Rufus Wainwright : „Ich stehe den geistig verwirrten Damen nahe“

Rufus Wainwright ist einer der großen kanadischen Popstars. Ein Gespräch über seine Patchwork-Familie, sein Coming Out und Shakespeares schwulste Figur.

In seinem Element: Rufus Wainwright am Piano.
In seinem Element: Rufus Wainwright am Piano.Foto: picture alliance / dpa

Mr. Wainwright, in Berlin gehen kommenden Samstag tausende Menschen auf die Straße, um auf der CSD-Parade gegen Homophobie und für die Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften mit Ehen zu demonstrieren. Sie leben das bereits mit Ihrem deutschen Ehemann in Kanada.

Allerdings versuche ich gerade, ihn zu überreden, nach Los Angeles zu ziehen.

Warum?

Weil meine Tochter mit ihrer Mutter dort lebt.

Zusammen mit Lorca Cohen, der Tochter von Leonard, haben Sie ein fünfjähriges Kind.

Wir besuchen Viva, so oft es geht, sie bleibt auch mal bei uns, das Sorgerecht hat jedoch ihre Mutter.

Glauben Sie, es ist für Ihr Kind von Vorteil, in einer Patchworkfamilie aufzuwachsen?

Neulich habe ich mich mit Billie getroffen, der Tochter von Schauspielerin Carrie Fisher …

… die Prinzessin Leia in „Star Wars“ ...

… und Billies Vater ist schwul. Ich fragte sie, wie das Leben für sie als Kind war. Weil mich als Dad solche Fragen interessieren, auch ob es unmenschlich ist, Viva von Ort zu Ort zu zerren. Aber Billie sagte: Ich liebte jede Minute, du bekommst von allem das Doppelte, Aufmerksamkeit, Spielzeug, zwei Zimmer. Und ein schwuler Vater kann dir Zöpfe flechten!

Was bedeutet es für Sie, Vater zu sein?

Es gibt keinen Bezug zu meiner künstlerischen Arbeit. Dass ich ein guter Sänger bin, hat überhaupt nichts damit zu tun, wie ich als Vater dastehe. Meine Tochter lässt sich nicht von meinem Œuvre beeindrucken, was erfrischend ist. Mit ihr muss ich keine Rolle spielen.

Auf dem Spielplatz oder im Garten?

Ich bin lieber im Garten, muss aber auf den Spielplatz. Trotz meiner Sandkasten-Phobie. Als kleiner Kerl habe ich einmal Hundescheiße ausgebuddelt. Ich hoffe wenigstens, dass es welche war. Seitdem habe ich nie wieder in einer Buddelkiste gespielt. Gibt es die noch?

Doch, doch.

Echt? Ich dachte, die sind abgeschafft. Gerade in Amerika, wo du für alles verklagt werden kannst.

Rufus Wainwright in samtener Umgebung.
Rufus Wainwright in samtener Umgebung.Foto: REUTERS

Schaukel statt Tanzfläche – vermissen Sie den Hedonismus früherer Tage?

An manchen Abenden steigt der alte Drachen wieder aus dem Fluss und hebt sein hungriges Haupt! Aber natürlich nicht so wie damals. Ich habe so viel Zeit damit verbracht zu singen, aufzutreten, im Hotel zu sein, dass ich es als pure Freude empfinde, zu Hause zu bleiben und fernzusehen.

Wer hat die intensiveren Wut-Drama-Ausbrüche, die kleine Viva oder Sie?

Wutanfälle sind mir fremd, ich atme lieber ganz tief ein und schlucke den Ärger runter – das ist produktiver. Am Ende stecke ich diese Gefühle in meine Oper, die ich schreiben möchte.

Und wie reagieren Sie, wenn Ihre Tochter ausflippt?

Oh, da bin ich wahrscheinlich ganz wie mein Vater. Ich stehe daneben, lache oder mache einen Witz. Das löst dann natürlich noch mehr Wut aus.

Sie verstehen Ihren Vater jetzt besser?

Ja, total. Ich weiß jetzt, warum er nicht um fünf Uhr morgens mit mir Tischtennis spielen wollte.

Streiten Sie sich mit der Mutter Ihrer Tochter über Erziehungsfragen?

Wir machen, was sie vorgibt. Trotzdem: Als Vater habe ich die Pflicht, Viva zu verwöhnen, oder? Ich will, dass sie es leicht mit mir hat. Mädchen haben es doch schon schwer genug in der Gesellschaft. Wenn ich höre, was die Leute über Hillary Clinton sagen: Sie sei so laut, der Ton ihrer Stimme sei so schrill. Seit ich die Kleine habe, denke ich anders darüber. Da fällt mir ein, wir haben dieses alte Haus in Kanada, mein Großvater hat es gebaut. Weihnachten und Ostern trifft sich dort die Familie. Das letzte Mal spielten Viva und meine Neffen zusammen im Nebenzimmer. Ich beobachtete sie und wusste plötzlich: Um die geht es in Zukunft. Diese kleinen Menschen werden die Welt umgestalten, wir sind raus.

Sind Sie ein Helikopter-Vater?

Na ja, als wir Kinder waren, war vieles einfacher. Meine Mutter hat uns aus dem Haus gejagt, wir spielten draußen auf der Straße, bis die Sonne unterging. So was geht heute nicht mehr.

Im Blog „Free-Range Kids“ problematisiert eine New Yorker Mutter, dass Eltern ihre Kinder dauerüberwachen und nie alleine auf der Straße spielen lassen – dort sei es zu gefährlich.

Genau, das macht mir Angst. Die Wahrscheinlichkeit, dass dein Kind entführt wird, wenn draußen aleine spielt, ist ebenso groß, wie viermal nacheinander vom Blitz getroffen zu werden. Das waren meine schönste Erinnerungen: komplett frei zu sein, durch den Wald zu streifen, Nachbarskinder zu treffen.

Mit 14 hatten Sie genug von der Natur. Sie sind lieber in Schwulenbars gegangen.

Das stimmt nicht! Ich war 13.

Wie sind Sie da überhaupt reingekommen?

Montreal war in den 80er Jahren total dekadent. In New York und San Francisco hatte die Aids-Krise die schwule Szene quasi ausgelöscht, die Saunen hatten geschlossen, kein Sex im Park mehr. Bei uns gab es das noch. Außerdem hatten wir eine starke Separatistenbewegung: Franzosen, die sich von Kanada abspalten wollten. Viele englischsprachige Familien verließen Montreal, die Wirtschaft brach ein, Menschen wurden mittellos. Daher scherten sich die Barbesitzer nicht darum, wie alt du warst, solange du Geld dabei hattest.

Wie sind Sie damals aus dem Haus geschlichen?

Ich habe bis Mitternacht gewartet. Das Schlafzimmer meiner Mutter war am anderen Ende des Flures, meine Zimmer lag direkt neben der Wohnungstür. Es war kein Problem, unbemerkt zu verschwinden.

Family affair: Rufus Wainwright und seine Schwester Martha.
Family affair: Rufus Wainwright und seine Schwester Martha.Foto: Thilo Rückeis

Irgendwann gab Ihre Mutter Ihnen Shakespeare-Sonette als Lebenshilfe zur Hand. Einige haben Sie nun vertont.

Als ich zwölf war, bekam sie mit, dass ich masturbierte. Die Flecken auf dem Laken haben mich verraten. Danach kam sie zu mir und sagte: „Rufus, wenn du etwas mehr darüber wissen willst, was du da gerade in deinem Zimmer treibst, lies dieses Sonett.“ Das tat ich: The expense of spirit in a waste of shame is lust in action.

„Des Geistes Sturz in unermess’ne Schmach, das ist die Tat der Lust, und bis zur Tat.“

Das war eben ihre Art, mir die Sache mit den Bienen und den Blüten zu erklären. Eine klassische Shakespeare-Einführung erhielt ich Jahre später, als ich meinen Vater in London besuchte.

Ihr Vater ist der Folksänger Loudon Wainwright III.

Meine Eltern haben sich früh scheiden lassen, für zehn Jahre lebte er in England. Er besuchte mit meiner Schwester und mir eine Freiluftaufführung von „Ein Sommernachtstraum“ im Regent’s Park. Auf einmal befand ich mich in der mystischen Welt von Titania und Puck, die Sonne ging unter, Glühwürmchen flogen umher, ich war völlig verzaubert von der Atmosphäre.

Sie rannten sicher sofort in die Theater-AG.

Ja, in „Viel Lärm um nichts“ war ich Dogberry, der Konstable. Danach war meine Shakespeare-Karriere allerdings zu Ende.

Lieber wollten Sie in einem Glee Club mit Ihren Mitschülern singen?

Nein, in Chören funktioniere ich nicht gut. Meine Stimme ist einfach zu laut, zu klar herauszuhören.

Ihre Mutter holte Sie als Kind aus dem Bett, damit Sie Partygästen „Over the Rainbow“ vorsingen.

Ach, sie wollte nur, dass die anderen sich schuldig fühlten und nach Hause gehen. Ich hatte als Kind einen wunderschönen Sopran, in der Pubertät rutschte meine Stimme um ein paar Oktaven runter, sie war ziemlich grässlich. Lange habe ich das nicht bemerkt und meine Mitmenschen mit meinem Gesang gequält. Aber ich brauchte das Singen. Es beschützte mich vor den intensiven Gefühlsachterbahnen, die ich von Kindesbeinen an durchlebte. Erst die Scheidung meiner Eltern, dann die Erkenntnis, dass ich schwul bin, als ich 13 war ...

... und dass Ihre Eltern das Coming-out nicht gut aufnahmen.

Ich habe ihnen vergeben, weil 1987 alle von Aids redeten. Sie waren zu Tode verängstigt.

Hatte das Auswirkungen auf Ihr Zusammenleben?

Mein Vater wollte nie darüber reden. Er war weder dafür noch dagegen, er wollte nichts davon wissen. Meine Mutter entdeckte ein Schwulenmagazin in meinen Sachen, als ich 14 war. Als ich eines Abends nach Hause kam, saß sie im Wohnzimmer, ein Glas Scotch in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand. Sie sagte: „Rufus, bitte sag mir nichts, was ich nicht hören möchte. Du bist nicht schwul, oder?“

Ihre Antwort?

Ich habe das verneint. Ansonsten hätte sie mich aus dem Haus geworfen. Sie war ziemlich streng in der Beziehung. Jetzt darf ich das sagen, sie ist vor einigen Jahren verschieden.

Im Glauben, dass Sie heterosexuell seien?

Als ich 18 war, reisten wir für eine Woche nach Paris. Wir verbrachten einen wunderschönen Tag zusammen, gingen einkaufen, besuchten Museen, tranken Wein. Wir teilten uns ein Hotelzimmer, und als wir abends im Bett lagen, drehte ich mich mitten im Gespräch zu ihr um und sagte: Du liebst mich nicht, weil ich schwul bin. Ich habe sie so sehr in die Ecke gedrängt, dass sie in Tränen ausbrach. Natürlich liebe ich dich, sagte sie, ich habe einfach nur Angst. Am nächsten Tag ging sie in die Kathedrale von Notre Dame, obwohl sie keine gläubige Frau war. Sie behauptete, Gott hätte dort zu ihr gesprochen: Rufus ist wie jeder andere auch, ein ganz normaler Mensch.

Klingt schräg.

Jahre später, als sie starb, ging ich in dieselbe Kirche. Auch ich bin nicht sehr gläubig, ich habe Gott um Beistand gebeten und spürte plötzlich, dass mir tief drinnen jemand eine Botschaft sendete. Sei dankbar für alles in deinem Leben! Das half mir durch diese schwierige Zeit.

Das – und Shakespeare. Fühlen Sie sich mit Julia oder Ophelia seelenverwandt?

Ich fühle mich den älteren und geistig verwirrten Damen, die von schrecklichen Schuldgefühlen geplagt werden, näher. Lady Macbeth oder die Königin von Dänemark aus „Hamlet“. Das liegt daran, dass ich ein großer Opernfan bin. In „Elektra“ ist es Klytämnestra, Agamemnons Witwe, die den großen Auftritt hat. Solche Charaktere gibt es auch bei Shakespeare.

Zu Shakespeares Zeiten hätten Sie Ihren Spaß gehabt: Männliche Schauspieler spielten alle Rollen.

Das muss faszinierend gewesen sein, Männer, die Frauen spielten, die sich in den Stücken kurzzeitig für Männer ausgaben. So viel Geschlechterverwirrung in einigen Stücken. Gerade heute beschäftigen wir uns wieder mit solchen Genderfragen im Mainstream. Das spielte schon in seine Komödien hinein.

Shakespeare ist für Sie ein exzentrischer alter Pfau?

Eher ein Dodo, ein ausgestorbener Vogel. Über sein Privatleben ist wenig bekannt, manche bezweifeln sogar, dass es ihn gegeben hat.

Es gibt doch Porträts von ihm.

Zeigen sie wirklich ihn? Diese karge Informationslage schürt die Legende um seine Person. Freunde fordern mich gelegentlich auf, meine Memoiren zu schreiben oder Tagebuch zu führen. Ich will nicht, dass jemand in 400 Jahren alles über mich weiß. Das Gegenteil macht mich viel mysteriöser.

Ach, Sie sind doch nur faul.

Das auch.

Was war das Schwulste, was Shakespeare je geschrieben hat?

Na ja, er hat eine Figur im „Sommernachtstraum“, die Bottom heißt.

So nennen Schwule den passiven Sexpartner.

Oder denken wir an Portia aus „Der Kaufmann von Venedig“. Eine Frau, die Anwältin wird, heute würden wir sie eine Power-Lesbe nennen.

Stellen Sie sich vor, William Shakespeare wäre auf einem Datingportal wie Grindr – welchen Namen hätte er?

Willing to shake.

Was würden Sie ihn fragen?

Ob er mich attraktiv findet.

Würden Sie sich mit ihm treffen?

Ich bin jetzt 42 ...

... und glücklich verheiratet!

Auch das. Vor allem ändern sich jedoch die Parameter fürs Dating, die Auffassung, wen man gutaussehend findet. Ich bin nicht mehr so streng, was die Attraktivität anderer Männer betrifft. Mit 22 hätte ich mich nie mit einem viel älteren Mann, einem Daddy, getroffen, jetzt vielleicht schon. Das Alter macht mich demokratisch. Ich sehe mich im Spiegel und weiß, dass mich junge Schwule als Daddy betrachten. Das ist ganz schön verwirrend.

Das Interview ist zunächst in der Sonntag-Beilage im gedruckten Tagesspiegel erschienen. Mehr LGBTI-Themen finden Sie auf dem Queerspiegel.

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