"Kosmos"-Lesungen im Gorki-Theater : Wenn Paraguay am Meer liegt

Klima und Wandel: Die „Kosmos“-Lesungen im Maxim Gorki-Theater übersetzen Alexander von Humboldts Denken in die Gegenwart.

Verbrannte Erde, verbrannter Wald. Im südlichen Amazonasbecken soll die Operation Green Wave des brasilianischen Umweltinstituts der Abholzung Einhalt gebieten.
Verbrannte Erde, verbrannter Wald. Im südlichen Amazonasbecken soll die Operation Green Wave des brasilianischen Umweltinstituts...Foto: Bruno Kelly/Reuters

Wenn der Bundespräsident über Humboldt spricht, dann greift er hoch. Er ist schon lange „mein Held“, sagt Frank-Walter Steinmeier. Alexander von Humboldt habe das „schwierige Geschäft des Weltverstehens“ auf eine Art und Weise betrieben, die noch heute Standards setzt. Auf dieses Verständnis von Vernetzung und Globalisierung seien wir heute unbedingt angewiesen im scharfen internationalen Wettbewerb der Systeme und ökonomischen Interessen, in einer Welt von „Disruptionen“. Vom wissenschaftlichen Austausch hänge viel ab – die Zukunft des Planeten.

Dass Wissenschaft und Politik aufeinander hören müssen, das hat Steinmeier in seinen präsidialen Ansprachen verinnerlicht. Seine Worte zum Auftakt der „Kosmos“-Lesungen im Maxim Gorki Theater waren ein Echo jener Rede, die er vor zwei Monaten in der Universität von Quito, Ecuador, hielt, zur Eröffnung des Humboldt-Jahres 2019. Auf beiden Seiten des Atlantiks wird der 250. Geburtstag des preußischen Kolumbus gefeiert, des Forschungsreisenden, der den Satz prägte: „Alles ist Wechselwirkung.“

Humboldt formulierte ökologische Grundsätze, bevor der Begriff Ökologie existierte. Er brachte Naturbetrachtung, Kulturwissenschaft und Ökonomie zusammen, bekämpfte die Sklavenwirtschaft, postulierte die „Natureinheit des Menschengeschlechts“. Damit machte er sich nicht nur Freunde. „Er hatte es nicht leicht mit den Deutschen“, hält Steinmeier fest. Humboldt galt als zu franzosenfreundlich, zu kosmopolitisch, zu romantisch. Heute ist er Vorbild vieler Menschen, Berlin kann jetzt gar nicht genug Humboldt bekommen.

Spektakel in der Singakademie

In der Singakademie zu Berlin, dem heutigen Gorki Theater, entfaltete Alexander von Humboldt im Winter 1827/28 sein „Kosmos“-Spektakel. Wenige Monate zuvor ist er nach zweieinhalb Jahrzehnten in seine ungeliebte Geburtsstadt zurückgekehrt, zwangsweise. Seine finanziellen Ressourcen sind erschöpft, Bruder Wilhelm braucht ihn, und der preußische König hat die Geduld mit seinem immerzu abwesenden Kammerherrn verloren.

Humboldt tritt die Flucht nach vorn an: reden statt reisen. Was sich in 16 Vorträgen in der Singakademie vollzieht, lässt sich als die Begründung der modernen Wissenskultur verstehen. Der Saal platzt bei jedem Auftritt Humboldts aus allen Nähten. Man schätzt insgesamt bis zu 13000 Wissbegierige und Schaulustige bei diesen Lectures. Der Vortragszyklus schafft eine neue Form von Öffentlichkeit. Er zieht Zuhörer aus allen Schichten an, Männer wie Frauen. Humboldt ist Stadtgespräch.

Die Vossische Zeitung schreibt am 7. Dezember 1827: „Die Würde und Anmut des Vortrags, vereinigt mit dem Anziehenden des Gegenstands und der ausgebreiteten tiefen Gelehrsamkeit des Lehrers, die immer aus dem Vollen zu schöpfen vermag, dieser so seltene Zusammenfluss aller für die mündliche Belehrung ersprießlichen Eigenschaften, fesselt den Zuhörer mit unwiderstehlicher, in keinem Augenblick nachlassender Kraft.“ Neu ist, wie Humboldt Zusammenhänge präsentiert, wie Geist und Materie, Natur und Geschichte, Wissenschaft und Kunst und die eigenen Reiseabenteuer in einen mitreißenden Vortrag einfließen. Humboldt selbst zeigt sich überrascht, er spricht von einer „unerwartet lebhaften Teilnahme“.

Shermin Langhoff, die Gorki-Intendantin, ist stolz auf die demokratisch-freiheitliche Tradition. Sie sieht ihre Theaterarbeit auf dieser Linie, in die sich bald auch das Humboldt Forum stellen will, wenn es denn im Lauf des nächsten Jahres seinen Betrieb aufnehmen kann. Humboldt ist zu einer riesigen Projektionsfläche geworden, in der Forschung, in der Kultur und jetzt auch in der Politik. Im Humboldt-Jubiläumsjahr, so scheint es, wollen etliche Institutionen unter seinem Namen ihre Offenheit und Zukunftstauglichkeit beweisen.

Revolutionärer Blick auf die Erde

In den neuen „Kosmos“-Lesungen, die die Humboldt-Universität organisiert, geht es bis in den November hinein zum Beispiel um „Humboldts revolutionären Blick auf die Erde“, „Klimawandel und/oder Demokratie“, um seine „Reise zum Chimborazo, Wiege der Pflanzengeographie“ oder auch um „Kritik und Kompromiss – Humboldt als Politiker“. Zu Beginn sprach – nach Frank-Walter Steinmeiers Einführung – der brasilianische Klimaforscher und Friedensnobelpreisträger Paolo Artaxo von der Universität Sao Paolo über „The Scientific Challenge on Amazonia and Global Environmental Changes“.

Eine Erdbevölkerung, die auf zehn Milliarden Köpfe anwächst und in Mega-Cities lebt. Eine Erderwärmung bis 2050 um mehrere Grad. Eine Weltkarte, auf der Norddeutschland unter Wasser steht und Paraguay am Meer liegt. Das Szenario ist klar, ist bekannt, und doch muss man sich das immer wieder vor Augen führen, weil so viele Menschen die Tatsachen leugnen. Für die Absorption von CO2 ist das Amazonasgebiet von entscheidender Bedeutung. Dort wird abgeholzt, als gäbe es kein Morgen. Der neue brasilianische Präsident Bolsonaro, radikaler noch als sein Freund Trump im Norden, schert sich um Klima und Umwelt einen Dreck. Artaxo dagegen erdrückt die Zuhörer im Gorki Theater schier mit Fakten und Schautafeln, enthält sich jeden direkten politischen Kommentars. Und wenn er auf Alexander von Humboldt verweist, der als Wissenschaftler heute ähnlich alarmierende Schlussfolgerungen ziehen würde, dann muss man sagen: Humboldt hätte die Verursacher genannt, sich eingemischt in die Politik.

Bereits 1896 hat der schwedische Chemiker Svante Arrhenius den Zusammenhang von Emissionen und Klimaerwärmung erkannt, wie Artaxo ausführte. Man ahnt, wie oft der Brasilianer seinen Vortrag schon gehalten hat, wenn er so schwankt zwischen schlagenden Daten, Warnung und Frustration. Bald ein Jahrhundert lang ist also nichts Wesentliches geschehen, die fatale Entwicklung zu stoppen. Das ist eine bittere Erkenntnis der ersten „Kosmos“-Lesung 2019. Wenn es noch einmal hundert Jahre dauert, bis der Weltklimarat sich entscheidend durchsetzt, ist die Welt kaputt. Eine entfernte Verwandte von Arrhenius, eine 16-jährige Schülerin, will sich damit partout nicht abfinden. Ihr Name ist Greta Thunberg. Rüdiger Schaper

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