Education-Projekt in der Philharmonie : Tod und Tobak

Kirill Petrenko dirigiert Puccinis „Suor Angelica“ beim Education-Projekt in der Philharmonie.

Tragische Rolle. Ann Toomey (re.) und ihre Mitschwestern trauern.
Tragische Rolle. Ann Toomey (re.) und ihre Mitschwestern trauern.Foto: Philharmonie

Das Libretto ist scheußlich. Eine Frau muss ins Kloster, wo sie sieben Jahre später erfährt, dass ihr uneheliches Kind längst gestorben ist. Daraufhin mixt sie sich in höchster Verzweiflung einen Gifttrank und darf noch froh sein, dass die Heilige Jungfrau sie in letzter Minute vor der ewigen Verdammnis rettet, die ihr als Selbstmörderin gedroht hätte – indem sie sie in den Celesta-umflorten Himmel erhebt.

So anrührend Giacomo Puccinis Musik im Operneinakter „Suor Angelica“ auch ist: Der Stoff ist für Menschen des 21. Jahrhunderts starker Tobak. Das hält die Berliner Philharmoniker nicht davon ab, das Stück – eigentlich der mittlere Teil von Puccinis Zyklus „Il Trittico“ – unter dem Titel „Faith to Face“ als erstes Education-Projekt des neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko auszuwählen.

Denn es habe uns heute immer noch viel zu sagen, über Menschlichkeit in unmenschlicher Umgebung und Mutterliebe. Und natürlich gibt es nach wie vor Frauen, denen die Kinder von der Brust gerissen werden.

Nico and the Navigators“-Regisseurin Nicola Hümpel lässt alle Darstellerinnen in der Philharmonie – ursprünglich war der Flughafen Tempelhof geplant – auf einem Steg auftreten. Heutig wird ihre Inszenierung vor allem in den aufgepolsterten Nebenrollen der übrigen Schwestern in diesem Kloster bei Siena.

UdK- und „Hanns Eisler“-Solistinnen singen sie überzeugend, machen aus ihnen individuelle Charaktere: die Fresssüchtige, die Schüchterne, die Exaltierte.

Risikofreier Sound

Komponist Matan Porat, der selbst am Klavier sitzt, hat auf Basis der ersten beiden Glockentöne von Puccini einen Prolog geschrieben, der jeder Schwester eine Minute Zeit gibt, sich gestisch zu präsentieren.

Liveübertragungen auf großer Leinwand rücken das Geschehen nah an den Betrachter heran. Plötzlich steht Kirill Petrenko am Pult. Ungemein weich und fließend seine Bewegungen, elegant und suggestiv.

Damit entlockt er den Musikerinnen und Musikern der Karajan-Akademie der Philharmoniker einen fein austarierten, allerdings auch weitgehend risikofreien Sound, der den mittleren Dynamikbereich nur selten verlässt.

Mit Handtasche durchs Foyer

Kein Risiko geht auch Ann Toomey als Protagonistin Angelica ein. Sie singt intonationssicher, aber mit einer gebremster Verzweiflung, die durchaus stärker zur Geltung kommen dürfte. Ihrer Stimme wünscht man noch etwas mehr Substanz in allen Lagen.

Die bringt der reife Alt von Katarina Dalayman mit, die als böse Fürstin und Angelicas Tante schon lange vor dem physischen Auftritt auf der Leinwand wandelt, vor der Philharmonie parkt, mit Handtasche durchs Foyer geht.

Die Begegnung der beiden Frauen – mit tiefen, langen Notenwerten die eine, mit deutlich kürzeren, vitaleren Tönen die andere – ist Höhe- und Mittelpunkt des einstündigen Werks. Die Fürstin war es, die Angelica einst ins Kloster gesteckt hat.

Und sie überbringt ihr jetzt die Hiobsbotschaft vom Tod des Sohnes, während sich die übrigen Schwestern um Angelica scharen wie die Walküren um Brünnhilde. Dass sich die Tante ihrer Schuld bewusst ist, verrät das Zittern, mit dem sie am Ende, wieder auf der Leinwand, noch einen Aperitif an der Bar schlürft.

Als Education-Projekt ist „Faith to Face“ gelungen

Fazit: Als Education-Projekt ist „Faith to Face“ gelungen. Die Inszenierung ist modern, schlüssig, sie gibt Studierenden eine Möglichkeit zum Auftritt und begeistert auch den mitwirkenden Nachwuchs, vor allem die Sängerinnen und Sänger des philharmonikereigenen Vokalhelden-Chores, für klassische Musik.

Trotzdem ist die Inszenierung auch affirmativ, denn sie kann das Klosterleben mit all seinen Zwängen, den permanenten Schuldgefühlen und dem schlechten Gewissen nicht kritisieren, ohne es zugleich auszustellen.

Wie wir umgehen sollen mit den vielen unerträglichen Stoffen in der Oper, die so häufig in Opferung und Tod einer Frau enden, wenn wir trotzdem diese Musik hören wollen: Das bleibt ein Problem, das auch dieser Abend nicht lösen kann.

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