Jugendroman über einen Syrer in Deutschland : Zwischen Zuhause und Heimat

Abdullah Al-Sayed erzählt von seiner Ankunft in Deutschland in einem Kinderheim - und von seiner Zeit in Rakka vor der Flucht

Kämpfe zwischen den Syrian democratic Forces un dem IS um Rakka am 15. Auguts 2017.
Kämpfe zwischen den Syrian democratic Forces un dem IS um Rakka am 15. Auguts 2017.Foto: REUTERS/Zohra Bensemra

Abdullah kommt aus Syrien und ist ein UmF, ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling. Mit sechzehn Jahren kam er auf abenteuerlichem Weg nach Deutschland, nachdem sein Vater bei einem Bombenangriff auf Rakka getötet und sein älterer Bruder verschleppt worden waren. Es blieben ihm nur die Mutter und sein Bruder Walid in Syrien. Eine von Tausenden von Geschichten, aber Abdullah Al-Sayed (Name aus Sicherheitsgründen geändert) erzählt mit Hilfe der Journalistin Kerstin Kropac nicht in erster Linie von seiner Flucht, sondern von seiner Ankunft und seinem Leben in Deutschland. Der Titel ist Programm: „Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien.“

Abdullah erzählt abwechselnd von der Entwicklung in Deutschland, der Ankunft im Kinderheim im Harz an einem kalten Oktobertag 2015 und dann wieder, wie er mit seiner Familie 2011 vor dem Fernseher saß und ungläubig die Bilder von den ersten Demonstrationen in Deraa im Süden Syriens betrachtete – Menschen, die offenbar vor den berüchtigten Geheimdiensten Assads keine Angst mehr hatten. Den Kontakt mit Geheimdienstleuten mied man, und da man nicht wusste, wer bei der Organisation war, war man grundsätzlich vorsichtig. Dennoch verfolgten Abdullah und seine Familie, wie sich der Krieg im Land allmählich ausbreitete, wie Menschen gefoltert wurden oder verschwanden. Aber das Leben ging weiter, und die Kinder spielten auf der Straße.

Abdullah erzählt vom Alltag in Syrien, von der Repression in der Schule – sein Vater war Lehrer – aber auch von den simplen Vergnügungen wie Fußballspielen mit den Nachbarjungen.

Geschichte einer Ankunft in Deutschland - mit Rückblicken.
Geschichte einer Ankunft in Deutschland - mit Rückblicken.Foto: Arena Verlag

Die Stationen wechseln und erhöhen so die Spannung. Mit Interesse liest man, wie es einem UmF ergeht, wenn er in einem Kinderheim ankommt: Die Betreuer sind im Prinzip nett, aber nicht unbedingt alle Kinder. Julia begegnet ihm zunächst mit zickiger Abneigung, während der gleichaltrige Max froh ist, einen Altersgenossen zu haben. Er bemüht sich auch, Abdullah den Weg zu weisen. Das ist nicht einfach, vor allem nicht nach den blutigen Anschlägen von Paris 2015. Abdullah wird von einigen schief angesehen, vor allem von Julia. Er lernt, dass manche Kinder zu Hunden netter sind als zu ihm – das trifft ihn.

Aber er gibt nicht auf, ist dankbar, will alles richtig machen und lernen. „Wenn sich meine neuen Mitbewohner nicht von alleine die Mühe machen wollen, mich kennenzulernen, dann muss ich sie eben irgendwie dazu bringen“, sagt er. „Ich will nichts von dir“, tippt er Julia ins Telefon, bleibt hartnäckig und kommt mit ihr ins Gespräch. Und er hilft Lukas in Mathematik, der dadurch bessere Noten bekommt. Es ist ein langer Weg, anzukommen, aber Abdullah geht ihn.

Dazwischen erzählt er immer wieder davon, wie der Krieg mehr und mehr in das Alltagsleben seiner Familie in Rakka eindrang, wie sie Kontakte zu Rebellen bekamen. Kämpfer mit Waffen in der Stadt – eine merkwürdige Faszination ging von diesen Männern aus, denen sie sich trotz der Warnung des Vaters näherten: „Krieg machte etwas mit den Menschen. Auch mit denen, die eigentlich mal mit guter Absicht gestartet waren“. Und trotzdem nehmen sie die Waffen der Rebellen in die Hand und schießen – aus Spaß. Es gefällt ihnen. Doch dann fallen die ersten Bomben, und der Krieg wird Realität. Die Terroristen des IS erobern Rakka, und die Kinder wurden wie alle Bewohner Zeugen von Hinrichtungen unschuldiger Menschen. Das zu lesen, ist fast unerträglich. Davon erzählt Abdullah auch im Heim und gewinnt so allmählich Verständnis für seine Situation.

Abdullah Al-Sayed hat ein beeindruckendes Buch geschrieben – spannend, ehrlich und ohne ideologische Scheuklappen berichtet er von der immer schwierigeren Situation in seiner geliebten Heimatstadt Rakka und seiner Ankunft in Deutschland – „ich bin dankbar und zufrieden“, schreibt er am Ende, als er in einer Wohngemeinschaft mit Julia und Max landet. Sein nächstes Ziel ist die Fachhochschulreife für Gesundheitswesen.

Mehr zum Thema

Abdullah Al-Sayed in Zusammenarbeit mit Kerstin Kropac: Geflüchtet. Zu Hause in Deutschland, daheim in Syrien. Roman. Arena Verlag, Würzburg 2018. 213 Seiten. 9,99 €. Ab zwölf Jahren

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