Antony Gormley in London : Das künstlerische Testgelände eines Beschwingten

Die Herbstausstellung der Royal Academy feiert Englands berühmten Bildhauer Antony Gormley

Sebastian Borger
Ein Mann schaut nach oben. Blick in die Ausstellung in der Royal Academy.
Ein Mann schaut nach oben. Blick in die Ausstellung in der Royal Academy.Foto: Courtesy of Royal Academy

Im Hof der ehrwürdigen Royal Academy zu London liegt ein nacktes Baby. Man möchte eine wärmende Decke über das Neugeborene werfen und es so vor der Kühle des Novembertages schützen. Doch die Form ist robuster als der erste Augenschein glauben macht – eine Skulptur aus solidem Eisen, ein Hinweis auf die Ausstellung von Werken des international berühmten englischen Bildhauers Antony Gormley, die den ersten Stock der Akademie füllt.

Am zusammengekrümmten „Eisenbaby“ (1999) im Hof, der damals sechs Tage alten Tochter des Künstlers nachempfunden, testen viele Besucher ihre Fotografierkünste. Manche messen auch – vergeblich – ihre Kräfte beim Versuch, die kleine Skulptur von ihrer Position loszueisen.

Gormley beschreibt ihre Dichte als vergleichbar dem „Energiepotenzial einer kleinen Bombe“. Das spielt auf das Material Eisen an, aber gewiss auch auf das allen Eltern wohlbekannte Wesen eines gesunden Neugeborenen.

Der 69-Jährige hat sich Frühwerken zugewandt und sie neu interpretiert, aber auch ganz Neues geschaffen. Ausdrücklich vermeidet die Royal Academy das R-Wort: Keine Retrospektive habe Gormley im Sinn gehabt, sondern „ein Testgelände“, berichtet Kurator Martin Caiger-Smith.

Dabei wirkt die Ausstellung gar nicht, als habe der Künstler Tests nötig, sondern vielmehr, als arbeite er beschwingt, zielgerichtet und seiner Sache gewiss.

Es gibt gusseiserne Kopien des Künstlers

Gleich im ersten Ausstellungssaal liegen und stehen Platten aus Industriestahl („Slabworks“, 2019), allein und in Kombination. Was nach einer Baustelle oder – warum nicht? - nach einem Testgelände aussieht, wird nach und nach als menschliche Form sichtbar, „der Körper auf abstrakteste Weise“, wie Caiger-Smith sagt. Ein späterer Raum ist gefüllt von sehr konkreten Körpern, gusseisernen Kopien des Künstlers selbst.

Kaum etwas Anderes hat Gormley weltweit so berühmt gemacht wie diese Männchen aus Gusseisen. In vielen Städten blieben sie Installationen auf Zeit, an einem Strand bei Liverpool schauen sie bis heute aufs Meer hinaus.

Ebenfalls in Nordengland, in der Nähe von Gateshead, wacht seit 1998 sein 20 Meter hoher „Engel des Nordens“ mit einer Flügelspannbreite von 54 Metern über die nahe Autobahn und Eisenbahnstrecke.

[Bis 3. Dezember. Royalacademy.org.uk]

In der britischen Hauptstadt machte zuletzt 2009 seine Installation „One and Other“ Furore: Für je eine Stunde lang, 24 Stunden am Tag, überließ Gormley 2400 Freiwilligen den acht Meter hohen Sockel an der Nordwestseite des Trafalgar Square, auf dem seit langen Jahren jeweils wechselnde Zeitgenossen ihre Kunst zeigen.

„Ich will die Einzigartigkeit jedes Individuums feiern“, begründete der Organisator seine spektakuläre Aktion - zehn Jahre, ehe die Schauspielerin Emma Watson dieser Tage die Atomisierung der Gesellschaft auf die Spitze trieb, indem sie ihr Single-Dasein zur „bewussten Selbstpartnerschaft“ veredelte.

Die Bilanz der 100 Tage am Trafalgar Square fiel damals zwiespältig aus: Wenigen echten Talenten stand eine Vielzahl uninspirierter Bonbonwerfer und Gedichtrezitatoren gegenüber.

Gormley wünscht sich eine körperliche Reaktion auf seine Werke

Die Show in der Royal Academy gehört ganz allein Gormley. Er setzt dafür viele unterschiedliche Materialien ein, Stahl und Gusseisen natürlich, aber auch Meerwasser, Porzellanerde, Holz.

Außer ihren Augen sollen die Besucher Nase und Ohren einsetzen; „smell, sight, sound“ heißt das bei den Alliteration-verliebten Briten. Ausdrücklich wünsche sich der Künstler eine körperliche Reaktion auf seine Werke, erläutert Kurator Caiger-Smith, spiegelbildlich vielleicht zur eigenen dauerhaften Beschäftigung damit.

Nicht ganz zufällig für jemanden, der sich so intensiv, beinahe obsessiv mit dem menschlichen Körper befasst, hat Gormley schon früh in seiner künstlerischen Laufbahn die Meditation für sich entdeckt. Ihn beschäftigt die Stille eines Körpers, aber auch die Art und Weise, wie wir stehen und uns im Raum bewegen.

Wie aber zur Ruhe kommen? Dazu bietet der grösste Saal der Akademie Gelegenheit, stehend oder liegend unter „Matrix III“ (2019), einem sechs Tonnen schweren, neun mal fünfzehn Meter großen und sieben Meter hohen Stahlgeflecht.

Wer den Verdichtungen der Tausenden von Maschen nachspürt, entdeckt Räume von der Grösse eines durchschnittlichen europäischen Schlafzimmers – die „geisterhafte Erscheinung jener Umgebung, die wir für uns akzeptiert haben“, lautet Gormleys Erklärung.

Geisterhaft erscheint schliesslich auch jene Stahlhöhle („Cave“, 2019), in die der Künstler die Besucher gegen Ende der Ausstellung lockt.

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Die übermannsgroßen geometrischen Stahlformen lassen sich umgehen, auch dies ein spannender Moment des Erlebens. Wer sich aber in die Dunkelheit hineinduckt und entlang der Wände zum Licht tastet, wird mit jenem sensorischen Erlebnis belohnt, das Gormley uns wünscht.

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