Geschichte der Medienkunst : Der digitale Zaubertrank

Die „Magical Soup“-Schau in den Rieck-Hallen blickt zurück auf die Medienkunst der letzten fünfzig Jahre.

Imagination und Wirklichkeit Szene aus Korakrit Arunanondchais Video mit dem Titel „Painting with history in a room filled with people with funny names“.
Imagination und Wirklichkeit Szene aus Korakrit Arunanondchais Video mit dem Titel „Painting with history in a room filled with...Foto: Museum

Mit diesem Rattern und Rauschen sind wir aufgewachsen. Zugegeben, der Projektor war simpler, die laufenden Bilder auf einer 8-mm-Kamera aufgenommen. Bei Cyprien Gaillard weckt nur der Klang nostalgische Erinnerungen, die Magie der Bilder konterkariert der Inhalt.

Der 35-mm-Film streift durch die Ruinen von Babylon, zeigt Archäologen bei der Arbeit und Soldaten der Schutztruppen, mit denen der französische Künstler Irak im letzten Besatzungsjahr den Irak 2011 bereist hat.

Von der Hochhaus-Skyline Bagdads geht es ins Berliner Pergamon-Museum: ein Derwisch tanzt vor dem Ischtar-Tor zu David Greys „Babylon“, jenem Popsong, der in Guantanamo zu Folterzwecken missbraucht wurde.

Es sind komplexe Bedeutungs-, Bild- und Technik-Ebenen, die Gaillard mit einer Handy-Kamera aufgenommen und anschließend auf analoges 35-mm-Material kopiert hat. Eindrucksvoll spannen seine „Artefacts“ den zeitlichen und technischen Bogen zur Ausstellung „Magical Soup“.

Eine Reise in die Medienkunst der letzten 50 Jahre. Womit die Ausstellung leider die Video-Pioniere der 1960er-Jahre wie Wolf Vostell und Nam June Paik ausspart. Letzterer ist immerhin mit zwei späteren Werken präsent.

Restaurierung ist eine Herausforderung

Am Anfang der Zeitschiene siedeln Animationsfilme von Keiichi Tanaami, einer der Medienkunst-Urahnen aus den Beständen der Nationalgalerie. 1971 hat der japanische Künstler noch jedes einzelne seiner poppigen Bilder, die westliche Idole wie Elvis oder John Lennon mit Flugzeugbombern und Jagdgeschwadern durchkreuzen, per Hand gezeichnet und aquarelliert.

Im Einzelbildverfahren gefilmt, wurden sie auf Digi-Betacam-Master übertragen, von dem Kopien für Präsentationszwecke gezogen werden. Denn, so Anna-Catharina Gebbers, Kuratorin der Nationalgalerie: „Das Material ist in vielen Fällen nach einer Ausstellung verbraucht.“

[Hamburger Bahnhof, Rieck-Hallen, Invalidenstraße 50/51; bis 3. 1. 2021. Di-Fr 10-18, Sa-So, 11-18 Uhr. Besuch nur mit Zeitfensterticket: www.smb.museum/tickets]

Wer Medienkunst sagt, muss auch Technik sagen und Restaurierung. Da präsentiert sich die Ausstellung wie ein Brennglas musealer Forschung – die angesichts des rasanten Wandels zur enormen Herausforderung für Restauratoren, Techniker und Kuratoren wird.

Gabriele Knapstein setzt auf die Möglichkeiten, die sich mit dem Neubau des Museums des 20. Jahrhunderts eröffnen. Die Pionierwerke, so die Leiterin des Hamburger Bahnhofs, würden dann am Kulturforum angesiedelt und ihr Haus könne sich den jüngeren Entwicklungen widmen, mit Medienlabs und sicheren Servern. In den Rieck-Hallen des Museums der Gegenwart gibt es kein WLAN.

Es geht um Raum, Klang und Sprache

Dabei beweist „Magical Soup“ (der Titel bezieht sich auf Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“) einmal mehr, wie sehr sich der Gebäude-Riegel mit seinem rauen Charme gerade für die Medienkunst eignet. Den Begriff hat Kuratorin Gebbers allerdings weiter gefasst.

Im Kontext der zeitbasierten Medien geht es nicht nur um bewegte Bilder, sondern ebenso um Raum, Klang und Sprache, um Imagination und Wirklichkeit. Jüngste Positionen - darunter Korakrit Arunanondchai, Sung Tieu, Sandra Mujinga oder Anne Imhof, fokussieren außerdem Macht und Transparenz, Gender-Fragen und Diversität.

In Halle 2 entsteht dann Klang als Lesestück, als zweidimensionale Zeichnung oder bei Wermers von auf Lederjacken applizierten Band-Logos – respektive im Auge, im Ohr und im Denken des Betrachters.

Eine Komposition für 39 Millionen Jahre

Imaginärer Sound nennt Gebbers dieses Kapitel, in dessen Zentrum sie „Parsifal (1882-38.969.364.735)“ von Rodney Graham rückt. Ausgangsmaterial der Klanginstallation von 1990 war eine Anekdote um die Uraufführung des Bühnenweihfestspiels.

Auf die Bitte, im dritten Aufzug ein paar Takte zu ergänzen, soll Wagner entgegnet haben: „Ich komponiere nicht nach Metern!“ Abhilfe kam vom Assistenten Engelbert Humperdinck. Graham hat Humperdincks Intervalle algorithmisch bearbeitet und lässt sie in unterschiedlicher Länge über 14 Lautsprecher erklingen.

Die Komposition beginnt 1882 und gelangt nach knapp 39 Millionen Jahren wieder an ihren Anfang. Womit der Kanadier John Cage auf Rang zwei verwiesen hat.

Die visionäre Kraft von Kunst

Sein „ORGAN²/ASLSP“ dauert nur 639 Jahre, ist dafür aber seit 2001 live in Halberstadt zu hören. Grahams Klangwerk tönt nach der Ausstellung imaginär im Depot. Als Schenkung aus der Sammlung Flick bleibt sie dem Hamburger Bahnhof erhalten.

Zum wohl letzten Mal ist Stan Douglas' fantastische Diaprojektion „Deux Devises: Mime and Breath“ zu erleben. Eine Dauerleihgabe, die Berlin mit dem Rückzug von Friedrich Christian Flick verloren geht.

Dabei zeigt die raumgreifende Installation auch rund 30 Jahre nach ihrer Entstehung die visionäre Kraft von Kunst. Angesichts der Black Lives Matter-Bewegung sind die Devisen des afro-kanadischen Künstlers brandaktuell.

Vielleicht wird „Magical Soup“ ja doch zum Zaubertrank, mit dem die unrühmliche Geschichte um die Rieck-Hallen und die Flick Collection noch eine Wendung nimmt.

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