Ein Bronze gewordenes Symbol des Sozialismus

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Kunst vorm Bau (6) : Fünfzig Tonnen Siegesgewissheit
Schweigender Koloss. Das Thälmann-Denkmal, entworfen vom sowjetischen Monumentalplastiker Lew Kerbel, wurde 1986 eingeweiht.
Schweigender Koloss. Das Thälmann-Denkmal, entworfen vom sowjetischen Monumentalplastiker Lew Kerbel, wurde 1986 eingeweiht.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Alles, was mit dem Thälmann zu tun habe, errege leicht die Öffentlichkeit, stellt der den Sockel kartierende Restaurator fest, der im Inneren der Plastik eine Bestandaufnahme der Korrosionsschäden an der Stahlstützkonstruktion gemacht hat. Passanten sprächen ihn immer wieder auf „unseren Teddy“ an, dessen revolutionäre Aura die seit 2013 gegen eine Bebauung des ebenfalls pflegebedürftigen Thälmannparks streitende Anwohnerinitiative auch mal für ihre Kampagne „Teddyzweinull“ eingespannt hat. Ein junger Mann lobte gar, „schön, dass sie unsere Ideale bewahren“, amüsiert sich Jehle. Nichts liegt dem gebürtigen Sachsen ferner. „Ein Restaurator ist ideologisch neutral.“ Trotzdem bewundert er die Qualität der kunsthandwerklich hochwertigen Arbeit. „Die haben drinnen sogar eine Beleuchtung, eine Sickergrube und einen Wartungsschacht eingebaut.“ Und doch hat er drinnen 75 Prozent Luftfeuchtigkeit gemessen, was zu den Rostschäden führt. „Das Problem hatte auch der Alte Fritz unter den Linden, da wurde eine Lüftung installiert.“ Jehle empfiehlt für die von Metall- und Steinrestaurateuren durchgeführte Sanierung, die nach Auskunft der Landesdenkmalamtes frühestens nächstes Jahr beginnt, den Einbau von Belüftungsschlitzen und die regelmäßige Erneuerung der Wachsschicht, die die Bronze-Patina gegen Graffiti schützt.

So vergeht der Ruhm der Welt

Um die beiden Stelen mit Zitaten von Honecker und Thälmann zu sehen, die die Büste bis zum Abbau im Jahr 1990 im Vordergrund des Platzes flankierten, muss man in den Westen rübermachen. Im ehemaligen Proviantmagazin der Zitadelle Spandau stehen die bronzenen Riesenschrifttafeln in der tollen Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ (Mo-So 10-17 Uhr). Und zwar im letzten Raum, genau gegenüber von Lenins auf der Seite liegendem Kopf. Museumschefin Urte Evert ist von der kunsthistorischen Bedeutung der antimodernen, naturalistischen Thälmann-Skulptur überzeugt. „In ihrer Zeichenhaftigkeit und Enthistorisierung des in früheren Entwürfen noch als wirklicher Mensch dargestellten Thälmann markiert sie das Schlusslicht seiner Darstellung.“ Ein Bronze gewordenes Symbol des Sozialismus, als tragische Realsatire in die Endzeit der DDR gepflanzt.

Vormittags bei Teddy. Nur ein einsamer Gassigeher stapft über den Appellplatz. Abends ist hier mehr los.
Vormittags bei Teddy. Nur ein einsamer Gassigeher stapft über den Appellplatz. Abends ist hier mehr los.Foto: Kai-Uwe Heinrich

„Sic transit gloria mundi“, denkt man angesichts der auf der Zitadelle versammelten Relikte untergegangener Reiche, wobei die Heroen der wilhelminischen „Siegesallee“ genau so propagandistisch wie Thälmanns Textstelen ausfallen. Restaurator Jehle hat sie ebenfalls für sein Gutachten untersucht. Sie gehören ja zur Denkmalanlage dazu. Wobei das Bezirksamt Pankow verneint, die Dinger eines Tages wieder am Denkmal aufstellen zu wollen, obwohl das immer wieder diskutiert wird. Besser so. Ohne kommentierende Informationstafeln, die alle paar Jahre gefordert und begrüßt, aber – anders als der knappe Geschichtsabriss des Quartiers im S-Bahnhof Greifswalder Straße – nie realisiert werden, wäre deren Aufstellung reine Historienfolklore.

Welche Bedeutung hat das Denkmal heute?

Dass parallel zur Denkmalsanierung auch gleich die längst fällige Neugestaltung des unbehausten, nachts ins Dunkel fallenden Platzes samt seiner fehlenden Geschichtsvermittlung in Angriff genommen wird, steht im langstieligen Berlin nicht zu befürchten. Jetzt hält der Bezirk im November erstmal ein öffentliches Kolloquium ab, wo Fragen wie „Welche Bedeutung könnten das Denkmal und seine Umgebung heute haben?“ diskutiert werden sollen. Das lässt sich eigentlich bündig mit einem Zitat von Flierl beantworten, der in den Achtzigern zu der Gegnern der Gasometer-Sprengung gehörte und trotzdem dafür plädiert, das Denkmal als Teil der Geschichte anzunehmen. „Damit es uns erinnere, wie viel wir uns haben gefallen lassen, und damit es durch unsere eigene veränderte Wahrnehmung immer mehr zum prähistorischen Fossil werde, das uns anzeige, wie viel geschichtlichen Abstand wir bereits gewonnen haben.“

Die Abendsonne vergoldet jenseits der Greifswalder Straße die Fassaden. Im Gegenlicht sehen Thälmanns Züge düster und steinern aus. Trotzdem herrscht zu seinen nicht vorhandenen Füßen Betrieb. Gassigeher und Biertrinker stromern über den Platz. Ein paar Jungs skaten auf dem Sockel, zwei Mädels aus der Siedlung hocken im Schneidersitz daneben und hören Deutschrap. Jasmin hat keine Ahnung, wer der Riesenkerl da über ihr ist. Jule schon. „Ein Widerstandskämpfer, der im KZ Buchenwald erschossen wurde.“ Warum sie hier abhängen? „Weil es ein cooler Treffpunkt ist, den jeder von weitem sieht.“ Das ist bei der Denkmalrezeption im öffentlichen Raum jetzt der ganz bodenständige Ansatz. „Kapitalismus macht einsam“, behauptet einer der Sprüche, mit denen der Denkmalsockel über und über bekritzelt ist. Stimmt in Teddys Fall aber nicht.

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