KInderroman von Davie Eggers : Wo die bösen Hollows wehen

Eine Reise ins Innere der Welt: Dave Eggers’ fantasiereicher Roman „Die Mitternachtstür“.

Eine geheimnisvolle Reise startet hier.
Eine geheimnisvolle Reise startet hier.Abbildung: S. Fischer Sauerländer

Das ist schon mal eine An- und Aussage, wenn der Autor eines Kinder- und Jugendromans das erste Kapitel dieses Romans mit gerade einmal einem Satz bestreitet: „Gran wollte nicht nach Carousel ziehen“. Hier wird ein Junge aus seinem gewohnten Umfeld gerissen, das wird sofort deutlich, und auch, dass es dafür besondere Umstände gibt, wie es zugleich der Beginn des zweiten, dann allerdings etwas längeren Kapitel andeutet: „Aber seinen Eltern blieb kaum etwas anderes übrig“. Und hier vermittelt überdies eben jener Autor, dass er Tempo erzeugen will, dass er vorhat, seine Geschichte in vielen kleinen Portionen zu erzählen, in diesem Fall in 113 Kapiteln, die überdies jeweils mit einer schwarz gezeichneten und die Atmosphäre des Romans schön einfangenden Vignette von Aaron Renier beginnen.

Man kennt Dave Eggers ja als einen der profiliertesten (und auch engagiertesten) amerikanischen Schriftsteller seiner Generation. Er ist Jahrgang 1970 und Autor von Erwachsenen-Romanen wie „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“, dem wunderbaren „Weit gegangen“ über die Odyssee eines kleinen sudanesischen Jungen oder von „The Circle“, einem Bestseller über die totalitären Versuchungen eines Internetkonzerns. Eggers hat sich jedoch mit „Bei den wilden Kerlen“ schon einmal auch erfolgreich an einem Roman für eine jüngere Leser- und Leserinnenschaft versucht: der Auserzählung von Maurice Sendaks Bildergeschichte „Wo die wilden Kerle wohnen“, einer Geschichte über den achtjährigen Max, dessen Eltern getrennt sind, der auch mit seiner Schwester nicht mehr klarkommt und dann ausbüxt, um sich auf eine lange Reise zu begeben, hin zu der Insel mit den wilden Kerlen.

„Die Mitternachtstür“ ist nun sein zweiter Kinder- und Jugendroman, mit einem Helden, der zwar ein paar Jahre älter als Max ist, nämlich Gran, abgekürzt für Granite, aber gewissermaßen auch auf Reisen geht: zunächst nach Carousel, in die Stadt, in die er nicht will. Die ist klein und hügelig, liegt nicht am Meer wie Grans Heimatstadt und wirkt zudem heruntergekommen mit ihren vielen schiefen Häusern und den Schlaglöchern in den Straßen. „Irgendetwas stimmt nicht“, sagt er zu seiner Mutter, die nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, und seinem Vater, den es wegen der Arbeit nach Carousel verschlagen hat, einen Ort im übrigen, der in früheren Zeiten von der Produktion großartig verzierter Karussells lebte.

Mehr Parks oder mehr Hubschrauber?

Was hier nicht stimmt, findet Gran bei seiner weiteren Reise heraus, und diese Reise ist eine in das Innere unter Carousel, in eine Welt voller Gangsysteme und Tunnel, in die er durch die titelgebende Mitternachtstür kommt. Eines Tages nämlich folgt er seiner Klassenkameradin Catalina Catalan in den Wald zu einem Hügel, in dem diese mit einem Türgriff in der Hand verschwindet. Sie freunden sich an, und Catalina nimmt ihn mit in ihrer Unterwelt, in die der Lifter. Gleichzeitig beginnen in Carousel Häuser einzustürzen, unter anderem auch Grans Schule, und spitzt sich der Streit zu um mehr Parks und Schulen oder um mehr Hubschrauber, um damit gegen angeblich die Stadt bedrohende Elche vorgehen zu können.

Es ist also viel los in Carousel, es gibt viel zu klären und aufzuklären für Gran und seine Freundin. Zumal im Innern unter der Stadt böse Winde ihr Unwesen treiben, die Hollows. Eggers erzählt seine fantasiereiche Geschichte schnell und mit einem schönen Gespür für die Nöte und die Gedankenwelt von Kindern. Aber er legt auch paar Motivspuren zu offensichtlich aus (Grans Vater ist Automechaniker, seine Mutter Kunstmalerin, die Karussellfabrik gehörte den Catalans, was Gran, als der Name fällt, erst mal gar nicht groß bemerkt) und enerviert zuweilen mit betont kurzen, schlichten Sätzen – auch einer jüngeren Leserinnenschaft sind längere Satzkonstruktionen durchaus zuzumuten.

Am glücklichen Ende fügt Eggers seine Motive und Erzählstränge pflichtbewusst zusammen. Trotzdem freut man sich, milde gestimmt, dass für Grans Eltern und für die Stadt Carousel alles gut wird. Und nicht zuletzt für Gran, von dem Eggers als Erzähler ruhig noch hätte sagen können, in einem 114. Kapitel: Gran wollte nicht mehr weg aus Carousel.

Dave Eggers: Die Mitternachtstür. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ilse Layer. S. Fischer Sauerländer, Frankfurt/Main 2018. 365 Seiten, 17 €. Ab elf Jahren.

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