Koloniale Raubkunst : Macrons Kulturpolitik bringt Berlin in Erklärungsnot

Die Bundesregierung hat die "Aufarbeitung des Kolonialismus" versprochen. Passiert ist bislang wenig. Paris zeigt Berlin nun, wie es geht.

Der französische Präsident Emmanuel Macron will in der Kolonialzeit geraubte Kunstschätze zurückgeben. Foto: AFP
Der französische Präsident Emmanuel Macron will in der Kolonialzeit geraubte Kunstschätze zurückgeben. Foto: AFPFoto: AFP

Absicht steckt wohl nicht dahinter. Dass der französische Präsident Emmanuel Macron mit seinem kulturpolitischen Vorstoß die Bundesregierung in Zugzwang bringen könnte, hat er sicherlich nicht geplant. Sein Vorhaben, die Erinnerungskultur in Frankreich umzukrempeln, hat mit Deutschland nichts zu tun.

An diesem Freitag wird Macron einen Bericht der beiden Wissenschaftler Bénédicte Savoy und Felwine Sarr entgegennehmen. Er hatte das Gutachten in Auftrag gegeben, um einen richtigen Umgang mit der kolonialen Raubkunst in Frankreichs Museen zu finden. Savoy und Sarr empfehlen eine bislang unvorstellbare Lösung: Sie fordern Frankreich auf, so schnell wie möglich alle Exponate zurückzugeben, die einst aus den Kolonien nach Frankreich gebracht wurden.

Sollte Macron Ernst machen und tatsächlich zigtausende Kunstschätze aus französischen Museen herausholen lassen, um sie nach Afrika zu senden, dürfte das nicht nur in der internationalen Kulturszene für Aufruhr sorgen. Auch die Bundesregierung muss reagieren, haben Union und SPD doch in ihrem Koalitionsvertrag die „Aufarbeitung des Kolonialismus“ versprochen – also das, was Macron jetzt fest entschlossen ist, in Frankreich zu tun.

Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Foto: Alain Jocard / AFP)
Der senegalesische Ökonom Felwine Sarr und die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Foto: Alain Jocard / AFP)Foto: AFP

"Deutschland muss entschlossen handeln"

Im Gegensatz zu dessen „großem Wurf“ und „mutiger Geste“ komme die Groko in der Sache kaum voran, kritisiert der Kolonialismus-Experte Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg. Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther meint, Paris lasse Berlin in der Sache ganz schön alt aussehen. „Frankreich macht es vor“, sagt sie. „Deutschland muss nun ebenfalls entschlossen handeln.“ Sie wünscht sich eine breite Diskussion über das zur deutschen Kolonialzeit begangene Unrecht. Die müsse „in alle gesellschaftlichen Teilbereiche“ getragen werden, „von der Politik über die Künste bis zu Recht, Wirtschaft und Bildung“.

In der Bundespolitik bleibt das Thema bislang ein Steckenpferd der Opposition. In Frankreich hat Macron das Andenken an die Gräuel in den ehemaligen Kolonien zur Chefsache gemacht, den Kolonialismus insgesamt als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt.

Die Groko hat zwei Kulturpolitikerinnen mit dem Thema beauftragt: Michelle Müntefering, SPD-Staatsministerin für internationale Kultur- und Bildungspolitik im Auswärtigen Amt, sowie CDU-Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Sie beschränken sich auf die Frage, wie Museen und Kulturinstitute mit kolonialer Raubkunst umgehen sollen. Dabei setzen sie auf die „Provenienzforschung“, die jahrelange wissenschaftliche Untersuchung ethnologischer Sammlungen wie im Berliner Humboldt-Forum. „Die bauen für 600 Millionen Euro ein Schloss“, sagt der Historiker Zimmerer. „Macron hält eine Rede.“ Gemeint ist die Ansprache des französischen Präsidenten in Burkina Faso, wo Macron den radikalen Kurswechsel in der Erinnerungskultur seines Landes einleitete.

"Es geht um Gesten und den richtigen Ton"

Der Historiker Zimmerer wünscht sich auch aus Berlin eine solche Botschaft. Er sieht den Bundestag, das Kanzleramt sowie den Bundespräsidenten in der Pflicht. Kappert-Gonther sieht das ähnlich: „Wir brauchen neue gesetzliche Grundlagen zum Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten, mehr Mittel für Provenienzforschung, und insbesondere einen klaren Zeitrahmen.“ Für Zimmerer geht es nicht nur um die Rückgabe umstrittener Kulturgüter. „Es geht um Gesten und den richtigen Ton“, sagt er. Die nötige Sensibilität lasse die Bundesregierung vermissen, etwa im Umgang mit Namibia, dem ehemaligen „Deutsch-Südwestafrika“.

Seit 2015 verhandelt Berlin mit der Regierung in Windhuk über eine „Aussöhnung“. In dem südafrikanischen Land haben deutsche Kolonialtruppen vor mehr als 100 Jahren einen Völkermord begangen. Die Nachfahren der Opfer fordern heute von Berlin eine offizielle Entschuldigung sowie Entschädigungszahlungen. Darauf warten sie bislang vergeblich, ebenso auf die Rückgabe aller menschlichen Überreste ihrer Vorfahren, die zu Zwecken der „Rassenforschung“ nach Deutschland gebracht wurden.

Wie im Oktober aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage hervorging, hat die Bundesregierung nicht einmal einen Überblick, wie viel Raubkunst und Leichenteile aus früheren Kolonien die Deutschen bis heute in Museen und Privatsammlungen horten. Umso wichtiger sei ein zentraler Gedenkort in Deutschland, um an die Schrecken der deutschen Gewaltherrschaft in den ehemaligen Kolonien zu erinnern, fordern Zimmerer und Kappert-Gonther. Die Aufgabe dürfe nicht Museen und Ethnologie-Instituten überlassen werden. Verantwortung übernehmen müsse an erster Stelle die Politik.

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