Weniger Straßenverkehr, mehr Vibratoren : Diese zehn Zahlen zeigen, wie das Coronavirus Berlin verändert hat

Die Straßen sind leer, die Weinregale voll, Tinder boomt und Kriminelle finden niemanden mehr zum Verprügeln. Das sagt die Statistik.

Fotocollage: TSP, Quellen: iStock und TSP

Der Trend geht in den Park. Das kann den Durchschnittsberliner mehr als einen Monat nach Beginn des Shutdowns nicht mehr überraschen. Für die Verantwortlichen in der Stadt, die Grünflächen in der Vergangenheit je nach politscher Coleur bebauen, vermüllen lassen oder zum halbstaatlichen Drogenumschlagplatz erklären wollten, ist dennoch interessant, was Google dieser Tage weltweit an Mobilitätsdaten veröffentlicht hat.

Demnach hielten sich in Berlin von März bis Mitte April zehn Prozent mehr Menschen in Parks auf, auch wenn Polizei und Virologen das eine Zeit lang sehr nervös gemacht hat.

Eine kleine Veränderung. Eine von Hunderten. Alle zusammen hinterlassen das Gefühl, dass die Stadt längst nicht mehr dieselbe ist. Zehn Zahlen zeigen, was die Coronakrise mit Berlin angestellt hat:

Es war der Traum zumindest der Grünen in der Rot-Rot-Grünen Landesregierung: Weniger Autos auf den Straßen. Es bedurfte nur des Albtraums einer todbringenden Pandemie, um ihn zumindest vorübergehend Wirklichkeit werden zu lassen.

Gemäß Daten des Kartendienstes von Apple ist der Autoverkehr in Berlin zum Höhepunkt der Ausgangsrestriktionen um 54 Prozent zurückgegangen. Apple hat dafür Suchbegriffe, Navigationskarten und Verkehrsinformationen ausgewertet und anonymisiert.

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Dafür wurden in den vergangenen Wochen 15 Kilometer sogenannter „Pop-up Radwege“ in Friedrichshain-Kreuzberg eingerichtet, die einfach mit Baustellenbarken von der Fahrbahn abgetrennt werden. Planung und Umsetzung neuer Radinfrastruktur dauerte bisher Jahre.

Im gleichen Zeitraum hat sich das Fahrgastaufkommen im öffentlichen Nahverkehr um 70 Prozent verringert. Damit die Berliner in Zeiten der Krise nicht auch noch auf das gewohnte Gedränge in der Bahn verzichten müssen, hat die BVG mit der Begründung, es habe keinen Sinn, heiße Luft hin und her zu fahren, ihre Taktung ausgedünnt.

Foto: Mike Wolff

In dem Endzeitroman „Malevil“ von Robert Merle überleben einige Gefährten die Zerstörung der Welt durch den Atomkrieg in einem Gewölbekeller in Frankreich. Noch bevor den Protagonisten vollends klar wird, dass die Gesellschaft, die sie kannten, für immer verloren ist, stürzen sie sich auf die Weinreserve.

Die Szene liest sich etwas konstruiert. Aber es ist wohl so: in der Krise greift auch der Berliner zur Flasche. In der Region Berlin und Brandenburg ist laut „Getränke Hoffmann“ im März der Verkauf von Wein um 20 Prozent, der von Spirituosen um 15 Prozent ebenso wie der von Bier um 15 Prozent gestiegen.

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Berlin liegt damit unter dem Bundesschnitt, wie die Gesellschaft für Konsumforschung ausgewertet hat: Demnach wurde deutschlandweit 34 Prozent mehr Wein verkauft, 31 Prozent mehr klare Spirituosen und 11,5 Prozent mehr Bier.

Bars und Restaurants beziehen ihre Getränke normalerweise im Großhandel. Da sie nun alle geschlossen haben, kaufen die Menschen privat und trinken eben zu Hause. Dennoch beruhigend, dass der Autoverkehr im selben Zeitraum zurückgegangen ist.

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Zwar verbrauchen die Menschen nun zu Hause mehr Strom, wie allein das rasante Wachstum von Netflix vor Augen führt, das zuletzt 15,8 Millionen Neukunden meldete. Doch sämtliche Kultur- und Gaststättenbetriebe sind weiter geschlossen, die Hotels leer, zehntausende Touristen, die sonst pro Monat da wären, verbrauchen ihren Strom jetzt woanders.
Verwunderlich ist deshalb eher, warum der Verbrauch nur so geringfügig abnimmt. Die Höchstlast ist im März laut Vattenfall von sonst üblichen 2000 Megawatt auf 1800 Megawatt gesunken. Im europäischen Vergleich ist das extrem wenig.

So zahlt sich aus, das Berlin nie ausreichend energieintensive Industriebetriebe angesiedelt hat, die jetzt stillgelegt wären.

Die Deutsche Aidshilfe listet auf ihrer Website sehr detailliert auf, welche Ansteckungsgefahren mit Covid-19 beim Sex bestehen und beantwortet drängende Fragen wie: Ist auch Fellatio gefährlich? Und Cunnilingus? Und Rimming? Ja, ja und ja! Herrgott, sogar Kuscheln und mit weniger als 1,5 Meter Abstand angezogen nebeneinander stehen auch.

Schwere Zeiten also in der Tinder-Hauptstadt Berlin. Treffen ist nicht. Dafür scheinen sich die Nutzer die Tipps der Aidshilfe für Safer-Pandemie-Sex zu Herzen genommen zu haben. Sexting zum Beispiel berge „auch in Zeiten von Corona keine Risiken“. Tatsächlich verzeichnet das Dating-Portal Tinder einen 20-prozentigen Anstieg der unter Nutzern versandten Nachrichten.

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„Am stärksten senkt man das Risiko, wenn man nur mit sich selbst Sex hat“, schreibt die Aidshilfe weiter.

Der Berliner Sexspielzeughersteller „Amorelie“ verkauft derzeit etwa 50 Prozent mehr ferngesteuerte Vibratoren, die sich über eine App bedienen und damit quasi über alle Distanzen hinweg anwenden lassen. Angeblich stieg laut „Gründerszene“ aber auch die Nachfrage nach Set-Boxen, wie die „14 Days Sex Life Challenge“ für Paare, die Zeit in der Isolation gemeinsam totschlagen müssen, um 65 Prozent.

Eine Sprecherin des Online-Sexshops „Orion“ hat gegenüber „Gründerszene“ eine weniger lustvolle Erklärung für den Trend: „In wirtschaftlich turbulenten Zeiten stellt man größere Ausgaben zurück und gönnt sich eher kleinere Luxus- oder Genussgüter – die einen kaufen sich einen teuren Lippenstift, die anderen eben einen Vibrator oder Dessous.“

Wenn man noch so einfach dürfte, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, sich unbeschwert am Kottbusser Tor, dem Alexanderplatz oder der Hermannstraße rumzutreiben . An die sonst von der Polizei als besonders kriminalitätsbelastet eingestuften Orte in der Stadt zieht es mangels Opfern auch weniger Täter.

Seit dem 1. März verzeichnet die Berliner Polizei im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weniger Diebstähle, Einbrüche in Geschäfte, Sexualdelikte und Gewalttaten. Polizeipräsidentin Barbara Slowik sagt, insgesamt habe es 5,4 Prozent weniger Straftaten gegeben.

Insbesondere der Rückgang bei den Gewalttaten entlastet übrigens enorm die Berliner Rettungsstellen, die sich jetzt um keine Kneipen- und Millieuschlägereien mehr kümmern müssen.

Gewalttaten in Familien, die sich meist gegen Frauen und Kinder richten, stiegen offenbar jedoch an. Tatsächlich dürfte es noch schlimmer sein als die Polizei annimmt, denn was im Shutdown hinter verschlossenen Türen passiert, bekommt kaum jemand mit.

Bargeldlos bezahlen. Das war in Berlin immer so etwas wie das Tempolimit für den Rest von Deutschland: der Leibhaftige im Gewand einer extrem einleuchtenden Idee. Undenkbar. Da könnte ja jeder kommen! Dann kam Corona.

Keiner will mehr verseuchte Geldscheine und Münzen anfassen, Supermärkte fordern sogar explizit zum kontaktlosen Zahlen auf. Edeka, Rewe und Aldi verzeichnen einen Rekordanteil von Kartenzahlungen in ihren Geschäften.

Einer Umfrage der Bundesbank mit 1000 Befragten zufolge überdächten 25 Prozent in der Coronakrise ihr Zahlungsverhalten. Von diesen 25 Prozent verzichten 90 Prozent nun auf Barzahlung – so das in Berlin eben möglich ist. Die Voraussetzungen dafür sind besser denn je. Kürzlich haben Kreditkartenanbieter das Limit für kontaktloses Bezahlen von 25 Euro auf 50 Euro heraufgesetzt.

Die Bundesvereinigung Deutscher Geld- und Wertdienste wittert eine Verschwörung. „Die Anbieter unbarer Zahlungsmittel locken Händler mit Flatrates und verbesserten Zahlungsmodalitäten. Das Infektionsrisiko ist vorgeschoben, um auf bargeldlosen Zahlungsverkehr umzusteigen“, meint zum Beispiel deren Hauptgeschäftsführer Harald Olschok.

Da mag er Recht haben – oder wie es der Virologe Christian Drosten ausdrückt: „Das auf dem Geldstück klebende Virus würde ich mal weitgehend vergessen.“

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Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Obdachlosen für die Politik ein großes Mysterium.

Unvergessen ist zum Beispiel der Winter 2018/2019, als der Senat noch Ende November bei Minusgraden kein Konzept für eine Notunterbringung hatte und die BVG sich aus Sicherheitsgründen weigerte, Bahnhöfe über Nacht offen zu lassen. Am Ende stand dann doch ein Dixiklo am U-Bahnhof Moritzplatz.

Überhaupt wisse niemand, wie viele Obdachlose es in der Stadt gebe, geschweige denn, wo sie sich aufhalten, es sei unmöglich herauszufinden, unmöglich zu helfen. In einer umständlichen, groß angelegten Zählung wurde nun im Januar das erste Mal versucht, mit Freiwilligen die Zahl der Wohnungslosen zu erfassen.

Menschen, die sich schon immer mit den Belangen der Schwächsten der Gesellschaft befassen, sehen in der Coronakrise jetzt ihre große Chance gekommen. Denn nun konnten auf Initiative des Senats 200 Obdachlose in einer Jugendherberge in Tiergarten einziehen. Mit Essen, mit frischen Bettlaken.

Sozialarbeiter verteilten sogar Handys, mit denen die Obdachlosen leicht erreicht werden können, ihren Gesundheitsstatus durchgeben.

Nach der Krise wird all das sicher wieder wegfallen. Nur kann dann niemand mehr behaupten, es ginge nicht. Es kostet eben.

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Trotz Kontaktverbot, nein, wegen des Kontaktverbots weiß man plötzlich, wie es bei den Kollegen zu Hause aussieht. Weiß von ihren hässlichen Gardinen, ihren schlecht sortierten Bücherregalen und oft genug von den Farben ihrer Slips auf den Wäscheständern.

Das Homeoffice in Verbindung mit den dadurch unvermeidlichen Videokonferenzen erlaubt Einblick in die Privatsphäre anderer Menschen, den wir nie für nötig gehalten hätten.

Der Netzknoten-Betreiber De-Cix meldet, die Nutzung von Videotelefonaten sei seit der Krise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Die brauchen besonders viel Datenvolumen, weswegen insgesamt der Internetverkehr im Februar bereits um zehn Prozent anstieg. Bis zu 9,1 Terrabit pro Sekunde wurden allein in Deutschland übertragen.

Statt in Bars treffen sich die Menschen zum Videochat mit Bier, Clubs streamen ihre DJs. Nur an der Konferenzkultur ändert sich auch im Videocall wenig. Neunmalkluge Zwischenrufe sind jetzt noch bequemer vom Sofa aus möglich. Und irgendwer lässt immer sein Mikro an, obwohl er rein gar nichts zu sagen hat.

Revolutionär für das von Dienstleistungsunternehmen geprägte Berlin könnte aber die Erkenntnis sein, dass 90 Prozent aller Meetings in all den Jahren tatsächlich eine E-Mails hätten sein können.

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Die Nachfrage ist bei allen gestiegen, seit Supermärkte zu einer Art Gefahrenzone ausgerufen wurden. Lieferdienste wie Bringmeister und Rewe verzeichnen deutlich höheres Interesse an ihren Services. Wartezeiten von ein bis zwei Wochen seien möglich.

Der kleinere Konkurrent Get Now hat seit Anfang März 330 Prozent mehr Kunden in Berlin. Bundesweit hingegen nur 230 Prozent mehr. In Berlin gibt es also entweder besonders viele Menschen, die sich zur Risikogruppe zählen. Oder der Berliner ist einfach besonders faul.

Bemerkenswert ist, dass in einer Stadt, die gefühlt mehr Restaurants als Einwohner hat, die Bestellungen beim Lieferservice Lieferando im März nicht in die Höhe geschnellt sind. Allerdings bieten viele Restaurants in der Not jetzt auch eigenständigen Lieferservice an oder verkaufen ihre Gerichte zum Mitnehmen.

Foto: Mike Wolff

Beklatscht wurden sie, nicht nur das medizinische Personal, das in der Pandemie das Leben riskiert. Die Helden der Krise. Zwar will der Senat Ärztinnen und Pflegern bei Vivantes und der Charité, Polizisten, Feuerwehrleuten und Sanitäterinnen, Erziehern im Notbetrieb und Mitarbeitern der Gesundheitsämter und Jobcenter eine einmalige Prämie in Höhe von 1000 Euro zahlen. Doch über den Status der Idee ist dieses Vorhaben noch nicht hinaus.

Und für Kassiererinnen, die auch als systemrelevant gefeiert wurden, ändert sich absehbar gar nichts: Im Einzelhandel ist nicht einmal ein Drittel der Beschäftigten durch Tarifbindung abgesichert. Etliche arbeiten zum Mindestlohn.

Zwar haben einige Supermarktketten Prämien für ihre Mitarbeiter angekündigt, doch an der grundsätzlichen Situation ändert sich nichts. Die öffentliche Empörung hält sich in Grenzen. Die Toilettenpapier-Vorräte sind offenbar aufgestockt. Das statistische Bundesamt meldet, der Absatz von Klopapier sei zuletzt um zwei Drittel eingebrochen.