Interview mit Billy Bragg : „Das Prinzip des Brexit ist die Isolation“

Singer-Songwriter Billy Bragg über die Verführungstaktiken der Konservativen, die Politisierung der Jugend durch Kultur und alternative Formen des Patriotismus.

Billy Bragg bei einer Demonstration zum Klimaschutz im November 2019
Billy Bragg bei einer Demonstration zum Klimaschutz im November 2019Foto: picture alliance/dpa

Billy Bragg, 62, war im Lauf seiner vierzigjährigen Karriere bei so vielen Demonstrationen dabei, dass der „Guardian“ bemerkte, es sei schwer, „ihn von einem Protest fernzuhalten“. Er trat vor streikenden Bergarbeitern auf und wurde verhaftet, weil er vor der südafrikanischen Botschaft in London gegen die Apartheid oder an einem Luftwaffenstützpunkt gegen Atomwaffen agitierte.

Nebenbei schrieb der Sänger, der bei Konzerten nur sein Gitarre dabei hat, Hits wie „A New England“. Nach 13 Studioalben hat Billy Bragg, der in der Grafschaft Essex geboren wurde und in London aufwuchs, nun sein zweites Buch veröffentlicht. Es heißt „Die drei Dimensionen der Freiheit“ (Heyne, 144 S., 12 €) und soll ein politischer Weckruf gegen den Rechtspopulismus sein.

Mister Bragg, wie frustrierend ist es heutzutage, ein Linker zu sein?

Sehr. Nicht zuletzt deshalb, weil unsere Ideale aus dem 20. Jahrhundert – Freiheit und Gleichheit – heute bei den Menschen kaum noch Resonanz zu finden scheinen. Wir müssen neue Wege finden, sie zu artikulieren. Deshalb habe ich in meinem Buch das Konzept der Verantwortlichkeit entwickelt. Freiheit und Gleichheit können nur dann das Fundament der Demokratie bleiben, wenn Verantwortlichkeit dazukommt. Der Neoliberalismus hat das Prinzip der Freiheit ausgehöhlt, indem er es mit der Entfesselung globalisierter freier Märkte gleichsetzte.

Rechtspopulisten sind weltweit auf dem Vormarsch, von Trump in Amerika über Orban in Ungarn bis zu Boris Johnson in Großbritannien. Was ist schiefgegangen in den letzten Jahren?

Was Populismus genannt wird, ist ein sehr breites Spektrum von Politikern. Auch Linke wie Jeremy Corbyn und Bernie Sanders werden als Populisten verteufelt. Mit dem Begriff Populismus bezeichnen die großen Medien alle, die sich dem neoliberalen Kapitalismus entgegenstellen. Die Kernbehauptung des Neoliberalismus lautet, dass es keine Alternative zum freien Markt gäbe.

„There is no alternative“, das war schon das Mantra von Margarete Thatcher.

Genau, mit ihr fing es an. Wenn die Menschen enttäuscht sind von fehlenden Veränderungen, wählen einige von ihnen Leute wie Trump, andere vielleicht Corbyn. Darin zeigt sich, dass das System unfähig ist, mit alternativen Ideen umzugehen.

Die Linke hat immer mit der Idee von Hoffnung geworben, Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Doch die Rechtspopulisten haben begriffen, dass sich mehr Wähler mit Angst mobilisieren lassen, etwa der Angst vor Fremden. In den westlichen Ländern herrscht Wohlstand, warum wird die Angst trotzdem immer stärker?

Weil es einfach ist, die Schuld auf Minderheiten zu schieben, wenn es zu Problemen kommt. Wenn man in einer Gegend lebt, in der Arbeitsplätze gestrichen, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen geschlossen werden, ist es leichter, die Schuld den Einwanderer in die Schuhe zu schieben als zu erkennen, dass der Fehler im System selbst steckt. Rechte Politiker sind virtuos darin, diese Form der Selbsttäuschung auszunutzen.

Weil sie die scheinbar besseren, einfachen Antworten haben?

Es geht ihnen immer um Vereinfachung. Das Problem bei unseren Wahlen im Dezember war, dass es den anderen Parteien nicht gelang, Boris Johnsons Slogan „Get Brexit done“ Paroli zu bieten. In diesem Slogan ist kein Raum für Nuancen, doch in den jetzt begonnenen Austrittsverhandlungen mit der EU geht es um nichts anderes als um Nuancen. Was wird aus der Grenze zu Irland, welchen Status bekommen die 3,1 Millionen europäischen Bürger, die in Großbritannien leben? Individuelle Schicksale kamen in Johnsons Schwarzweiß-Wahlkampf nicht vor, da lautete die Frage nur: Bist du dafür oder dagegen?

Umfragen zeigen, dass Johnson einer der unbeliebtesten Premierminister der Nachkriegszeit ist. Warum hat er die Wahl trotzdem mit dem größten Sieg seit Thatchers Triumph von 1987 gewonnen?

Weil seine Behauptung, dass Großbritannien allein am mächtigsten sei, immer noch sehr viele Anhänger hat. Im Gedanken, dass unser Land keinerlei Kompromisse mit wem auch immer machen müsse, steckt ein Erbe des Imperialismus. Deutschland hat sich nach 1945 intensiv mit den Verbrechen seiner Vergangenheit beschäftigt, bei uns fand Vergleichbares nicht statt. Gerade hat die Mehrheit der Briten in einer Umfrage der Aussage zugestimmt, dass der Imperialismus eine gute Idee gewesen sei. Wir glauben, dass wir wegen des Zweiten Weltkriegs gegen Faschismus und übersteigerten Nationalismus gefeit seien. Aber das stimmt leider nicht.

Beruht Johnsons Triumph auf Nostalgie?

Nicht nur, aber für viele Wähler war seine Behauptung, dass Großbritannien zu alter imperialer Stärke zurückkehren könne, sehr verführerisch. Tatsache ist aber, dass Großbritannien zwar immer noch ein großartiges Land, doch längst keine Weltmacht mehr ist. Beim Versprechen einer Unabhängigkeit ging es Westminster auch immer nur um England, die Unabhängigkeit der Schotten war davon ausgeschlossen. Deshalb rebellieren sie jetzt.

Der Brexit ist noch nicht „done", die Verhandlungen mit Brüssel werden bis Jahresende dauern. Wie lautet Ihre Prognose: Wird es ein harter oder softer Brexit?

Schwer zu sagen. Die Politik der britischen Konservativen beruht auf zwei Prinzipien: nationale Souveränität und freier Handel. Beim Brexit geraten sie in einen Konflikt, denn nun müssen Handelsabkommen mit vielen Staaten geschlossen werden. Dafür müssten die Tories auf Teile der Souveränität verzichten. Das könnte sie zerreißen. Ich fürchte, dass Johnson die Souveränität wichtiger ist als alles andere. Er hat schon gedroht, notfalls die Verhandlungen abzubrechen. Das wäre eine Katastrophe für unsere Wirtschaft, die bereits schwer angegriffen ist von der Coronakrise.

Welche Konsequenzen hätte ein harter Brexit für Musiker wie Sie, die auf dem europäischen Festland auftreten wollen?

So weit ich weiß, müssten wir wohl eine Arbeitserlaubnis beantragen und dafür eine Gebühr von ein paar hundert Euro bezahlen. Schlimmer wäre, dass wir eine Steueranzahlung leisten müssten, die bei 40 Prozent des Wertes des Equipments liegen würde. Für mich wäre das kein Problem, weil ich nur zwei Gitarren dabei habe. Aber etliche Bands, die mit vielen Instrumenten, Verstärkern und Bühnenaufbauten reisen, könnten sich dann keine Tour mehr leisten. Das Prinzip des Brexits ist die Isolation, wirtschaftlich, politisch und kulturell.

Großbritannien ist tief gespalten in Brexiteers und Remainers. Erinnert Sie diese Situation an die achtziger Jahre, als Maggie Thatcher ihren Krieg gegen die Gewerkschaften begann?

Der Graben ist heute tiefer. In den Achtzigern standen wir Linken auf verlorenem Posten, Thatcher hatte eine große Mehrheit hinter sich. Aber für den Brexit gab es keine vergleichbare Mehrheit. 48 Prozent wollten die EU nicht verlassen. Doch die Brexiteers haben sich auch nach der Volksabstimmung nicht darum bemüht, auf die andere Seite zuzugehen. Freunde von mir haben wegen des Brexits aufgehört mit ihren Eltern zu sprechen. Nichts ist gelöst, mit den Auswirkungen werden wir noch lange Zeit zu leben haben.

Mit Alben wie „England, Half-English“ haben Sie sich für eine andere, progressive Form des Patriotismus eingesetzt. Sind Sie damit gescheitert?

Hoffentlich nicht, auch wenn es jetzt so aussieht, als habe ein anderer, aggressiver Nationalismus gewonnen, bei dem es reicht, sich einen Union Jack umzuhängen. Das wäre eine Schande, denn wir sind eine der diversesten Nationen Europas. Man muss nur auf unsere Fuballnationalmannschaft, auf unser Cricket- oder Rugbyteam schauen. Die Linken wollen mit dem Thema einer nationalen Identität nichts zu tun haben. Das ist ein Fehler, denn die meisten Leute haben nicht etwa für den Brexit gestimmt, weil sie eingefleischte Nationalisten sind, sondern weil sie sich von Westminster nicht mehr wahrgenommen fühlten.

Zusammen mit Bands wie The Clash oder The Smiths unterstützten Sie in den Achtzigern den Bergarbeiterstreik. Er dauerte ein Jahr und endete mit dem Sieg der Regierung. Die meisten Minen wurden geschlossen. War das eine heroische Niederlage für die Linke, ähnlich wie jetzt der Brexit?

Ich würde nicht von einer heroischen, sondern von einer fürchterlichen Niederlage sprechen. Sie war aber auch der Anfang von etwas Gutem. Die Tatsache, dass Paul Weller, die Smiths oder ich sich einzumischen begannen, führte dazu, dass eine ganze Generation junger Menschen über die Musik, über die Kultur politisiert wurde. Ähnliches lässt sich heute beobachten. Schüler und Studenten fangen an, gegen den Klimawandel zu demonstrieren und zu streiken. Die Vehemenz, mit der sie ihr Nichteinverstandensein zeigen, wäre ohne den Brexit kaum denkbar. Denn der Brexit war ja eine Entscheidung der Alten gegen die Jungen.

Morrissey, der in den Achtzigern mit Ihnen auf derselben Seite gegen die Tories kämpfte, unterstützt inzwischen die rechtsradikale, antiislamische Partei For Britain. Wann haben Sie gemerkt, dass er von links nach ganz rechts wechselte?

Es gab immer wieder fürchterliche Äußerungen von ihm, aber ich habe lange Zeit geglaubt, dass es sich dabei um schlechte Witze handelte, mit denen er in die Schlagzeilen kommen wollte. Das tue ich nicht mehr, seitdem er im letzten Jahr mit einem „For Britain“-Badge in einer amerikanischen Fernsehshow aufgetreten ist. Wenn jemand sich in den sozialen Medien rassistisch äußert und sich später danach entschuldigt, besteht die Chance, dass er einfach nur ein Idiot ist. Aber wenn sich jemand in der Öffentlichkeit zu einer rassistischen Partei bekennt, muss man davon ausgehen, dass er es damit tatsächlich ernst meint. Jetzt lasse ich Morrissey nichts mehr durchgehen.

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Woody Guthrie, eins Ihrer Idole, schrieb auf seine Gitarre: „This machine kills fascists“. Können Songs wirklich die Welt verbessern?

Leider tötete Woodys Gitarre keinen einzigen Faschisten. Aber was er da formuliert hat, ist eine so starke Idee, dass wir darüber noch achtzig Jahre später sprechen. Musiker können die Welt nicht verändern, die einzigen, die das schaffen, sind die, die ihnen zuhören. Allerdings haben Songs gegenüber den meisten Texten den Vorteil, dass sie auch die Herzen der Menschen erreichen. Sie können dich aufmuntern und dir helfen, deinen Zynismus zu überwinden. Vor allem sagen sie dir, dass du nicht allein bist.

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