Kolumne Spiegelstrich : Wie neue Wirklichkeiten erschaffen werden

In den USA greift Trump inmitten der sozialen Unruhen die Medien an und in Deutschland attackiert die „Bild“ Drosten. Die Vorgänge haben etwas gemein.

Klaus Brinkbäumer
Wittert eine üble Kampagne: Julian Reichelt, Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktionen.
Wittert eine üble Kampagne: Julian Reichelt, Vorsitzender der "Bild"-Chefredaktionen.Foto: picture alliance / Bernd von Jut

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer. In seiner wöchentlichen Kolumne „Spiegelstrich“ betrachtet er das Verhältnis von Sprache und Politik.

Es ist aus mehreren Gründen, die vor allem den Intellekt und ganz am Rande die Physis betreffen, unangemessen, die Herren Julian Reichelt und Mathias Döpfner mit Donald Trump zu vergleichen, weshalb wir dies unterlassen. Wir möchten heute auf zwei Methoden hinaus.

In den hitzigen Debatten unserer Tage, digital wie auch sonstwie, wäre es ratsam, ein Grundschema zu respektieren, also zu wissen, wovon wir ausgehen und worüber wir anschließend streiten; es gäbe dann ein ebenerdiges Spielfeld und immerhin so etwas wie ein Regelbuch. Der ehemalige Senator Daniel Patrick Moynihan (1927 - 2003) schrieb 1983 in der „Washington Post“, dass jeder Mensch „ein Recht auf seine eigene Meinung, aber nicht auf seine eigenen Fakten“ habe.

Wohl wahr, Aufklärung funktionierte nicht immer: Mit Verdrehungen und Propaganda begannen zwei Weltkriege. Die jüngere Geschichte Europas und der westlichen Demokratie ist dennoch eine Geschichte rationalen Denkens und friedlichen Fortschritts.

Die erste Methode, die ich oben meinte, ist die Erosion der Verständigung darüber, was erwiesen und wahr ist – durch Fälschungen, Erfindungen, Lügen und natürlich die Leugnung von Daten und anderen Tatsachen. „Fake News sind das neue Giftgas. Die anderen verwenden es, also verwenden wir’s auch“, sagt ein Politikberater in Andrew Rossis Dokumentarfilm „After Truth“. Die zweite Methode ist dann die Umkehrung der Rollen: Der Angreifer erklärt sich zum Opfer und macht die Angegriffenen zu Tätern (was logischerweise die Angriffe rechtfertigt).

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

In den USA hat Trumps Beraterin Kellyanne Conway den Begriff „alternative Fakten“ erfunden (und sich später damit herauszureden versucht, dass sie „zusätzliche Fakten“ und „alternative Informationen“ versehentlich zusammengemanscht habe).

Auch jetzt, in die Trauer von Minneapolis und landesweite soziale Unruhen hinein, bezeichnet Trump Medien als „Volksfeinde“, die zusammen mit einer „radikalen Linken“ Jagd auf ihn machten. Dieses Szenario existiert in Amerikas Wirklichkeit nicht, doch sobald es etabliert ist, passt manches Detail dazu.

„Bild“ hat den Virologen Christian Drosten mit unsauberen Methoden attackiert, hat ihn mit der alten Kampagnentechnik schiefer Zitate, falscher Übersetzung sowie unter Verkennung komplizierter Vorgänge (wie arbeiten Wissenschaftler?) niederzuschreiben versucht. Dann hat Chefredakteur Reichelt das Spielfeld in Schräglage gebracht und dem „Spiegel“ gesagt, die Vorwürfe einer Kampagne gegen Drosten seien „Quatsch und frei erfunden“, Realität sei vielmehr eine „üble Kampagne“ der Kritiker gegen „Bild“.

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Reichelt hatte in jenem Moment gewonnen, in welchem der „Spiegel“ den „Glaubenskrieg“ um Christian Drosten auf sein Titelbild schrieb. Der Begriff „Framing“ meint das Erschaffen von Deutungsrastern. Dass, nun wieder in den USA, Demokraten und Republikaner gleichermaßen aggressiv die Polarisierung betrieben und dass die „New York Times“ genauso lüge wie Fox News (nein, viel mehr!), das ist politisches Framing.

Abgesehen davon, dass er mit Trump nicht zu vergleichen ist: Was hat nun Springers CEO Mathias Döpfner in diesem Text zu suchen?

Der versteht von Medien, Kunst und Musik viel, inzwischen sogar von der Mode der Zwanzigjährigen; und ein Gespräch mit Döpfner ist ein Vergnügen, da er Humor hat. „Die Branche“, wie die Welt des deutschen Journalismus sich nennt, sollte trotzdem aufhören, den Mann zu jener moralischen Instanz zu überhöhen, als welche er sich inszeniert.

Denn wer durch „Bild“ Geld und Macht erlangt, „Bild“ ansonsten nicht kennt und nicht steuert, erfindet sich eine zaubersüße Realität: Gibt’s gar nicht wirklich, dieses Schmuddeldings, ich habe Komplexeres zu lehren. Dies ist Döpfners Methode: das Beste zweier Welten und ein winziges bisschen Heuchelei.

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