Erstes Kinderbuch von A.L. Kennedy : Eine Socke fürs Eichhörnchen

A.L. Kennedy schreibt skurrile Geschichten für Erwachsene. Nun gelingt ihr ein kurioses Kinderbuch mit Illustrationen von Gemma Correll

Dan der Dachs ist der Held von A.L. Kennedys erstem Kinderbuch. Die Geschichten hatte sie sich ursprünglich für ihre Patenkinder ausgedacht.
Dan der Dachs ist der Held von A.L. Kennedys erstem Kinderbuch. Die Geschichten hatte sie sich ursprünglich für ihre Patenkinder...Illustration: Gemma Correll

Dan, der Dachs, befand sich in einer äußerst ungemütlichen Situation: Das junge, schlaue Tier steckte in einem kratzigen Sack und wurde hin- und hergeschleudert. Eines wusste der Dachs: „Wer ihn wegschleppte, hatte ein Herz voller Nägel und Sand und Gehässigkeit.“ Dan, der einmal ein berühmter Entdecker werden wollte, hatte sich verlaufen, abgelenkt von einer Unterhaltung zwischen einem Eichhörnchen und vier Lamas. Und dann wurde er von irgend- jemandem in einen Sack gesteckt.

So beginnt der Roman „Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer“, mit dem die schottische Autorin A.L. Kennedy ihr Debüt als Kinderbuchautorin gibt. Kennedy ist bekannt für schräge und skurrile Geschichten für Erwachsene, doch in diesem Buch scheint sie sich wirklich auszutoben, es kann gar nicht kurios und grotesk genug sein. Die Quelle dieser Geschichte um den Dachs Dan und den freundlichen großen Onkel Dan sind Erzählungen, die sie sich für ihre Patenkinder Honor und Xavier, Söhne der Schauspielerin Tilda Swinton, ausgedacht hat. Später, beim Aufschreiben, hat sie sich noch Verstärkung von Gemma Correl geholt, deren grotesk-komische Illustrationen den Text Kennedys wunderbar ergänzen.

In 18 Kapiteln erzählt Kennedy von Dans Abenteuer, das gar nicht nach einem guten Ende aussieht, denn er ist den Schwestern der berüchtigten Farmersfamilie McGloone in die Hände gefallen. Sie fangen Dachse, um sie – für Geld – gegen ihre Kampfhunde in den Ring zu schicken.

In einem zweiten Erzählstrang schildert Kennedy das Schicksal der vier Lamas aus Peru, die hofften, in Schottland ein besseres Leben zu führen, aber letztendlich auch den McGloones in die Falle gegangen waren, Die hatten es auf ihr Fell abgesehen, das sie zu Wolle und später zu Socken verarbeiten wollten. Die Lamas heißen Bert, Carlos, Jennifer und Ginalollobrigida Lama. Sie sind begnadete Poeten, die auf den vermeintlichen Socken-Gedichtwettbewerb der McGloones hereingefallen waren. Nun sitzen sie im feuchten Schottland, werden schlecht behandelt, schlimmer als auf einer Kaffeefahrt, weil nichts von den Versprechungen aus einer Anzeige eingehalten wird.

Wer Tiere quält, muss büßen

Dann folgt der Auftritt von Onkel Dan, einem schlaksigen Kauz, der keine Socken trägt, „weil er die Hälfte seines letzten Paares einem jungen Eichhörnchen geschenkt hat, das Campingurlaub spielen wollte und den Socken als Schlafsack brauchte.“ Typisch Onkel Dan. Befreundet ist er mit Pferd Paul, das eigentlich aus Wales stammt und nichts von Witzen versteht. Stan entdeckt Dachs- und Stiefelspuren und weiß sofort, dass hier ein Tier in Not geraten ist und er ihm helfen muss.

Schließlich präsentiert Kennedy die schreckliche Familie von Farmer McGloone mit ihren vier ungeratenen Kindern, die so ziemlich alles mit Inbrunst tun, was brave Kinder niemals tun würden. Entfernt erinnern die McGloones an die Adams-Familie, die Horrorfamilie aus der Fernsehserie, in der alle Werte auf den Kopf gestellt werden. „McGloones waren plump und laut, sie rochen schlecht, sie waren selbstsüchtig und gierig. …Außerdem liebten sie es, unwissend zu sein.“

Das ist die Ausgangslage für Onkel Stans genialen Rettungsplan für den armen Dachs, und ganz nebenbei wird er auch den Lamas helfen. Als Erstes knöpft er sich die vier Kinder vor, die mit Steinen nach einem Kätzchen werfen. Er droht ihnen mit dem mächtigen Großvaterkater, der die Menschen nur anstarrt, woraufhin sie ihre Stimme verlieren und weiße Haare bekommen.

Kennedy hat einen Heidenspaß daran, den tierquälenden McGloones eine Abreibung zu erteilen. Wie das im Einzelnen geschieht, soll hier nicht verraten werden. Klar wird: Wer Tiere quält, muss büßen. Fiese Menschen werden am Ende den Kürzeren ziehen. Das macht Mut und wird Kinder begeistern, ebenso wie der überdrehte Humor, der kaum zu toppen ist. A.L. Kennedy hat ihren Patenkindern noch mehr Geschichten erzählt. Hoffentlich schreibt sie die noch auf.

A.L. Kennedy, Gemma Correll (Illus.): Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer. Deutsch v. Ingo Herzke. Orell Füssli, Zürich 2018. 192 Seiten. 14,95 €. Ab neun Jahren

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