Ausstellung im Brücke-Museum : Erst gut gerahmt ist ganz gemalt

Die Ausstellung „Unzertrennlich“ macht eine Nebensache zur Hauptsache. Mit ihren Rahmen suchten die Künstler Distanz zu Moden und Mäzenen.

Schützendes Geviert. Ernst Ludwig Kirchners „Marzella“ (1909-10) rahmen schlichte dunkle Bretter. Leihgabe aus dem Moderna Museet in Stockholm.
Schützendes Geviert. Ernst Ludwig Kirchners „Marzella“ (1909-10) rahmen schlichte dunkle Bretter. Leihgabe aus dem Moderna Museet...Foto: Brücke-Museum

Verzapft, sägerau, auf Gehrung überblattet – selbst Lisa Marei Schmidt, die Direktorin des Brücke-Museums, musste bei der Vorbereitung der neuen Ausstellung in ihrem Haus Vokabeln lernen. „Unzertrennlich. Rahmen und Bilder der Brücke-Maler“ gibt Einblick in das Metier der Rahmenbauer. Dem Publikum wird ein Glossar zu Hand gegeben, sodass der Besuch gleichzeitig lehrreich und ein Vergnügen ist.

Nach dem Vorbild der Impressionisten gehörte für die Brücke-Künstler der Rahmen zum Bild. Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff oder Emil Nolde gestalteten ihre Rahmen selbst. „Ungerahmte Bilder gebe ich niemals in Ausstellungen“, verkündete Ernst Ludwig Kirchner lapidar. Dennoch gingen der erhellenden Schau dreißig Jahre detektivische Spürarbeit voraus.

Denn die Bilder der Brücke-Künstler wurden zwar mit Rahmen ausgestellt, aber ohne Rahmen reproduziert. Der Münchner Rahmenbauer Werner Murrer recherchierte mit Leidenschaft, fand Bilder, die aus ihren Rahmen getrennt worden waren und Rahmen ohne Bild. Mitunter konnte er das Originalpaar wieder zusammen führen.

Das Ergebnis ist deshalb so verblüffend, weil Besucher mit dem eigenen, ausschnitthaften Sehen konfrontiert werden. Karl Schmidt-Rottluffs Porträt der Kunsthistorikerin Rosa Schapire von 1911 stammt aus der Sammlung des Brücke-Museums, es war wiederholt in unterschiedlichen Zusammenhängen zu sehen.

Stets fiel die temperamentvolle rote Gesichtsfarbe der Sammlerin auf. Bezieht man den Rahmen in die Betrachtung des Bildes ein, kann man die Dramaturgie erkennen. Schmidt-Rottluff fasst das Bild zweifarbig, der äußere, schmale Rand ist mit Goldbronze gestrichen, der innere breitere Rand mit grünlich schimmernder Silberbronze. Wie eine Freitreppe lenkt der Rahmen die Aufmerksamkeit auf das aufgewühlte Gesicht.

„Unmittelbar und unverfälscht“

Vielleicht wurden die Rahmen der Brücke-Künstler auch deshalb bisher kaum wahrgenommen, weil sie organisch zu der Malerei passten. „Unmittelbar und unverfälscht“ lautete das berühmte Motto der Gruppe. Anfangs war der rohe, schwarze Bretterrahmen das Markenzeichen der Brücke. Später entwickelte jeder Künstler auch auf dem Rahmen seine eigene Handschrift.

Ernst Ludwig Kirchner malte über die Leinwand hinaus auf den Rahmen. Karl Schmidt-Rottluff säumte seine Bilder mit auffälligen Zierschnitten, die er mit Mennige orange färbte. Als Material verwendeten die Maler Nadelholz, das sie oft mit Astlöchern verarbeiteten.

Mit der Fassung, wie die Rahmenmacher die farbige Gestaltung des sichtbaren Rahmenteils nennen, ironisierten sie den Drang der Gründerzeit zum Pomp. Statt schwerem, vergoldetem Prunk setzten sie dünne Gold- und Silberbronze ein, die in Grüntönen irrlichtert.

Der Rahmen schützt die nackte Marzella

Wie stark der Bruch mit dem gesellschaftlichen Umfeld wirklich war, zeigt ein Ausstellungsfoto von der Galerie Arnold aus dem Jahr 1910. Da hängt Kirchners „Marzella“ auf Mustertapete, über Samtsessel und Orientteppich. Der dunkle Bretterrahmen macht das Bild auf radikale Weise autark von seiner Umgebung und schützt das Porträt des knochigen Mädchens.

Jetzt ist die „Marzella“ als Leihgabe des Moderna Museet Stockholm zu Gast in Berlin. Der strenge Ernst des Gesamteindrucks wirft die Frage auf, ob die rahmenlosen Reproduktionen von Kirchners Mädchenporträts womöglich auch den frivolen Blick der Fotografen spiegeln.

[Brücke-Museum, Bussardsteig 9, bis 15. 3.; Mi bis Mo 11 – 17 Uhr. Das Museum ist ab 1. Januar wieder geöffnet (13 – 17 Uhr)]

Wie sehr sich am Rahmen der Kampf um die Deutungshoheit entscheidet, zeigt sich in der Ausstellung an einem weiteren Porträt von Ernst Ludwig Kirchner: „Blonde Frau in rotem Kleid; Bildnis Frau Hembus“. 1932 malte der Künstler die extravagante Gattin seines Freundes Julius Hembus namens Elisabeth. Das Bild aus einer Privatsammlung ist irgendwann neu gerahmt und glänzend goldfarben gefasst worden.

Plötzlich wirkt Frau Hembus mondän

Werner Murrer ist es gelungen, den Originalrahmen ausfindig zu machen. Jetzt lässt sich erkennen, wie Kirchner auf seinen dunklen Brettern das kapriziöse Violett der Aura um die Gestalt fortgesetzt. Da wirkt die rauchende Frau Hembus mondän und selbstbestimmt. In dem vergoldeten Rahmen, in dem jetzt statt des Originals eine Reproduktion hängt, erscheint dieselbe Frau repräsentativ erstarrt.

Die Rahmen verbinden das Bild mit seiner Umgebung oder grenzen es ab. Die Rahmen können auch signalisieren, wem das Bild gehört. Die selbstbewussten Künstler der Brücke suchten mit ihren Rahmen die Unabhängigkeit von Moden und Mäzenen.

Mit grandioser Genauigkeit schenkt die Ausstellung den Werken ihre Freiheit zurück. Zu sehen sind keine neuen Bilder, aber alle Bilder sind neu zu sehen.

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