Corona und Kulturgeschichte : Gesicht verbergen

Der Mensch hinter der Maske, ein archaisches Bild – aktuell wie lange nicht. Was Ethnologen über die Magie des Zeremonialrequisits wissen.

Diese melanesische Maske aus Nordost-Neuguinea wurde vom Berliner Ethnologischen Museum im Jahr 1967 erworben.
Diese melanesische Maske aus Nordost-Neuguinea wurde vom Berliner Ethnologischen Museum im Jahr 1967 erworben.Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Ethnologisches Museum

Ähnlich wie sich unsere Haltung zum Händeschütteln durch die Pandemie verändert hat – mit dem social distancing wurde die klassische Form der Begrüßung obsolet – , wandelt sich gerade unsere Einstellung zur Gesichtsmaske. Wer sie trägt, schützt die anderen, bestenfalls auch sich selbst.

Was früher häufig als Übervorsichtigkeit etwa bei asiatischen Touristen belächelt wurde, was bei Demonstrationen wegen des Vermummungsverbot geahndet wurde und unter dem Stichwort „Kopftuchdebatte“ sehr grundsätzliche Diskussionen über Verschleierung, Frauenrechte und Religionsfreiheit auslöste, gehört in Zeiten von Corona plötzlich zum Dresscode des aufgeklärten Bürgers, vom schlichten Mundschutz bis zum selbstgenähten Mode-Accessoire.

Ändert sich damit auch unser Verständnis für die islamische Tradition des hijab? Erkennen wir im Kopftuch muslimischer Frauen jetzt eher die schützende Geste als ein Verstecken, ja Wegsperren?

Die westliche Auffassung von Öffentlichkeit, derzufolge alles möglichst sichtbar, transparent und somit kontrollierbar sein sollte, dürfte selbst durch die Coronakrise kaum ins Wanken geraten. Europa bleibt von der römisch-griechischen Idee des Marktes und des Forums geprägt, der Polis.

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Womöglich resultiert gerade aus dieser kulturellen Prägung einer Tradition der Offenheit die Faszination für Masken. Bei den Besucherinnen und Besuchern der großen Ethnologischen Museen erfahren sie jedenfalls große Aufmerksamkeit. Auch das Humboldt Forum, das ja die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin aufnimmt, wirbt mit prachtvollen Masken um sein künftiges Publikum.

Ethnologen sehen es allerdings kritisch, wenn der afrikanische Kulturraum in der westlichen Wahrnehmung auf Masken und Trommeln reduziert wird. Das wäre etwa so, als würde man Deutschland mit Lederhosen und Bierseideln gleichsetzen, gibt Alexis von Poser zu bedenken.

Poser fungiert seit Oktober als stellvertretender Direktor des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in Berlin. Auch Paola Ivanov, die Kuratorin der afrikanischen Sammlung dort, sichert zu, dass „diese Stereotypen nicht weiter bedient werden“.

Im Karneval hat die Maske auch in Europa Tradition.
Im Karneval hat die Maske auch in Europa Tradition.Foto: REUTERS

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten Masken zu den begehrtesten Sammelobjekten. Das hiesige Ethnologische Museum führt in seiner Datenbank 5243 Masken auf, allein die Afrika-Abteilung besitzt 1165 Exemplare. Auch Poser und Ivanov verhehlen ihre Faszination für dieses besondere Zeremonialrequisit nicht.

Das verborgene Gesicht, die verschleierte Identität: Magie, Ritus und Religion, Schutz und Gemeinschaft, all das spielt eine Rolle. Der Mensch hinter der Maske: ein archaisches Bild, das auch Museumsbesucher unmittelbar einnimmt.

Wobei die von westlichen Sammlern etwa bei Forschungsexpeditionen mitgebrachten Masken nur einen von mehreren Bestandteilen religiöser oder sozialer Rituale ausmachen. Auch das Kostüm, die Musik und der Tanz gehören dazu. Ohne diese Elemente, durch die sich der Performer mit einem Wesen aus der anderen Welt identifiziert – einem Ahnengeist oder einer mythischen Persönlichkeit aus der Geschichte – , ist die Maske eigentlich wertlos.

Mit dem Ende der Zeremonie, bei Beerdigungen oder dem Initiationsritus von Knaben beim Übertritt ins Erwachsenenalter verlieren sie ihre Kraft und Bedeutung. Mancherorts werden sie sogar zerstört. Die Wahrnehmung als bewahrenswertes Kulturgut und damit der Wunsch nach Musealisierung existiert häufig nicht.

In Papua-Neuguinea, wo Alexis von Posen forschte und lehrte, ergänzen immer wieder Holzschnitzer die vom tropischen Klima in Mitleidenschaft gezogenen Masken.

Inzwischen ist die Wertschätzung der Maske auch in vielen Ursprungsländern gestiegen. Besonders kostbare Objekte werden seltener an westliche Käufer herausgegeben, andere werden eigens für den Markt produziert, um den touristischen Bedarf zu decken – selbst in solchen Regionen Afrikas wie des Pazifiks, wo es diese Tradition ursprünglich nicht gab. Ebenfalls verändert haben sich die Bildmotive auf den Masken, sie zeigen auch heutige Phänomene. So erwarb etwa das Ethnologische Museum im vergangenen Jahr eine Flugzeug- und eine Handy-Maske.

Auch die Praktiken werden angepasst: In Papua-Neuguinea, das vor knapp 100 Jahren christianisiert wurde, sind der Gottesdienstbesuch und die Teilnahme an einem der neu begründeten Maskenfestivals problemlos miteinander vereinbar.

Maske aus dem Kongo, 1910 für Berlin erworben.
Maske aus dem Kongo, 1910 für Berlin erworben.Fotos: SMB/Ethnolog. Mus./Franken

Trotzdem gelten mitunter weiter strenge Gebote. Bestimmte Masken dürfen nicht von allen gesehen werden: Nicht nur das Gesicht verbirgt sich hinter der Maske, auch die Maske selbst bleibt manchen Blicken entzogen. So werden besondere Exemplare im Männerhaus aufbewahrt, weil Frauen der Anblick verwehrt ist.

Während sich die Museen früher über solche Gebote hinwegsetzten oder gar nicht erst davon wussten, versuchen die Kuratoren heute, den rituellen oder religiösen Vorgaben Rechnung zu tragen und zwischen den Interessen zu vermitteln, wenn sich ein solch heikles Stück in ihrer Sammlung befindet.

Die Ethnologen entwickeln die Form der Präsentation zunehmend gemeinsam mit Vertretern der Herkunftsländer. Im Humboldt Forum wird es vor eigens eingerichteten Kabinetten besondere Hinweise geben; den Besuchern bleibt es freigestellt, ob sie die Beschränkungen respektieren. Auch hier zeigt sich die feine Grenze zwischen Sehen und Gesehenwerden, zwischen Zeigen und Schützen beziehungsweise Verbergen.

Auch wenn der Corona-Mundschutz das Gesicht nur teilweise verbirgt, wird die Krise die Wahrnehmung der verschiedenen Konnotationen des Maskentragens zumindest sensibilisieren. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zeigen aus aktuellem Anlass eine Online-Kollektion ihrer Masken, etwa eine Satyr-Maske, eine No-Maske und eine Sonnenmaske mit den Gesichtszügen Augusts II. von 1709.

Auch die europäische Tradition kennt Masken. Neben der italienischen Commedia dell’arte, in der Arlecchino eine schwarze Halbmaske trägt, kommen sie vielerorts beim Karneval zum Einsatz. Und die Perchtenmaske aus dem alpenländischen Raum hat Ähnlichkeiten mit afrikanischen Masken. Der Träger verschmilzt mit der Figur, die er verkörpert, um die bösen Geister des Winters zu vertreiben. Und unsereins versucht, mit der Corona-Maske das böse Virus in Schach zu halten.

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