Im Kino: "Vor uns das Meer" : Wo geht es hier zurück?

Es gibt keine Logik der Ausweglosigkeit: Der Film „Vor uns das Meer“ rekonstruiert die tragische Geschichte des Seglers Donald Crowhurst.

Eremit auf See. Colin Firth in „Vor uns das Meer“, jetzt im Kino.
Eremit auf See. Colin Firth in „Vor uns das Meer“, jetzt im Kino.Foto: Studiocanal/Dean Rogers

Am Ende zählt er seinen eigenen Countdown herunter. Es ist der 1. Juli 1969, 10.03 Uhr, so notiert er in sein Logbuch, ein Mann in der Kajüte seiner im Atlantik treibenden Segeljacht, über den Kartentisch gebeugt. Seit über acht Monaten ist er unterwegs. Nun bleibt ihm noch eine Stunde. Er ist ausgemergelt, verdreckt, ein dünner Bart wuchert in seinem fahl glühenden Gesicht. Doch er hat aufgehört zu segeln, um sich den Winden in seinem Hirn zu überlassen. „Einsiedler erlegen sich selbst unnötige Bedingungen auf“, schreibt er um 10.14’20 Uhr, „Wahrheitssuche durch Zeitverschwendung.“ Um 10.17’20 dann: „Zeitverschwendung bedauerlich“. Um 10.23’30 fragt er: „Wo ist zurück?“ Einer der letzten Sätze findet sich um 11.17 Uhr, als er meint: „Ich habe nicht nötig, das Spiel zu verlängern.“

Es sind Abschiedsworte eines Selbstmörders. Man muss sie zu lesen wissen. Und seit man sie fand, ist das auch immer wieder neu versucht worden, sei es in Sachbüchern, Theaterstücken, sei es durch TV-Dokumentationen, und nun auch mit den Mitteln eines Spielfilms: „Vor uns das Meer“ von James Marsh rekapituliert die tragische Reise Donald Crowhursts, der 1968 als Teilnehmer des Golden Globe Race zu einer Nonstop-Umrundung der Erde in einem selbst konstruierten Dreirumpfboot aufbrach, die Öffentlichkeit mit fiktiven Positionsangaben foppte und schließlich spurlos verschwand.

Für die Hauptrolle ließ sich Colin Firth gewinnen. Was nicht schwer gewesen sein dürfte, ist doch Crowhursts rätselhaftes Schicksal in England bis heute lebendig geblieben. Und es ist faszinierend, wie der auf komplexe psychische Störungen spezialisierte Oscar-Preisträger („The Kings Speech“, „A Single Man“) hier einen mit sich ringenden, schleichend verwahrlosenden Charakter darstellt. Firth macht dabei sogar die zu große Offensichtlichkeit des Musters vergessen, nach dem Filme dieser Art hinter jeder äußeren Reise immer auch einen Trip ins Innere antreten. Was findet man da bei einem, der sich selbst ausmanövriert hat und keinen Ausweg mehr weiß?

Das Schizophrene wächst sich aus

Der Wahnsinn war nicht von Anfang an in dem sympathischen Mann angelegt, der auf einer Bootstour seinen Kindern sagt, dass Träume die Saat großer Taten seien. Auch wenn Donald Crowhurst später schizophrene Züge entwickeln und sich zu einem „kosmischen Wesen“ erklären sollte, ist seine Geschichte nicht die eines Verrückten. Sie entspricht eher dem, was Captain Jack Aubray in dem Seefahrerepos „Master & Commander“ zu Ehren seines unglückselig über Bord gesprungenen Fähnrichs sagt: „Die einfache Wahrheit ist, dass nicht jeder von uns zu dem wird, der er einmal zu werden gehofft hat.“

So führt Regisseur Marsh („Die Entdeckung der Unendlichkeit") seinen Durchschnittshelden auf einer Bootsmesse mit dem Schicksal zusammen. Diese tritt in Gestalt Francis Chichesters auf, eines kleinen unangenehmen Mannes mit grotesk großer Sportmütze, der das Golden-Globe-Rennen als die letzte seglerische Herausforderung ankündigt, die er selbst nicht zu erledigen vermochte – nonstop um die Welt. Der Elektrotüftler Crowhurst wird sogleich erfasst „vom Sirenengesang des Abenteuers“ und schmiedet Pläne.

Von Anfang an legt „Vor uns das Meer“ seinen Schwerpunkt auf die simple Frage, warum ein gewöhnlicher Mann aufs Meer will. Glücklich verheiratet mit Clare (Rachel Weisz), Vater von vier Kindern, hat er kaum Exzentrisches an sich, sondern eigentlich nur zu viel zu verlieren. Seine Firma läuft nicht gut, aber das treibt ihn nicht an. Einmal sagt er: „Wenn es einer wie ich schaffen kann, schafft es jeder, der nach Abenteuern sucht.“ Also lässt er sich einen der damals noch weitgehend unerprobten Trimarane bauen, um verlorene Zeit aufzuholen, verschuldet sich immer mehr, bis Haus und Firma im Fall seines Scheiterns verloren sind, aber alles aufs Spiel zu setzen, macht ihn auch sympathisch.

Gelbes Ölzeug mit Schlips

Als er am Vorabend seines Aufbruchs einen Rückzieher machen will, wird er von seinen Geschäftspartnern (hochkarätig besetzt mit David Thewlis und Ken Stott) regelrecht an Bord gezwungen. Wie Crowhurst dann im gelben Ölzeug und mit Schlips in See sticht, nervlich zerrüttet, ist historisch verbürgt. James Marsh hält sich überhaupt eng an die historischen Tatsachen.

„Ich kann nicht weitermachen, und ich kann nicht zurück“, das ist Crowhursts Dilemma. Sein Traum hat ihn über eine Grenze gehen lassen, und jenseits von ihr bietet sich ihm nur noch eine Option, nämlich eine Weltumsegelung durch fiktive Positionsangaben vorzutäuschen. Dem Letzten schaue man nicht in die Logbücher, sagt er sich. Wie sich alles aufs Schönste für ihn fügt, als er an vierter Stelle liegend wieder Kurs auf England nimmt, und wie sich dann doch alles gegen ihn wendet – das erzählt „Vor uns das Meer“ nicht chronologisch. Denn es gibt keine Logik der Ausweglosigkeit. Vielmehr folgt der Film einer assoziativen Bahn, bei der sich die Zeit- und Realitätsebenen immer stärker ineinanderschieben, die Weite der See sich schmerzhaft reibt an der Enge des Denkens.

Filme auf dem Meer sind zu Geschichten über die Einsamkeit geworden. Wie Robert Redford in „All is Lost“ als Eremit auf sich gestellt ums Überleben kämpft oder Susanne Wolf in „Styx“ sich der Katastrophe eines überfüllten Flüchtlingsbootes als Einhandseglerin stellt, so verkörpert auch Colin Firth die von der Außenwelt isolierte Gestalt. Es laugt sie aus, das unlösbare Problem der unmöglichen Heimkehr im Kopf bewältigen zu wollen.

Der Abschied von der geliebten Frau ist eine zu Herzen gehende Szene. Er sieht sie bei sich an Bord sitzen, sie reichen sich eine Hand. Aus dem Blick von Rachel Weisz spricht das schlechte Gewissen derjenigen, die weiß, dass sie ihren Mann hätte zurückhalten sollen. Aber wer stellt sich schon gegen einen Traum?

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