„Body of Truth“ im Kino : Eine Doku über die Körperkunst von Frauen

Warum so radikal? Der Film porträtiert vier Ikonen der Körperkunst - Marina Abramovic, Shirin Neshat, Sigalit Landau und Katharina Sieverding.

Kennen und schätzen sich. Marina Abramovik und Shirin Neshat in New York.
Kennen und schätzen sich. Marina Abramovik und Shirin Neshat in New York.Foto: Börres Weiffenbach

Eine Frau steht an einem Strand, im Hintergrund das Meer. Sie lässt einen Reifen aus Stacheldraht um ihre Hüften kreisen. Ein brutaler Hula-Hoop-Tanz. Die spitzen Enden krachen auf die nackte Haut der Frau, blutige Stellen sind zu sehen. Die kurze Videosequenz zeigt eine Performance, die die israelischen Künstlerin Sigalit Landau in Tel Aviv aufgenommen hat. Sie vertraue ihrem Körper mehr als ihrem Verstand, sagt sie gleich am Anfang des Films.

Die Regisseurin Evelyn Schels hat für ihren Dokumentarfilm „Body of Truth“ vier prägende, international erfolgreiche Künstlerinnen vor die Kamera geholt. Schon in den ersten Minuten des Films bringen sie auf den Punkt, warum sie den Körper als Ausdrucksmittel ihrer Kunst gewählt haben.

Die iranische Foto- und Videokünstlerin Shirin Neshat sieht den Körper als politischen Raum. Die Düsseldorfer Fotokünstlerin Katharina Sieverding konzentriert sich auf Kopf und Gesicht als Spiegel des inneren Erlebens. Die vergrößerten und verfremdeten Aufnahmen ihres eigenen Gesichts gehören heute zum Kanon der zeitgenössischen Fotografie.

Marina Abramovic, die viel dazu beigetragen hat, dass die radikale, weibliche Körperkunst Museumsweihen erfährt, sagt, ähnlich wie Sigalit Landau: „Der Körper kann nicht lügen, der Kopf hingegen schon.“ Bei Abramovik dient das Erleben von Schmerz als Heilung, Sieverding interessiert eher das Individuum im Kollektiv.

Die einen interessiert der Schmerz, die anderen das Ich

Es geht um Wahrheit, um Unaussprechliches, um Krieg und Gewalt. Die Biografien, dieser jetzt in New York, Düsseldorf und Tel Aviv lebenden Künstlerinnen sind geprägt von Jugoslawienkriegen, Nahost- Konflikt, iranischer Revolution und Faschismus.

Das wird deutlich, wenn Schels die Künstlerinnen in episodenhafter Weise von Kindheit, Jugend und Gegenwart erzählen lässt. Dem Einsatz des Körpers in der Kunst gingen gesellschaftliche und politische Verwundungen voraus.

Marina Abramovic, in Belgrad geboren, ist die Tochter jugoslawischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Ihre Eltern lernen sich im Widerstandskampf kennen. Nach dem Krieg schwindet die Liebe, Abramovik leidet unter einer strengen, gewalttätigen Mutter, die ihr beibringt, dass es nicht um sie, das Kind, sondern um den Kampf für eine größere Sache geht.

Katharina Sieverding erzählt von der Wut auf die Elterngeneration und den Faschismus. Sigalit Landau, mit Jahrgang 1969 die jüngste Protagonistin des Films, beschreibt sich als Enkelin von Holocaust-Überlebenden und berichtet vom traumatisierenden Armeedienst zur Zeit der Intifada.

Die Biografie spielt eine große Rolle

Shirin Neshat wächst im Iran in einer westlich orientierten Familie auf. Sie geht zum Kunststudium in die USA und kann nach dem Sturz des Schahs und der islamischen Revolution lange nicht zurückkehren. Der Schmerz der Trennung und ihr schwieriges Verhältnis zum Iran spiegeln sich in ihrer schonungslosen und gleichzeitig zärtlichen Darstellung des weiblichen Körpers.

Schels, die schon etliche Künstlerporträts gedreht hat, unter anderem eines über den Maler Georg Baselitz, kombiniert zu den Interviews jeweils Archivaufnahmen von Kunstwerken, etwa Sieverdings „Deutschland wird deutscher“-Projekt oder Szenen aus Neshats poetischem Film „Rapture“, der die Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Körpern in starke Bilder fasst.

Alle Künstlerinnen arbeiteten während der Drehzeit an neuen Projekten, die Regisseurin durfte sie dabei filmen. Die Nähe zum Schaffensprozess hilft, denn sehr ausführlich lässt sich in 96 Minuten nicht über den Umgang mit Körpern reden. Man stolpert etwas über die Beobachtung, dass alle vier Künstlerinnen scheinbar dunkle Kleidung bevorzugen.

[Kant Kinos, Filmtheater am Friedrichshain, Delphi Lux, Babylon ]

Man sieht es am Anfang des Films, wenn alle zusammenkommen. Auch zwischendurch, wenn die vier vor schwarzem Hintergrund nebeneinander aufgereiht werden, wie in einem stilisierten Action-Movie. Kämpferinnen für Wahrheit und innere Freiheit sind sie allemal.

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