreampresse queere Themen gerne marginalisiert und zum Teil mag das auch stimmen. Aber sogar die linke Presse hat bis auf die taz, mit einem der wenigen analytischen Artikel, geschlossen geschwiegen. Eine starke Beteiligung queerer Organisationen ist mir ebenfalls nicht sonderlich aufgefallen.

In Spanien war das genaue Gegenteil der Fall. Dort hat #MeQueer die Presse, das Fernsehen und auch die Gesellschaft erreicht. Viele Hintergrundberichte, Interviews im Radio und Fernsehen, Lehrer*innen wollten sich dem Thema annehmen, Bibliotheken Lesungen veranstalten. Ich habe viele spanische Tweets und Artikel gelesen. Da gehörte eine große Frustration, dass nach der Eheöffnung die Akzeptanz in der Gesellschaft zu wenig Fortschritte gemacht hatte. Außerdem haben die Spanier #MeQueer von Anfang an als Bewegung gesehen. Und auch die Politik reagierte. Das Innenministerium schickte der Community auf Twitter eine Grußbotschaft und Politiker sowie Parteien erklärten sich solidarisch.

Und die deutsche Politik?

Ich habe das deutsche Innenministerium und alle demokratischen Parteien im Bundestag darauf hingewiesen und keinerlei Reaktion bekommen. Andere Twitter*innen haben Prominente angesprochen. Dieselbe Nicht-Reaktion. Ich habe keine Erklärung für dieses Schweigen. Besonders nicht dafür, dass die queeren Organisationen diese Energie die in der Luft lag nicht nutzen wollten. #MeQueer war die Gelegenheit die Forderung nach der Erweiterung des Artikel 3 voranzutreiben, die Debatte um die dritte Option, das Transsexuellen-Gesetz und Alltagsdiskriminierung, die ja nicht nur eine Frage von Gesetzen ist, in die Gesellschaft zu tragen.

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