Trend in der Popkultur : Das ist die Härte

Verzerrte Gitarren, niederschmetternde Bässe: Spätestens seit den 60ern loten Musiker die Extreme aus. Woher kommt die Sehnsucht nach dem archaischen Lärm?

Druck und Kraft. James Hetfield, Sänger und Gitarrist von Metallica hat Härte in den 90er Jahren definiert.
Druck und Kraft. James Hetfield, Sänger und Gitarrist von Metallica hat Härte in den 90er Jahren definiert.Foto: Joel Goodman/dpa

Er ist als Gitarrist nur zweite Wahl, ein Studiomusiker in „Swinging London“ mit einer Telefonnummer, die man anruft, wenn die Kinks, The Who, Them, Pretty Things oder Donovan Unterstützung benötigen. Langweiliger Job. Und Jimmy Page will nichts dringender, als die Sessions hinter sich lassen. Trotzdem hat er seinen Stolz. Wenn schon eine eigene Band, dann soll die es anders machen, nicht diesen Singles-Kram, der Mitte der 60er Jahre für Beat-Gruppen obligatorisch ist. A-Seite der Hit. B-Seite das interessante Zeug. Page hat einen Vorsatz: „Ich halte mich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.“

Als er den geeigneten Sänger gefunden zu haben glaubt, spielt er ihm einen Song von Joan Baez vor. Der beginnt mit einem langgezogenen sirenenhaften Schrei: "Baaaaby", dem Schrei einer zutiefst verletzten Frau, die sagt: "Baby I'm Gonna Leave You". Und Page erklärt seinem neuen Kompagnon, dass er einen Folksong wie diesen in einen neuen Kontext übersetzen wolle. Ihm gehe es darum, die Widersprüche zu verschärfen, den Gegensatz von Dunkel und Hell stärker herauszuarbeiten. Da willigt Robert Plant ein.

So entsteht vor 50 Jahren die „Heaviest Band of all Time“, wie der „Rolling Stone“ den Zusammenschluss von Page als Gitarrist, Plant als Sänger, John Paul Jones am Bass sowie John Bonham am Schlagzeug rückblickend nennt. Am 25. Oktober treten sie zum ersten Mal unter dem Namen Led Zeppelin auf, was bloß eine historische Fußnote wäre, wenn sich mit dem sagenhaften Aufstieg des britischen Quartetts nicht auch ein Prinzip Bahn brechen würde, das in der westlichen Zivilisationsgeschichte immer wieder anzutreffen ist: eine Verherrlichung der Härte und körperlichen Aggression.

Durch Led Zeppelin wird Härte zu einem Ideal in der Rockmusik, das ganze Genres wie Hardrock und Heavy Metal prägt und von einer Randerscheinung der Kultur zu einem Massenphänomen wird. Je härter, desto besser – mit dieser Losung geht eine Kehrtwende in der Jugendkultur einher, die sich mit den Halbstarken der ersten Rock ’n’ Roll-Generation angekündigt hatte, sich aber erst im Schatten der 68er-Revolte voll entfaltet. Es ist ein kalkulierter Bruch mit dem Fortschrittsparadigma der Moderne, das Glück davon abhängig macht, archaische Verhaltensmuster zu überwinden. Stattdessen holt die Kultur der Härte das Archaische zurück, zelebriert es als Lebensqualität.

Man findet diese Entwicklung in der bildenden Kunst ebenso wie in der Literatur. In der Musik ist sie am deutlichsten ausgeprägt. Denn Musik, zumal elektrisch verstärkte, ist schon an sich ein physischer Akt. Der brachiale Lärm, der sich in Vergnügungstempeln wie dem Berghain und bei Konzerten von Heavy-Metal-Bands jenseits der Schmerzgrenze entfaltet, bildet Gewalterfahrungen nach, die eine postmoderne Gesellschaft eigentlich hinter sich zu haben glaubt.

Der Triumph des Klangs

Warum stellt sich dennoch immer wieder das Bedürfnis nach Härte ein? Warum suchen so viele Menschen nach körperlichen Grenzerfahrungen, die niederschmetternd und erhebend sind? Haben der Gang in die Härte bei den Hardcore-Bewegungen des Punk und die fortgesetzten Angriffe auf den Körper in der elektronische Tanzmusik nicht sogar ein Erstarken autoritärer Ideen begünstigt?

Led Zeppelin besitzen von Anfang an eine genaue Vorstellung von Macht, die Band will überwältigend sein. Sie wendet sich an eine Generation, die Page zuvor bei seinen Reisen durch die USA mit den Yardbirds ausgemacht hat. Es sei eine Jugend, die „zuhört“, wie er meint, die Antworten von der Musik erwartet, denn sie ist verunsichert angesichts des eskalierenden Vietnamkrieges und der sich verschärfenden Bürgerrechtsproteste, und sie ist frustriert über den Mangel an gesellschaftlichem Einfluss, der ihr nur umso erbärmlicher vorkommt, je mehr man sie als Konsumenten umwirbt.

„Sie haben Metal erfunden so wie Hendrix die E-Gitarre erfunden hat“, sagt Kritiker Robert Christgau über Led Zeppelin. „Ihr Triumph war einer des Klangs.“ Die Band knüpft an die verblassende Flower-Power-Erfahrungen der psychedelischen Kultur von San Francisco an und übersetzt sie in einen grandiosen Mystizismus. „Sie waren nicht bloß grob, ihre Grobheit war genial“, sagt Christgau. Ihr triumphaler Krach spricht Halbwüchsige und junge Männer an, die unter zu wenig Selbstbewusstsein leiden und verzweifelt cool und hart sein wollen.

Sie waren die Größten. Led Zeppelin 1977 auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. In dieser Band zu sein, schreibt der "Guardian", habe den vier Musikern "eine Dekadenz jenseits aller Vorstellung erlaubt und schlechtes Benehmen jenseits bloßer Verurteilung".
Sie waren die Größten. Led Zeppelin 1977 auf dem Höhepunkt ihres Erfolges. In dieser Band zu sein, schreibt der "Guardian", habe...Foto: Kevin Estrada / Media Punch

Cool und hart. Obwohl es Frauen gibt, die einer Ästhetik der Härte anhängen, wie Patti Smith, Kim Gordon oder die Rrrriot Girls, handelt es sich um ein männliches Phänomen. In dem Moment, da die phallische Sexualität durch das Aufkommen der Frauenbewegung in die Krise gerät, wird sie von „Göttersöhnen“ wie Robert Plant in den Exzess getrieben. Mit wallendem Blondschopf und dem makellosen Gesicht eines Engels wird der 20-Jährige umgehend zum Sexsymbol. Auf dem Led-Zeppelin-Debüt von 1969 singt er davon, verwirrt und durcheinander zu sein („dazed and confused“), weil alles, worauf man ihn in seiner Jugend vorbereitet hat, nun, da er ein Mann ist, nicht mehr gelte. Meistens weiß er sich nicht anders zu helfen, als einer Frau „die Quittung zu präsentieren“ und seinen inneren Dämonen zu folgen. Liebe ist Tyrannei, und Sex stellt er sich als gewalttätigen Akt vor.

Auch für den Musikwissenschaftler Tibor Kneif steht Led Zeppelin exemplarisch für etwas, das er als „ästhetisch verklärten Terror“ bezeichnet, ein Schrecken, „der sein Opfer mit der Seelenkenntnis des behandelnden Psychiaters immer wieder in Schaudern zu versetzen weiß.“ Weshalb es zu einfach ist, den Terror bloß auf Abhärtungseffekte zu reduzieren, die sich an schwache Personen richten. Es hat stets Rocker und Schlägertypen gegeben, die sich in dieser Musik wiederfinden, daneben aber auch ausgesprochen sensible Gestalten, denen Gewalt ein Graus ist. In dieser Polarisierung liegt das Erfolgsgeheimnis des Metal-Genres, das seit einem halben Jahrhundert eine wachsende Anhängerschaft hat. Sie sei, schreibt Kneif, "überdurchschnittlich erlebnisfähig" und könne "Gegensätze im eigenen Inneren wie in der Außenwelt stärker nachvollziehen". Mit anderen Worten: Der Metal-Fan und -Musiker erlebt Widersprüche als Genuss, die zuvor noch unbedingt beseitigt, "aufgehoben" oder gelöst werden sollten. So wird die bürgerliche Ambivalenzkultur, die gesellschaftliche Widersprüche als Problem definiert, zu einer Quelle fortgesetzten Vergnügens und Indifferenz. Die Identifikation mit dem Aggressor wird zum Prinzip.

Metallisierung der Körper im Krieg

Die kulturellen Ursprünge der Härte reichen weit zurück. Als ein erster Vertreter wird Achilles besungen, griechischer Kriegsheld, dessen Zorn vor Troja unerbittlich und blutrünstig ist. Aber das Schicksal dieses launenhaften Wüstlings zeigt bereits, dass so einer vor allem eines nicht kann: sich selbst schützen. Auch François Villon macht einen guten Anfang mit seiner Charakterisierung des harten Typs in der „Ballade du concours de blois“. Darin heißt es: „In meinem eignen Land bin ich weit außer Landes / Ich bin stark, hab weder Kraft noch Macht / Obwohl ich siege, bleibe ich Verlierer / Bei Tagesanbruch sage ich Gut’ Nacht.“

Einen Schlüsselmoment erlebt die Kulturtechnik der Härte mit den italienischen Futuristen. Die propagieren 1909 eine Kunst der Heftigkeit und Schonungslosigkeit, die aus den Kunstzirkeln ausbrechen und mit dem „wirklichen“ Leben zu tun haben soll. Sie haben ein Leben zwischen Maschinen vor Augen, ein dynamisches, lärmendes Dasein, das sie vom Makel des sozialen Elends befreien wollen. Der Gedanke wird sich auch in Musique concrète und Art brut, im Brutalismus sowie in Antonin Artauds Idee von einem „Theater der Grausamkeit“ wiederfinden. Wie überhaupt radikale Erneuerer immer wieder auf die akademische Weltferne einer Kunstform mit Attributen der Härte reagieren. So antwortet der Hard Bop in den 50er Jahren mit seinen aggressiven, treibenden Polyrhythmen auf die arrivierte Blasiertheit des Cool Jazz. Und als Punk sich Anfang der 80er seiner selbst zu sicher geworden ist, kommt Hardcore auf. Noch schneller, noch gemeiner, noch rauffreudiger.

Zum Held steigt mit Henry Rollins ein Kraftpaket mit großen Ängsten auf, der sich bei jedem Auftritt seiner Band Black Flag fast selbst zerstört. Zu dieser Radikalisierung gehört, dass sich die Attacken der weißen Punk-Kids in New York nicht nur gegen gegen Puerto Ricaner richten, mit denen man dieselben heruntergekommenen Viertel teilt, sondern auch gegen „Artsy-Fartsy-Schwuchteln“, wie Szenegröße Harley Flanagan die Leute nennt, die ihn aus der Lower East Side zu verdrängen drohen. Und für die Band Youth of Today kommt ihr eigener Schlachtruf „standing hard“ einer Lizenz zum Prügeln gleich. Sei es, dass sie einen Grund finden oder nicht.

Dass dieser Mechanismus einer Selbstbehauptung durch Härte auch für die elektronische Underground-Musik der 90er Jahre gilt, beschreibt Simon Raynolds in seiner Essay-Reihe „Hardcore Continuum“. Danach werden Gewöhnungseffekte und kommerzielle Tendenzen in der britischen Rave-Szene durch ohrenbetäubende, dreckige Sounds, Tempowechsel und eine Ziellosigkeit kompensiert, die den Panik-Modus ständig aufrechterhalten.

Sogar hierzulande gibt es in den 90er Jahren das Phänomen der "neuen Deutschen Härte". Vor allem Rammstein stehen dafür mit ihrer brachialen Version des romantischen Schauermärchens und der "schwarzen Pädagogik". Die ostdeutsche Band lebt Bestrafungs- und Gewaltfantasien aus, in die Kritiker eine starke Sehnsucht nach Autorität hineinlesen.

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