• Emine Sevgi Özdamar über 50 deutsch-türkische Jahre: "Gute Arbeit, zwei Freunde, dann kannst du überall leben"
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Emine Sevgi Özdamar über 50 deutsch-türkische Jahre : "Gute Arbeit, zwei Freunde, dann kannst du überall leben"

Warum sind Sie überhaupt weggegangen?

In meiner türkischen Sprache war ich damals sehr unglücklich. Meine Wörter waren krank. 1971 gab es einen Militärputsch. Menschen wurden wegen Wörtern gefoltert, getötet, ins Gefängnis gesteckt. Nur ein Traum konnte mir in dieser schwierigen Zeit helfen. Mir haben damals in Istanbul Brechts Wörter geholfen und eine Utopie versprochen: Großes bleibt nicht groß, Kleines bleibt nicht klein. Brecht hatte vor uns eine körperliche Erfahrung mit dem Faschismus gemacht.

Sie wohnten wieder im Westen. Wie war das für Sie?

West-Berlin war aus Sehnsucht gemacht. Es kamen nur Deutsche dorthin, die nirgendwo anders leben wollten. Eine Sehnsuchtsstadt. Und jeder war hier fremd.

Spürten Sie etwas von der DDR?

Es war klar, dass es die Macht gab, aber das Theater war selbst eine Macht. Und weil die Leute am Theater die Machtverhältnisse gut kannten, konnten sie damit gut spielen, vor sehr guten Zuschauern übrigens. Deswegen hatte das Theater eine tiefe Wirkung, eine Wirkung in die Tiefe.

Sie sind mehrmals gekommen und gegangen. Hatten Sie nie das Gefühl, sich zwischen der Türkei und Deutschland entscheiden zu müssen?

Jeder Ausländer will ja nach einem Jahr zurück und denkt, er müsse sich entscheiden. Es ist so, als müsste man sich unbedingt zwischen Ehemann und Liebhaber entscheiden. Wenn du aber noch einen Liebhaber hast, musst du dich gar nicht entscheiden. Das ist deine Natur. Diese Rolle spielte bei mir Französisch, als ich mit Besson nach Frankreich ging. Später habe ich Spanisch gelernt. Nach dem dritten träumst du nur noch von neuen Liebhabern. Griechisch zum Beispiel.

Liebhaber Nummer eins liebt Sie. Sie sind als Schriftstellerin preisgekrönt, Sie haben den Bachmann-, den Kleist-Preis und viele andere bekommen, Sie wurden in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt gewählt – übrigens als einzige Orientalin in deren Geschichte. Aber ein Star im Literaturbetrieb wie Martin Walser, Günter Grass, Christa Wolf sind Sie nicht. Liegt das vielleicht an Ihrem türkischen Namen?

Die Frage habe ich mir nie gestellt. Die sind auch viel älter als ich und lange in diesem Betrieb. Ich mag sie auch. Ein Buch ist ein Vogel. Du lässt ihn fliegen. Man weiß nicht, welche Fenster sich für ihn öffnen. In Amerika ist mein erster Roman einer der „1001 books you must read before you die“. Neben Camus, Kafka und Thomas Mann. In Amerika ist eben jeder schon lange fremd.

Bei allem Wechsel sind Sie aber doch beständig. Seit Ihrer Rückkehr nach Berlin wohnen Sie wieder in Kreuzberg.

Mein deutscher Mann Karl Kneidl will hier wohnen. Ich sagte mir am Anfang: Kreuzberg ist wie eine schlechte Fotokopie der Türkei. Aber dann habe ich hier einen Tabakhändler mit Perücke kennengelernt, der gerade auf eine neue Niere wartete. Er berührte mein Herz. Eine sinnvolle Arbeit und zwei Freunde brauchst du, dann kannst du überall leben.

Wenn Sie die jungen Türken hier sehen, was denken Sie dann?

Ich hatte mal ein Stipendium für Amsterdam und wollte verstehen, was typisch holländisch ist. Dafür sah ich mir die Gesichter der Ausländer auf den Straßen an. In manchen Gesichtern der jüngeren Generation habe ich das Holländische gesehen. Die dritte Generation nimmt das Wesentliche an. Auch das, was typisch deutsch ist, kann man an den Nichtdeutschen erkennen.

Das Gespräch führten Andrea Dernbach und Katja Reimann. Das Foto machte Thilo Rückeis.

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