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So sah es bei den Stammtischen in der Comicbibliothek Renate bis zum Beginn der Pandemie aus.
© Luise Franke / Renate

Berliner Kulturinstitution in der Coronakrise: Hoffen und Bangen bei Comicbibliothek „Renate“

Die Coronakrise gefährdet auch die Berliner Comicbibliothek „Renate“. Ein Hilferuf zeigt jetzt erste Wirkung.

An der Decke hängt eine Pappfigur von Mawils bebrilltem Antihelden „Supa-Hasi“ mit seinen Schlackerohren, die Wände zieren Siebdrucke, auf den Tischen im Eingangsbereich stapeln sich bunte Bücher und Hefte aus aller Welt, viele davon handgemacht. In den hinteren Räumen der Ladenwohnung in der Tucholskystraße stehen Regale dicht an dicht, bis unter die Decke vollgestopft mit dem, wofür dieser Ort in Mitte weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt ist: Comics.

Fast 30 Jahre lang waren die Räume der Berliner Comicbibliothek „Renate“ einer der wichtigsten Treffpunkte der Szene – bis zur Coronakrise.

„Dieser ganz besondere Ort in Berlin ist bedroht“, heißt es in einem Appell an Kultursenator Klaus Lederer (Linke), den die Comicautoren Paul Winck und Sebastian Strombach kürzlich auf der Petitions-Website change.org gestartet haben. „Seit der Coronakrise wird im Renate-Comicladen kaum noch etwas verkauft, und da dieses Ladengeschäft die Bibliothek finanziert, ist es absehbar, das in schon zwei Monaten die Miete nicht mehr bezahlt werden kann.“ Daher fordere man den Senat auf, die Bibliothek „kurzfristig und dauerhaft finanziell zu unterstützen“.

Mehr als 300 Menschen haben den Aufruf bislang unterzeichnet, darunter auch Szene-Größen wie Ulli Lust („Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“) oder eben Mawil, der viele Jahre lang auch für den Tagesspiegel gezeichnet hat und mit Bestsellern wie „Kinderland“ über das Aufwachsen in der DDR im Jahr des Mauerfalls und seiner Western-Hommage „Lucky Luke sattelt um“ inzwischen auch international Erfolge feiert.

Die „Renate“ verdankt ihren Namen einem 1989 in Ost-Berlin von Underground-Künstlern gegründeten Fanzine und befindet sich in einem ehemals besetzten Haus. Im weitgehend durchgentrifizierten Kiez rund um die Tucholskystraße hat die Bibliothek etwas von jenem trotzigen Gallierdorf, dessen widerständigen Bewohnern man in den Regalen der Bibliothek zwischen rund 30.000 weiteren Heften und Büchern natürlich auch begegnet.

Zeichenkurse und monatliche Stammtische

Das Projekt ist selbstverwaltet und wird getragen von Ehrenamtlichen. Zum Angebot gehören unter anderem Zeichenkurse für den Nachwuchs und monatliche Stammtische, bei denen erfolgreiche Zeichnerinnen und Zeichner ihr Wissen weitergeben.

Das Schaufenster der Comicbibliothek Renate in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte.
Das Schaufenster der Comicbibliothek Renate in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte.
© Renate

Rund 2500 Menschen haben einen Leseausweis, sagt Peter „Auge“ Lorenz, Comiczeichner und einer der Gründer der Bibliothek. Lange Zeit waren die Finanzen stabil: „Da sich die Unkosten der Renate durch den Verkauf von Büchern, Zines, Postkarten, Plakaten, T-Shirts gedeckt hatten, waren wir von allen Förderungen unabhängig“, erzählt er.

Lorenz, Jahrgang 1963, hat in Veröffentlichungen wie „Ein Land, das es nicht gibt“ seine Jugend in der DDR und seine Erfahrungen bei der Nationalen Volksarmee verarbeitet. „Mit dem Wegbleiben von Touristen seit einem Jahr haben wir allerdings keine Einnahmen mehr.“ Die erste staatliche Corona-Hilfe habe einiges auffangen können, „aber nun waren die Kassen leer“.

An diesem Dienstag wollen Lorenz und einige Mitstreiter ihren schriftlichen Hilferuf an Senator Lederer bei dessen Büro abgeben.

Einen ersten Erfolg können sie bereits jetzt vermelden: Ein zusätzlich zur Petition gestarteter Spendenaufruf fand ein großes Echo. „Wir sind geradezu überwältigt von der Tatsache, dass wir bis Ende des Jahres gerettet sind“, sagt Lorenz. Das reiche jedoch nur vorübergehend: „Eigentlich brauchen wir eine Perspektive für die nächsten Jahre, weil wohl ein Ende der Lockdownerei und Reisebeschränkungen noch nicht in Sicht ist.“

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