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Die Liebe zum Leben bewahren. Regisseur Radu Mihăileanu, geboren 1958 in Bukarest, verwebt in seinem neuen Film die Lebensgeschichte seines Vaters mit dem Bestseller "Geschichte der Liebe" von Nicole Krauss.

© Prokino Filmverleih

Regisseur Radu Mihăileanu: "Ich möchte vom Wunder der einen Sekunde erzählen"

Regisseur Radu Mihăileanu hat den Bestseller „Die Geschichte der Liebe“ verfilmt. Im Interview spricht er über die Macht der Lüge, die Angst vor der Zukunft - und was Filme ihr entgegensetzen können.

Mr. Mihăileanu, stimmt es, dass Ihre Hauptfigur, der alte polnische Jude Léo, der in New York in Chinatown lebt, von Ihrem Vater inspiriert ist?

Er lebt immer noch! Am 1. Juli haben wir seinen 96. Geburtstag gefeiert. Leo ist zunächst mal eine Figur aus dem Roman von Nicole Krauss. Aber als ich das Buch las, dachte ich, Mannomann, der ist ja wie mein Vater. Er hat nicht nur den Holocaust überlebt, sondern einfach alles. Die Nazis, die Lager, Stalin, Ceausescu, das Exil, als er mit 60 nach Frankreich emigrierte. Aber trotz aller Probleme und Tragödien hat er sich seine Liebe zum Leben bewahrt. Vielleicht haben alle diese Schicksalsschläge seine Widerstandskraft immer weiter erhöht, diese verrückte Energie, die der Erkenntnis entspringt, dass das Leben ein Wunder ist. Derek Jacobi als Léo verkörpert das übrigens ganz großartig.

Mit dieser Energie sind Sie aufgewachsen?

Oh ja, sie gehört vielleicht generell zur jüdischen Geschichte. Wir wissen, wir kommen aus der Dunkelheit, wir kehren in die Dunkelheit zurück. Aber dazwischen haben wir diese eine kostbare Sekunde, die wir nicht aufs Jammern verwenden sollten, sondern darauf, so glücklich wie möglich zu sein. Davon möchte ich in meinem Film erzählen, ohne naiv zu sein: vom Leben und vom Humor als Widerstandsakt, vom Wunder der einen Sekunde.

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Ihr Vater änderte in jungen Jahren seinen Namen. Ist Identität deshalb ein Thema in all Ihren Filme?

Er konnte aus dem Konzentrationslager fliehen und hütete sich, seinen wahren Namen zu sagen, wenn er auf eine Patrouille traf. Mordechai Buchman: Er wäre sofort wieder im Lager gelandet. Also nannte er sich Ion Mihăileanu, Vor- und Nachname sind sehr rumänisch. Er überlebte mit einer Lüge, einer Hochstapelei. Als ich anfing mit dem Filmemachen, war mir gar nicht bewusst, dass meine Geschichten diesen Hintergrund haben …

… wie die auf wahren Begebenheiten beruhende Story vom fingierten Deportationszug in „Zug des Lebens“, mit dem eine Gruppe von Juden sich aus ihrem Schtetl in die Freiheit „deportiert“.

Der Betrug spielt auch in meiner Biografie eine Rolle. Dass ich das Erbe des Fake-Namens Mihăileanu weiterführte, wurde mir ebenfalls erst später klar. Als ich 1980 Rumänien verließ, behauptete ich gegenüber dem Regime, ich würde meinen Großvater in Israel besuchen. Das tat ich auch, aber ich verschwieg, dass ich nicht zurückkehren, sondern nach Frankreich gehen würde. Auch ich habe mich also mit einer Lüge in die Freiheit gerettet. Wir Mihăileanus haben eine doppelte Identität, auch meine Kinder sind im tiefsten Inneren Buchmans. Wir müssen davon keinen Gebrauch machen, aber es ist da, eingewickelt in die Mihăileanu-Identität. Wir stammen aus der Hochstapelei.

Auch Filme sind Lügen, die so wahrhaftig wie möglich sein wollen.

Realität ist doch nicht nur die äußere, sichtbare Welt. Sie ist auch das, was in unserem Inneren vorgeht, eine komplexe Mischung. Wie nutze ich meine Vorstellungskraft, um der Wirklichkeit standzuhalten? In Wirklichkeit bist du tot, du heißt Buchman. Aber die Fantasie sagt: Nein, nein, es gibt eine Lösung, mit einem kleinen Trick kannst du weiterleben. Ohne Imagination, ohne Hoffnung, ohne die Vorstellung von einer besseren Welt, die natürlich sehr unterschiedlich ausfallen kann, ist auch Politik nicht denkbar.

Die meistgeliebte Frau der Welt. Der junge Léo (Mark Rendall) und Alma (Gemma Arterton), ein Traum- und Erinnerungsbild. "Die Geschichte der Liebe" erzählt, wie sie sich bei der Flucht vor den Nazis verlieren - und viel zu spät in New York wiedertreffen.

© Prokino Filmverleih

Sie sagen, wir haben heute die Fähigkeit zu lieben verloren, das sei die Wurzel allen Übels. Wie meinen Sie das?

Wir haben die Fähigkeit verloren abzuheben. Wir denken, es hat schon alles gegeben, wir wissen alles, im Internet ist alles verfügbar. Dabei kennen wir nur einen kleinen Ausschnitt. Im Moment sieht es so aus, als sei die Welt ziemlich am Boden. Léos Roman über Alma ist eine einzige große Hoffnungsbekundung, eine Liebeserklärung, und sie wirkt wie ein ansteckender Virus über drei Kontinente und mehrere Generationen, bis hin zu der Generation, die die Liebe durch Likes ersetzt hat. Damit wird Léos Buch zur Metapher für die Kultur überhaupt, die sich ausbreitet, ohne dass ein Künstler um die Wirkung seines Werks wissen muss. Van Gogh starb einsam und halb verrückt, er hatte keine Ahnung, dass einmal die ganze Welt von seinen Bildern fasziniert sein würde.

Aber sprechen junge Leute heute nicht einfach nur eine andere Sprache der Liebe, nutzen andere Medien wie das Smartphone?

Jeder träumt von der ganz großen Liebe, das ist zeitlos. Was sich geändert hat, nicht nur für die junge Generation, ist das Ausmaß der Angst. Die Angst hat die Welt erobert, in der Politik wie in den sozialen Beziehungen. Wir schauen auf Monitore und Displays, wähnen uns sicher hinter diesem Schutzschild und konsumieren Beziehungen nur noch. Wir leben lieber ein reduziertes Leben als zu riskieren, dass wir leiden könnten. Das deprimiert uns, und genau daran knüpfe ich die Hoffnung: dass sich unser Verhalten wieder verändert, weil wir so unzufrieden sind.

"Das größte Abenteuer im Leben ist der Andere"

Die Liebe zum Leben bewahren. Regisseur Radu Mihăileanu, geboren 1958 in Bukarest, verwebt in seinem neuen Film die Lebensgeschichte seines Vaters mit dem Bestseller "Geschichte der Liebe" von Nicole Krauss.

© Prokino Filmverleih

Léo ist impulsiv, er übertreibt es mit allem. Typisch osteuropäisch?

Er beharrt auf einer utopisch-romantischen Liebe, das geht nicht ohne Übertreibung. Ich mag die Übertreibung als Gegengift zur Indifferenz und unserer Art uns abzuschotten, zum Beispiel gegen die Flüchtlinge. Bei genauerem Hinsehen ist „Die Geschichte der Liebe“ ein finsteres Buch, es geht mehr um den Tod als um die Liebe. Und wie reagiere ich darauf, mit meiner Biografie und der meines Vaters im Gepäck? Mit Gegen-Energie, mit Musik, Exzess, Empathie, Paranoia, Humor. Ich wollte keinen Film über einen alten, einsamen Holocaust-Überlebenden machen, der nicht mal seinen Sohn sehen darf. Da kann man sich ja nur die Kugel geben. Nein, Léo ist verrückt, wütend, er streitet sich ständig mit allen, es ist seine Art zu sagen, ich bin noch nicht tot. Woher nimmt mein Vater mit seinen 96 Jahren seine unglaubliche Lebensenergie? Weil der Tod ihn sein Leben lang gejagt hat. Ich liebe Kusturica, Fellini, all diese Filmemacher, die mir in einer eintönigen Gesellschaft sagen: Achtung, wir sind hochexplosiv.

Als rumänisch-jüdischer Filmemacher in Frankreich, sorgen Sie sich um Europa?

Nicht nur um Europa. Trump, der Mittlere Osten, Saudi-Arabien, Jemen, Afrika, Kongo, es ist schrecklich. Ich komme mir vor wie der kleine Bruder der jungen Alma, der sich für einen lamed vovnik hält ...

... einen der 36 Gerechten, wegen denen die Welt vielleicht doch nicht untergeht.

Eine entsetzliche Bürde. Eigentlich möchte jede Generation der nächsten eine bessere Welt hinterlassen. Unsere Generation bekommt das anscheinend nicht hin. Kriege, Terror, Klimawandel – wir wissen nicht, wie lange der Planet noch überlebt. Ich teile die Panik des Jungen. Meine Art, damit umzugehen, ist aber wieder die, nicht auf das Ende zu warten, sondern den Glauben an das Wunder der einen Sekunde zu stärken. Zum Beispiel an eine kulturelle Erziehung, die klarmacht: Das größte Abenteuer im Leben ist der Andere, habt keine Angst vor anderen Menschen. Zusammen können wir dafür sorgen, dass die Welt nicht noch mehr aus dem Gleichgewicht gerät, dass Google und Apple vielleicht ein bisschen weniger reich sind und ein paar Menschen weniger verhungern müssen.

Derek Jacobi spielt den alten Léo.
Derek Jacobi spielt den alten Léo.

© Prokino Filmverleih

Und Sie glauben an die Macht der Geschichten, an das große Gefühlskino. Ihre Art, dem Internet etwas entgegenzusetzen?

Ich habe nichts gegen das Internet. Als Gutenberg den Buchdruck erfand, dachten die Mächtigen, es sei viel zu gefährlich, wenn alle Leute die Schriften lesen können. Wir Filmemacher schauen uns das Internet mit Sorge an: Wird jetzt alles kommerzialisiert, und die Filmkunst verschwindet? Sind die neuen Player gute Partner oder Gegner? Vielleicht gibt es bei Erfindungen immer verschiedene Phasen: Erst war das Internet eine Revolution, denn es verschafft Menschen überall auf der Welt Zugang zu Informationen. Jetzt befinden wir uns in einer Phase, in der das Medium uns beherrscht. Aber ich denke, wir können den Spieß auch wieder umdrehen und dienen nicht länger der Technik, sondern die Technik dient uns.

Sie haben erstmals auch in den USA gedreht. Was war anders als in Europa?

Film ist dort weniger Kunst als eine Industrie. Also machen alle einen Job, mit sehr rigiden Gewerkschaftsregeln. Um ein Uhr mittags ist Lunchtime, wenn du verlängern willst, brauchst du eine Erlaubnis. Ich probe gerne lange und lasse die Kamera erst laufen, wenn die Schauspieler richtig drin sind in der Szene. Du darfst aber höchstens eine Viertelstunde verlängern, und nur für die Szene, die bereits in Arbeit ist. Also habe ich dafür gesorgt, dass der erste Take dafür kurz vor eins gedreht wurde, auch wenn sich gerade eine Wolke vor die Sonne schob. Egal, wir konnten dann die paar kostbaren Sekunden verlängern, die wir brauchten. Ich respektiere die Kultur der anderen, ziehe die Schuhe aus, wo der Gastgeber das möchte. Aber gleichzeitig rette ich auch meine Kultur, mit einem kleinen Trick.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

„Die Geschichte der Liebe“ startet am Donnerstag in neun Berliner Kinos.

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