• A.L. Kennedy über Schottlands Unabhängigkeitsdrang: "Es wird danach alles anders sein"

Bleibt die Spaltung? Egal wie die Wahl ausgeht?

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A.L. Kennedy über Schottlands Unabhängigkeitsdrang : "Es wird danach alles anders sein"

Die Debatte scheint zuletzt aggressiver zu werden. Haben die Leute ihren Humor, ihre Höflichkeit verloren? Und wird diese Spaltung nicht bestehen bleiben, egal wie die Wahl ausgeht?

Das wird von den Medien aggressiv verbreitet. Das ist eine der großartigen Ergebnisse der Kampagne: dass es jetzt ein viel größeres Bewusstsein für die Voreingenommenheit der Medien gibt, und zwar auf allen Gebieten. Wenn ein paar Idioten auf Twitter scharf schießen, wird das hervorgehoben, wenn sich ein paar Anhänger der Yes campaign von ihrem Enthusiasmus mitreißen lassen, ebenfalls – ähnliches Verhalten auf Seiten der No-Leute findet keine Erwähnung. Ein No-Anhänger wurde neulich von einem Ei getroffen, nichts Neues für britische Politiker, auch früher sind Leute schon mal verprügelt und mit Mehl überschüttet worden – aber dieser Fall wurde hysterisch dargestellt (nach dem Motto: ohne die ruhige, lenkende Hand des Empires sind die Schotten ein blutrünstiger Mob). Ein Abgeordneter, der die Unabhägigkeit unterstützt, wurde zur selben Zeit mit Eiern beworfen, das wurde gar nicht erwähnt. Das ist eine Lektion für eine ganze Generation in punkto Meinungsmache und Verzerrungen, und wie wackelig das Establishment wird, wie bedrohlich, wenn es das Gefühl hat, in die Defensive zu geraten. Familien werden nicht wirklich „zerrissen“, wie es immer heißt, Dörfer sind nicht in Aufruhr. Dies ist nicht das frühere Jugoslawien, und es ist unverantwortlich, solchen Unsinn in der Presse zu schüren. Die große Mehrheit der Menschen freut sich über einem politischen Prozess, der tatsächlich etwas bedeutet, über Debatten, die echt sind (weg von Politikern und Medien), darüber, jenseits der Wahlkabine über ihr Land nachzudenken und wo sie es haben wollen – darum geht es bei Yes und No. Es passiert nicht oft, dass eine ganze Bevölkerung darüber nachdenkt, wie ihre Kultur verbessert werden könnte, sich alle Möglichkeiten anguckt.

Was sagt das Referendum, die ganze Debatte aus über den Stand der Demokratie in Großbritannien?

Dass wir keine haben. Das ist ein weiterer wunderbarer Nebeneffekt der Debatte. Die Leute können erkennen, wie steril ein Großteil der politischen Debatte ist, wie unengagiert und egoistisch die meisten Politiker sind und in welchem Ausmaß die Medien zu Komplizen bei der Unterstützung kommerzieller und politischer Interessen geworden sind, die identisch sind. Der Kaiser trägt keine Kleider – egal, wie das Ergebnis ausfällt, das haben viele Leute erkannt.

In vielen Ländern, Deutschland oder Frankreich zum Beispiel, ist Nationalismus heute rechts – wie kommt es, dass der schottische links ist?

Weil es hier nicht wirklich um Nationalismus geht – es geht um ein Land, das hartnäckig links von der Regierung steht, die es bekommt, und dem das reicht. Als die Schottische Nationalpartei die Option des Referendums anbot, errang sie einen erdrutschartigen Sieg als Alternative zu Westminster. Hier geht es nicht um eine Bevölkerung, die beschließt, rassisch rein zu sein oder sich für besser hält als alle anderen – so etwas ist das Ergebnis von Unsicherheit und schwachem Selbstbewusstsein. In den letzten zwei, drei Jahrzehnten ist Schottland intellektuell und emotional viel selbstbewusster geworden. Die Geschichte der SNP ist überwiegend rechts – sie war überwiegend Tory bis in die 70er Jahre. Jetzt versucht sie, das ganze Land zu repräsentieren – ist aber in Wirklichkeit nur auf den Zug aufgesprungen.

Würden Sie sich als Nationalistin bezeichnen?

Nie, nein.

Die Labour-Partei ist gegen die Unabhängigkeit. Besteht da nicht die Gefahr, Labour so stark zu schwächen, dass Westminster noch konservativer wird?

Das ist der Grund, warum die Linke das Projekt bis vor kurzem nicht unterstützt hat. Sie sind gerade erst aufgewacht und haben begriffen, dass all die neuen Ideen und Möglichkeiten und der massive Paradigmenwechsel in Schottland ihnen helfen würde. Sie haben das Problem, dass Labour nicht mehr links ist – aber sie haben andere Möglichkeiten, die demokratischer und positiver wären. Erst in den letzten Wochen haben sie aufgehört, der Meinungsmache in den Medien zu glauben, die SNP-Chef Alex Salmond das Image des Ukip-Nationalisten Nigel Farage verpasst hat. Jetzt glauben sie, dass Westminster verändert werden kann. Die schottische Position lautet oft, dass England, wenn es eine progressive Regierung will, sich dafür einsetzen sollte. Sie müssen jetzt handeln – oder untergehen. Eine Koalition zwischen Ukip und den Tories wäre furchtbar.

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