Das Leben ist ein Skilanglauf

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Winter in Seefeld : In der Spur: Langlaufen mit Barbara Becker
In Seefeld nutzt man auch Vorjahresschnee, um Pisten für Langläufer anzulegen.
In Seefeld nutzt man auch Vorjahresschnee, um Pisten für Langläufer anzulegen.Foto: Olympiaregion Seefeld

Skilanglauf ist, wenn man zwei Bretter unter den Füßen hat und losfährt. So sah sie das. Der Mann mit der grünen Bommel auf der Mütze kennt dieses Missverständnis seiner Disziplin. Elf Sport- DVDs hat sie schon herausgebracht, „Yoga mit Barbara Becker“, „Pilates mit Barbara Becker“ und immer so weiter. Aber darum kann sie doch nicht alles! Mag sein, Tauber musterte seine neue Schülerin nicht ohne Argwohn, aber irgendwann wusste er, dass sie vom gleichen Stern waren.

Doch woher genau kommt man, wenn man vom gleichen Stern ist? Tauber wuchs in einem Seefelder Haus auf, das stand gleich neben einer Seefelder Langlauffloipe. Jetzt wohnt er zwar in einem anderen, doch auch das steht in Seefeld gleich neben einer Skilanglaufloipe. Unfassbar!, dachte die Frau aus Florida. Schon als Kind ist sie mit ihrer Mutter ständig umgezogen, von Waldorfschule zu Waldorfschule, so kam sie kräuter- und beerensammelnd vom Schwarzwald bis ins Engadin, ein weitläufiges Kind immer neuer Berge, während Tauber stets die gleichen sah, links das Seefelder Joch, 2064 Meter hoch, rechts den Gschwandtkopf, 1500 Meter.

Menschen mit so festen Koordinaten, die keine Umwege nehmen müssen zu sich selbst, haben sie schon immer fasziniert. Ihr Ex-Mann zum Beispiel: Hier bin ich, da ist mein Tennisschläger. Sehr gutes, übersichtliches Konzept. Boris Beckers Autobiografie heißt „Das Leben ist kein Spiel“. Martin Tauber und Barbara Becker wissen das etwas genauer: Wenn alles gut läuft, wirklich gut, ist das Leben ein Skilanglauf. Ziemlich anstrengend zwar, Hinfallen und Wiederaufstehen inklusive. Aber dazwischen ein langes ruhiges Gleiten, und die ganze überdrehte Welt bleibt zurück.

Sie hielt ihre Lektionen auf einer DVD fest

Vielleicht auch deshalb wird diese Sportart immer populärer und überholte schon das Ski alpin. Der Langlauf hat unter den Deutschen die meisten Neu- und Wiedereinsteiger, elf Millionen Aktive, Tendenz steigend, weiß eine neue Wintersport-Trendstudie der Agentur Kantar TNS. Seefeld ist 2019 Schauplatz der Nordischen Skiweltmeisterschaft. Harakiri-Abfahrtsläufer, die die Piste 14 in Mayrhofen brauchen, mit einem Totenkopf markiert, dürfen in der Langlaufregion Seefeld auf Mitleid rechnen.

Sie entwirft auch Skijacken: Barbara Becker.
Sie entwirft auch Skijacken: Barbara Becker.Foto: Heinz Holzknecht

Tauber, Inhaber einer eigenen Langlaufschule, zeigte der „nicht untalentierten“ Neuen (der Lehrer) jede Bewegung, und sie hielt ihre Lektionen vorsichtshalber gleich auf einer DVD fest: „Mein Langlauftraining“. Hier trägt er eine Mütze mit quittengelbem Bommel und sie eine Skijacke, made by Barbara Becker. Skijacken entwirft sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Tapeten und Gardinen, dabei haben die Frauen ihrer Generation vor allem eins hinter sich gelassen: Gardinen und Tapeten. Aber das ist ein anderes Thema. Wer bei den üblichen Sportfarben von Brüllorange über Quietschgelb bis Neongrün nicht weiß, in welche Richtung er zuerst weggucken soll, dürfte sich zwischen ihren Grau- und Grüntönen, mit etwas Flamingorosa darin, sehr erholen.

Sie weiß, was es heißt, den Rhythmus zu verlieren

Zuerst lernte sie die Skating-Schritte, die tragen Namen wie „2:1 symmetrisch“ oder „Einseinser“; wer Rollschuh läuft, kennt sie schon. Bloß dass jetzt die Stöcke dazukommen, und zwar so: „Wenn der rechte Arm vorn ist, ist das rechte Bein hinten und umgekehrt.“ Tauber behauptet sogar, beim Skilanglauf stehe man immer nur auf einem Bein.

Mit Fassung sah Barbara Becker kleine Kinder und alte Leute unbeschwert an sich vorübergleiten. „Ich kann das auch, ich muss meinen Rhythmus finden!“, dachte sie. Alte Waldorfweisheit. Sie weiß, was es heißt, den Rhythmus zu verlieren. Nach der Trennung von Boris Becker hatte sie den Modus ihres In-der-Welt-Seins in die Worte gefasst: „Wenn ich aufwache, ist es, als ob gleich ein Elefant auf mein Herz springt.“ Mit diesem kardiologischen Befund wird keiner alt, beim Skilanglauf schon. Sie formuliert das so: mit sich selbst und den anderen auf der Loipe „eine Kraft, ein Atem“ werden. Der eigene Rhythmus wird zum Rhythmus der Welt. Ein paar Ewigkeitsaugenblicke lang.

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