zum Hauptinhalt
Ein Lieblingsbild der neuen Direktorin. Der „Mennonitenprediger Anslo und seine Frau“ von Rembrandt, 1641. Es ist Teil der Sammlung der Gemäldegalerie.

© bpk / Gemäldegalerie, SMB / Christoph Schmidt

Tagesspiegel Plus

Neue Chefin der Gemäldegalerie: „Wir müssen uns vom Elitären verabschieden“

Dagmar Hirschfelder ist neue Direktorin der Gemäldegalerie. Sie übernimmt das Haus in einer Zeit der Museumskrise. Ein Gespräch über den Weg in die Zukunft.

Frau Hirschfelder, Sie sind die neue Direktorin der Gemäldegalerie, Glückwunsch! Seit Februar war der Posten nur kommissarisch besetzt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat sich Zeit gelassen. Ging es für Sie schnell?
Für mich ging es sehr schnell. Es gab zwei Bewerbungsrunden vor der entscheidenden Sitzung des Stiftungsrats der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Ende Juni. Ich werde im Herbst nach Berlin kommen. Zunächst steht für mich am Kurpfälzischen Museum in Heidelberg, wo ich derzeit tätig bin, noch mein Ausstellungsprojekt „Frauenkörper. Der Blick auf das Weibliche von Albrecht Dürer bis Cindy Sherman“ an, das ich bis zur Eröffnung im Oktober betreuen werde.

Könnte es sein, dass in Zeiten von Diversität und Gender gerade dieses Projekt die Berufungskommission für Sie eingenommen hat?
Gut möglich, aber ich bin auch eine gut vernetzte Wissenschaftlerin und in der Forschung zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kunst breit aufgestellt. Gesucht wurde eine Person, die forschungsstark ist und zugleich publikumswirksame Ausstellungen realisiert, jemand, der große Themen bedienen und an aktuelle Debatten anknüpfen kann. Schließlich gibt es unendlich viele Verbindungen zu den Alten Meistern und Kontinuitäten bis in die Gegenwart.

Meine Ausstellung schlägt einen Bogen über 500 Jahre Kunstgeschichte. Darin geht es auch um die Genderthematik – weiblich, was ist das überhaupt? Wie wurde der weibliche Körper in früheren Epochen gesehen, wie wurden Frauen wahrgenommen? Jahrhundertealte Bildtraditionen wirken bis in die heutige Zeit.

Die neue Direktorin der Gemäldegalerie, Dagmar Hirschfelder.

© Angelika Löffler

Planen Sie eine solche Überblicksausstellung auch für Berlin?
Solche Ansätze möchte ich auch in Zukunft weiterverfolgen und immer wieder groß denken. Wie an meinen bisherigen Tätigkeitsorten, dem Kurpfälzischen Museum Heidelberg und zuvor dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, ist für mich interdisziplinäres Arbeiten wichtig. Berlin hat durch den Reichtum der Sammlungen sehr viel Potenzial. Da lassen sich in der Zusammenarbeit großartige Projekte realisieren, wie etwa aktuell die Spätgotik-Ausstellung in der Gemäldegalerie.

Können Sie konkreter werden?
Es gibt immer mehrere Säulen in der Ausstellungsarbeit: einerseits die Ikonen der Kunstgeschichte, die in Berlin eine wichtige Rolle spielen: Botticelli, Mantegna, Bellini stoßen auf großes Publikumsinteresse. Auch Künstler wie Rubens, Rembrandt, Caravaggio haben nichts von ihrer Faszination verloren. Eine weitere Säule sind übergreifende Themen, die auch andere Kunstgattungen einschließen können.

Die Genderthematik habe ich schon genannt. Auch an der Gemäldegalerie müsste man die Künstlerinnen der Sammlung stärker in den Fokus rücken und Schätze aus den Depots holen, die momentan nicht gezeigt werden.

Das können Sie nun ändern.
Ja, es ließen sich viele neue Geschichten erzählen, die auch an aktuelle Diskurse anknüpfen. Ich denke etwa an ein Thema wie „Naturgewalten“, zu dem auch die anderen Häuser der Stiftung reiche Bestände bewahren. Zudem müssen wir Anlässe wie das Rubens-Jubiläum 2025 im Blick haben. Zunächst möchte ich aber erst einmal ans Haus kommen, mit den Kolleginnen und Kollegen sprechen, erfahren, an welchen Projekten sie arbeiten und was ihre Vorstellungen sind.

Vorstellungen von Weiblichkeit. Die „Junge Dame mit Perlenhalsband“ von Vermeer, 1663-1665. Ebenfalls ein ein Lieblingsbild von Direktorin Hirschhauser.

© bpk/Gemäldegalerie, SMB/Christoph Schmidt

Sie kommen in einem Moment an die Gemäldegalerie, in dem sich das Museum generell in der Krise befindet. Was soll es, für wen ist es da?, das wird gerade deutlicher denn je gefragt.
Befindet sich das Museum wirklich generell in der Krise? Trotz der Corona-Maßnahmen strömen die Menschen derzeit in die Museen und in Blockbuster-Ausstellungen wie etwa die Spätgotik-Ausstellung. Auch in Heidelberg erleben wir ein großes Bedürfnis bei unseren Besucherinnen und Besuchern, wieder in unser Haus zu kommen.

Gerade läuft eine Debatte unter Museumsleuten, ob die vier Grundfesten Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen noch gelten oder ob das Museum nicht Aufgaben im Sozialen wahrnehmen müsste. Wird das künftig auch ein Thema für die Gemäldegalerie sein?
Unbedingt. Wir müssen neue Outreach-Strategien entwickeln, um größere gesellschaftliche Gruppen zu erreichen. Und wir sollten uns von dem elitären Ansatz verabschieden, dass Museen nur für das Bildungsbürgertum interessant sein können. Es ist wichtig, die sozialen Medien stärker in den Museumsalltag zu integrieren, spielerischer zu werden. Ich möchte zu mehr Experimentierfreude in der Museumsarbeit anregen, hier können wir uns mehr zutrauen.

Woran denken Sie da?
Zum Beispiel an einen partizipativen Ansatz. Wie kann ich bestimmte Gruppen, zum Beispiel Jugendliche oder Geflüchtete, dazu animieren, mit uns aktiv zu werden? Wie wäre es etwa, eine weniger museumsaffine Gruppe mit den Sammlungsbeständen einen Ausstellungsraum gestalten zu lassen? Gleichzeitig muss die Gemäldegalerie als Global Player in der Museumslandschaft sichtbarer werden. Hinsichtlich ihrer herausragenden Sammlung ist sie vergleichbar mit den Museen in London, New York und Amsterdam.

Diese Position sollte sowohl in der Stadtgesellschaft als auch überregional und international deutlicher vermittelt werden. Hier müssen Digitalisierung, der Einsatz der neuen Medien und die Vermittlungsarbeit ansetzen. Das gilt ebenso für den wissenschaftlichen Bereich. Es reicht nicht mehr, dicke Bücher zu publizieren, wir müssen unsere Forschungsergebnisse auch in digitaler Form zugänglich machen.

Sie kommen sozusagen aus der zweiten Reihe, haben zuvor noch kein eigenes Museum geleitet. Macht Ihnen da ein so großes Haus wie die Berliner Gemäldegalerie Angst?
Das ist eine große Herausforderung, aber Sorge bereitet es mir nicht. Wenn ich das Abenteuer nicht suchen würde, hätte ich mich nicht beworben. Vor allem aber habe ich umfängliche Leitungserfahrungen im musealen Bereich. Am Germanischen Nationalmuseum habe ich ein großes, interdisziplinäres Forschungsprojekt zur spätmittelalterlichen Tafelmalerei geleitet. In Heidelberg bin ich für die größte Abteilung des Hauses mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verantwortlich.

Auch Agnolo Bronzino ist mit „Ugolino Martelli“ von 1540 unter den Favoriten der neuen Chefin.

© bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders

Sie stehen hier mehr unter Beobachtung.
Natürlich nehme ich zwei Stufen der Karriereleiter auf einmal, aber ich wollte immer schon etwas bewegen. Am Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg habe ich die Sanierung und Neuaufstellung der Sammlung von 1600 bis 1800 koordiniert und mitkonzipiert, für 1000 Objekte auf 2000 Quadratmetern. Dort hatte ich mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun.

Ich habe an internationalen Ausstellungsprojekten mitgearbeitet und eigene Ausstellungen konzipiert und erfolgreich umgesetzt. Meine breite wissenschaftliche Aufstellung erwähnte ich schon. Ich fühle mich für die Aufgabe daher gut gerüstet und traue sie mir zu – die Stiftung Preußischer Kulturbesitz offensichtlich auch.

Museen gelten mittlerweile als CO2-Schleudern durch ihre Klimaanlagen, das Expedieren von Kunst, die aufwändigen Ausstellungsarchitekturen. Welche Position vertreten Sie da?
Natürlich ist Nachhaltigkeit wichtig und am besten wären klimaneutrale Museen! In der Praxis geht es aber immer auch um den Schutz der Objekte, um deren sachgerechte Klimatisierung und eine angemessene Präsentation. Hier gilt es, möglichst umweltverträgliche Lösungen zu finden.

Demnächst wird in der Gemäldegalerie ein neues Beleuchtungssystem installiert, das den Verbrauch reduziert. Diesen Weg sollten wir fortsetzen und bei Investitionen fragen, was die nachhaltigste Lösung ist. Auch die Politik ist hier in der Pflicht, die Museen entsprechend zu unterstützen.

Stefan Simon, der Leiter des Berliner Rathgen-Forschungslabors und ein Vorkämpfer für das Grüne Museum, wünscht sich größere Korridore für das Raumklima, um Energie einzusparen. Können Sie sich vorstellen, mit den Temperaturen liberaler umzugehen?
Es kommt dabei auch auf die Objekte an. Spätmittelalterliche Holztafeln etwa sind empfindlicher als Leinwandgemälde und bei starken und schnellen Temperaturschwankungen rasch gefährdet. Aber ich bin Realistin, nicht Dogmatikerin, und zu Kompromissen bereit. An oberster Stelle steht für mich weiterhin der Schutz der Objekte. Aber ich lasse mich gerne beraten und bin gespannt darauf, mich mit Spezialisten wie Stefan Simon auszutauschen.

Viele werden neugierig auf Sie sein als neue Chefin der Gemäldegalerie. Wie schnell nehmen Sie Kontakt mit Kollegen vom Louvre, den Uffizien, der National Gallery auf?
Ich sehe es als wichtige Aufgabe, Kooperationsprojekte anzustoßen. Viele Kontakte mit den anderen großen Häusern ergeben sich aber auch im Alltagsgeschäft. Die Gemäldegalerie ist eine gefragte Leihgeberin und bittet auch selbst um Leihgaben für eigene Ausstellungen.

Ich habe mir vorgenommen, die internationale Vernetzung weiter zu stärken, um die Gemäldegalerie auch hier noch präsenter zu machen. Darauf freue ich mich. Doch genauso wichtig ist es mir, zunächst die Leiterinnen und Leiter der anderen Einrichtungen der Staatlichen Museen zu Berlin kennenzulernen.

Vor allem Ihre Nachbarn am Kulturforum werden gespannt auf Sie sein.
Die aktuelle Spätgotik-Ausstellung mit Werken aus der Skulpturensammlung, dem Kunstgewerbemuseum und dem Kupferstichkabinett zeigt ja sehr schön, wie sich Gattungsgrenzen überwinden lassen und wie gewinnbringend die Institutionen zusammenarbeiten. Das möchte ich fortsetzen und ausbauen, gerne auch mit den anderen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, etwa mit der Nationalgalerie.

Was haben Sie sich noch vorgenommen?
Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit ist für mich ein Schlüssel zum Erfolg. Ich habe mit vielen großartigen Teams zusammengearbeitet und wünsche mir ein solches Miteinander auch für die Zukunft. Als Kunsthistorikerin schlägt mein Herz für die Objekte. Die Auseinandersetzung mit ihnen, ihre Erforschung und Vermittlung sind für mich Glücksmomente. Aber nicht weniger beglückend ist es, gemeinsam ein Projekt zu stemmen und es dem Publikum zu präsentieren. 

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false