Berliner Philharmoniker : Achtung, Orkanböen!

Der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin erzählt spannende Klanggeschichten - macht die Berliner Philharmoniker zum Star des Abends

Yannick Nézet-Séguin
Yannick Nézet-SéguinFoto: Universal Music

Ganz schön wuchtig kommt dieses „Menuet antique“ daher, kaum tanzbar und auch gar nicht nobel-altgriechisch. So, wie sich Yannick Nézet-Séguin von den Berliner Philharmonikern Maurice Ravels kleine Komposition wünscht, wirkt sie eher dem Soundtrack zu einem Hollywood-Sandalenfilm entnommen. Man hört, dass der 43-jährige Kanadier in den letzten Jahren viel Musiktheater dirigiert hat. Seit vergangenem Herbst steht er an der Spitze der New Yorker Metropolitan Opera – ein Traumjob für Klassikinterpreten, die sich vor allem als musikalische Geschichtenerzähler verstehen.

Ganz in Grautönen ist das akustische Bühnenbild gehalten, das Nézet-Séguin anschließend bei Debussys „La mer“ vor dem inneren Auge der Zuhörer entstehen lässt: unbewegt die Wasserfläche, kompakt die Wolkendecke darüber. Dann aber bricht mit Emmanuel Pahuds Flöte ein Sonnenstrahl durch – und schon verwandelt sich die Szene, wird mediterran. Träge schwappt eine Cello-Kantilene ans Ufer, die gefühlte Temperatur steigt. Raffiniert bremst der Dirigent die imaginäre Handlung ein paar Takte lang vor dem Posaunen-Motiv aus, das sich dann umso majestätischer entfalten kann.

Nézet-Séguin genießt es, vom Orchesterklang umspült zu werden

Man darf es ruhig als Hommage an die Philharmoniker verstehen, wenn Yannick Nézet-Séguin „La mer“ an jene Position im Programm setzt, wo normalerweise das Solistenkonzert vorgesehen ist. So macht er das Orchester zum Star des Abends – und genießt es sichtlich, auf seinem Podium vom Klang umspült zu werden.

Nicht als Aquarell stellt er Debussys esquisses symphoniques dar, vielmehr wählt er strahlende, leuchtende Acrylfarben, reizt mit den fantastischen Musikerinnen und Musikern die Extreme aus, vom hauchzarten Lüftchen bis hin zu wahrlich atlantischen Orkanböen.

Sergej Prokofjews fünfte Sinfonie ist ein problematisches Stück, eine potemkinsche Partitur, 1944 entstanden zur moralisch-ästhetischen Erbauung des Sowjetmenschen: Es gibt viel hymnische Festlichkeit, es wird pathetisch geschwelgt und jahrmarkthaft ausgelassen gefeiert. Doch der ganze Zauber ist nur Fassade, der Komponist scheint emotional unbeteiligt.

Nézet-Séguin versucht gar nicht erst, hier subversive Zwischenebenen zu finden, setzt lieber darauf, die Instrumentationskunst Prokofjews aufs Brillanteste vorzuführen, lässt die Philharmoniker wirbeln, funkeln, glänzen. Am besten funktioniert das im zweiten Satz mit seiner chromblitzenden Motorik und den rasanten Rhythmen, die aufs Angenehmste von einem ballettösen Mittelteil kontrastiert werden.

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