Berliner Philharmoniker : Wenn Finnlands Seen funkeln

Im Reich des Bernsteins: Lisa Batiashvili und die Berliner Philharmoniker mit dem Volinkonzert von Sibelius und Schostakowitsch' 6. Symphonie.

Lisa Batiashvili
Lisa BatiashviliFoto: dpa/Paul Zinken

Wer beim Hören von Sibelius’ Violinkonzert ganz klassisch an die Sache rangeht, mit Beethoven im Hinterkopf ein Thema identifizieren, ihm durch alle Metamorphosen folgen will – der ist schnell rettungslos verloren. Weil Sibelius völlig anders, flächig komponiert, die Themen hier und dort gewitterartig aufblitzen und wieder verglühen, aber nicht wirklich durchgeführt werden. Da braucht es eine Solistin mit enormem Gestaltungswillen, sonst plätschert alles im Banalen dahin. Lisa Batiashvili, eingesprungen für Janine Jansen, ist so eine Musikerin.

Bezwingend, wie sie sich quasi von der Seitentür ins Werk hereinschleicht, auf dem sphärischen Teppich aus Quarten, den ihr Paavo Järvi und die Streicher der Berliner Philharmoniker in der Philharmonie bereiten. Und wie sie innerhalb von Sekunden die Dynamik anzieht, um das Konzert auf völlig natürliche Weise und ohne jede Überheblichkeit zu dominieren, mit dem Ausdrucksreichtum einer barocken Wunderkammer. Bernsteinfarben ist ihr Strich, mit herrlich vollsattem Timbre auf der G-Saite, glanzvoll und ohne jeden Stich ins Grelle auf der hohen E-Saite. Ein Strich, in dem die Weite Finnlands zu stecken scheint, das Harz der Wälder, das Funkeln der Seen. Ein Strich, prall mit Charakter, Farben und Erotik, selbst wenn die Georgierin die Saiten mit dem Bogen nur ganz sacht anstupst.

Nach der Pause: Schostakowitsch' 6. Symphonie

Zum vollkommenen Sibelius-Glück des Abends gehört auch, dass Järvi und die Philharmoniker im Gleichtakt mit Batiashvili zu empfinden scheinen, die Tutti klug deckeln, dann aber auch beherzt und mit diebischer Freude auf den Gesichtern zugreifen, wenn das Orchester mal unabhängig von der Solistin auftrumpfen kann. Dass die Philharmoniker durchaus einen Zugang finden zu dem oft als sperrig empfundenen Sibelius, haben sie zuvor schon in einer Trouvaille, der Tondichtung „Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang“ op. 55, bewiesen.

Ziemlich sperrig ist auch der langsame erste Satz von Schostakowitsch’ nur dreisätziger 6. Symphonie, entstanden Ende der 30er-Jahre und geprägt von dem Willen, der sowjetischen Kulturnomenklatura zu gefallen und deren Maxime gleichzeitig zu unterlaufen. Paavo Järvi erweist sich als Detailarbeiter am Pult, der nicht viel Aufhebens um sich macht, sich nie in den Vordergrund drängt, aber mit unglaublich definierter, entschlossener Gestik dirigiert – ein ruhiger Steuermann im wildesten Sturm. So führt er die Philharmoniker sicher ins turbulente Presto-Finale, in dem Schostakowitsch die altvertrauten Register zieht: irrwitziger, abgrundtiefer Jubel, dämonische Groteske und falsche Fröhlichkeit.

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